01.11.12

Kinostart 1.11.2012

"Sag, dass du mich liebst": Im Schutz des Studios

Regisseur Pierre Pinaud ist ein einfühlsames Frauenporträt mit Karin Viard in der Hauptrolle als zwiegespaltene Radiomoderatorin gelungen.

Von Volker Behrens
Foto: DPA
Die Frau am Mikrofon nennt sich Mélina (Karin Viard), sie weiß Rat in allen Lebenslagen. Außerhalb des Senders aber versteckt sie sich
Die Frau am Mikrofon nennt sich Mélina (Karin Viard), sie weiß Rat in allen Lebenslagen. Außerhalb des Senders aber versteckt sie sich

Wenn ihre Sendung im Radio beginnt, hören die Menschen ganz genau hin. Claire Martin (Karin Viard) ist eine Kummerkastentante, ein weiblicher Dr. Marcus. Schlagfertig, witzig und lebensklug geht sie auf die Sorgen ihrer Hörer ein. Besonders Frauen finden ihre Sendung gut. Für viele, die einschalten, ist die Sprecherin mit ihrer vertrauten Stimme eine Art Familienmitglied geworden. Sie bekommt Berge von Hörerpost. Im Gegensatz dazu kennt ihr Gesicht außerhalb des Senders kaum jemand, und sie versteckt sich hinter dem Künstlernamen Mélina.

Aber wehe, wenn die Sendung vorüber ist. Dann wird aus Mélina wieder Claire, und die kompetente 40-Jährige verwandelt sich in ein neurotisches Bündel, eine total verunsicherte Person. Sie hat ihr Leben mit zahlreichen Regeln zugepflastert, die ihr Halt geben sollen. Mit Straßenschuhen in die Wohnung? Niemals. In der Wohnung zieht sie sich verängstigt in einen Wandschrank zurück, in dem sich auch ihr Bett befindet. Andere Menschen? Viel zu gefährlich, weil sie Bazillen mit sich herumtragen. Als Kind ist Claire von ihrer Mutter verlassen worden, nun hat ein Detektiv ihre Adresse herausgefunden. Die Mutter lebt ganz in der Nähe ...

Die Protagonistin von "Sag, dass du mich liebst" ist eine schillernde Persönlichkeit mit zwei ganz unterschiedlichen Seiten. Im geschützten Raum des Hörfunkstudios ist sie souverän, privat drohen ihre Ticks und Macken überhandzunehmen. Das ist eine dankbare Rolle für eine Schauspielerin, und Karin Viard nutzt die Chance mit viel Charme und beängstigend überzeugendem neurotischen Potenzial. Schön zu sehen, wie sie vorsichtig tastend aus ihrem Schneckenhaus herauskommt. Regisseur Pierre Pinaud gelingt es in seinem ersten Spielfilm nicht immer, die Klischees zu vermeiden, die die Doppelbödigkeit der Handlung mit sich bringt. Dennoch bringt er die Tragikomödie mit einer Leichtigkeit auf die Leinwand, die für seine Zukunft hoffen lässt.

Bewertung: empfehlenswert

"Sag, dass du mich liebst" F 2011, 89 Min., ab 6 J., R: Pierre Pinaud, D. Karin Viard, Nicolas Duvauchelle, Nadia Barentin, täglich im Abaton (OmU), Holi; www.sag-dass-du-mich-liebst.de

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