01.11.12

Kinostart: 1.11.2012

"Oh Boy": Rat- und ziellos in Berlin

Die schräge Komödie "Oh Boy" von Ole Gerster mit Tom Schilling in der Hauptrolle zeigt einen Ex-Studenten auf der Suche nach dem Sinn.

Von Michael Ranze
Foto: DPA
Kinostarts - "Oh Boy!"
Niko (Tom Schilling, l.) und sein Vater (Ulrich Noethen) sehen die Dinge des Lebens in der Regel ziemlich unterschiedlich

Es ist einer dieser Tage, und am besten wäre Niko Fischer (Tom Schilling) wohl im Bett geblieben: Erst verlässt ihn seine Freundin, dann rasselt er durch den Idiotentest, schließlich dreht der Vater, von Ulrich Noethen in einer Mischung aus Arroganz, Gemeinheit und Enttäuschung gespielt, den Geldhahn zu, weil ihm klar geworden ist, dass Niko sein Jurastudium schon lange geschmissen hat. Und so streift Niko, dieser unentschlossene Slacker, ziellos durch Berlin, auf der Suche nach einer ganz normalen Tasse Kaffee. Gar nicht so einfach bei der riesigen Auswahl und den exorbitanten Preisen in diesen modernen Coffeeshops.

Regiedebütant Jan Ole Gerster, der auch das Drehbuch geschrieben hat, wirft seinen Protagonisten einen Tag und eine Nacht lang in eine Abfolge episodenhafter Prüfungen, in denen er sich nur unzureichend bewährt. Der Film schaut mal hierhin, mal dorthin, planlos, sprunghaft und mäandernd. Das gibt "Oh Boy" eine ungewohnte Struktur, in der alles möglich scheint, in der alles erlaubt ist.

Nicht nur, dass Schauspieler wie Justus von Dohnányi, Ulrich Noethen und Michael Gwisdek nach kurzen, prägnanten Auftritten aus dem Film verschwinden, so, als seien sie zurückgelassen und vergessen worden. Auch die einzelnen Episoden unterscheiden sich in Ton und Humor, ob albern oder ironisch, ob leichtfüßig oder beklemmend, ob parodistisch oder surreal, ob als visueller, perfekt getimter Sketch oder als pointenreicher Dialogwitz. Gerster hat in Schwarz-Weiß gedreht und den Film mit einem Jazzscore unterlegt. Das gibt "Oh Boy" eine traumhafte, mythisch überhöhte und streng stilisierte Qualität, in der nichts - erst recht keine Farbe - vom Geschehen ablenken soll. Möglich auch, dass Gerster Spuren auslegen wollte zur Filmgeschichte, zu den Schwarz-Weiß-Filmen von Woody Allen oder von Jim Jarmusch. Assoziationen, die nicht stimmen müssen. Gerster hat eine sehr eigenständige, ungewöhnliche Komödie inszeniert, die keiner Vorbilder bedarf.

Bewertung: empfehlenswert

"Oh Boy" D 2012, 88 Min., ab 12 J., R: Jan Ole Gerster, D: Tom Schilling, Marc Hosemann, Friederike Kempter, Michael Gwisdek, täglich im Abaton, Zeise; www.ohboy.x-verleih.de

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