Ein politisches Manifest, gespielt vom Ensemble Resonanz

Hamburg. Ein Wahlabend ohne Liveschaltung, Fähnchen und Plakate, ist so etwas vorstellbar? Ja, wenn so kluge Dramaturgen am Werk sind wie die der Initiative "Happy New Ears" und des Ensemble Resonanz. Sie haben das Programm "The American Dream" ausgeheckt, das am Dienstagabend - in den USA hatten manche Wahllokale gerade erst geöffnet - über die Bühne des Thalia in der Gaußstraße ging.

Um den Wahlausgang bekümmerte sich vordergründig niemand. Doch die versammelten Texte, Gedichte und Lieder ergaben ein dezidiertes wie amüsantes Manifest - bis hin zur Quintessenz aus der Feder des unverwüstlichen John Cage. Die Sopranistin Frauke Aulbert rappte Cages Diktum vielsprachig und bis in stratosphärische Höhen, eine Hand in die Seite gestemmt: "Die beste Regierungsform ist keine Regierung."

Es ist ein seltenes (und leider teures) Glück, so viele verschiedene Akteure auf einer Bühne zu erleben, die sich zu einem großen Ganzen fügen. Tilo Werner rezitierte einen Reigen von Texten, von Raymond Carvers whiskygetränktem Elend bis zu einem politischen Bekenntnis Barack Obamas aus dem Jahre 2006, mal zornig und oft aber auch in vielen feinen Abstufungen der Ratlosigkeit. Die A-cappella-Gruppe BART besang liebevoll ironisch das ländlich-sittsam-bürgerliche Selbstverständnis Amerikas in Liedern von Aaron Copland. Umso bissiger sang und deklamierte der junge Bariton Ronaldo Steiner "Vote for Names", das Charles Ives zur Präsidentenwahl vom 5. November 1912 komponiert und Reinhard Flender für Ensemble bearbeitet hatte.

Ives war das musikalische Rückgrat des Abends. Wie nebenbei führten die Musiker durch Ives' Entwicklung, von seinem fast klassisch formalen ersten Streichquartett über vier knirschend rhetorische Lieder bis zur berühmten "Unanswered Question".

Der Spannungsbogen war nicht zuletzt der Lichtregie zu verdanken. Sie blendete die Beteiligten dezent ein und aus und ließ die drei Musiker, die bei Henry Cowells Stück für Ensemble und Donnerstöcke dieselben schwangen, wie rote Derwische erscheinen.

Unversehens war auch ein kleines Requiem ins Programm geraten: "Bariolage" von Elliott Carter, der am Vortag in New York gestorben war. Die Harfenistin Anna Viechtl zupfte, schlug und hauchte diese hochkomplexe Musik und sah mit ihren fließenden blonden Locken und weißem Kleid auch noch aus wie ein Himmelsbote. Ein gänzlich unpolitischer. Ausnahmsweise.

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