27.10.12

Trauer

Komponist Hans Werner Henze ist tot

Henze starb am Sonnabend im Alter von 86 Jahren, wie sein Musikverlag mitteilte. Er gilt als der meistgespielte zeitgenössische Komponist.

Foto: picture-alliance
Der deutsche Komponist Hans Werner Henze ist gestorben
Der deutsche Komponist Hans Werner Henze ist gestorben

Mainz. Der deutsche Komponist Hans Werner Henze ist tot. Henze sei am Sonnabend in Dresden im Alter von 86 Jahren gestorben, teilte der Mainzer Musikverlag Schott Music auf seiner Internetseite mit. Der in Gütersloh geborene Henze gilt als der meistgespielte zeitgenössische Komponist.

Als Künstler und Mensch ist Hans Werner Henze immer ein Einzelgänger gewesen. Der deutsche Komponist hatte schon in frühen Jahren seine Heimat verlassen, weil in den 50er Jahren Homosexualität noch strafbar war. Als schöpferischer Musiker stand er zwischen den avantgardistischen Neutönern, denen er zu schon zu deren Blütezeit die Gefolgschaft aufkündigte, und der melodischen Tradition, von der sich der Schüler von Arnold Schönbergs Zwölftontechnik nicht fesseln lassen wollte. Am Samstag starb Henze im Alter von 86 Jahren in Dresden.

Henze komponierte im Laufe seines langen Lebens etliche Opern und Ballettmusiken, dazu zehn Symphonien, Kammermusik und etliche Auftragsarbeiten. International bekannt wurde der im westfälischen Gütersloh geborene Lehrersohn 1964 mit der Oper "Der junge Lord", die in Zusammenarbeit mit der eng befreundeten Schriftstellerin Ingeborg Bachmann entstand.

Wenige Jahre später wurde Henze bekennender Anhänger der Linken, dem getöteten Revolutionär Che Guevara widmete er sein Oratorium "Das Floß der Medusa". Die Hamburger Uraufführung dieses Oratoriums 1968 endete mit einem Eklat. Henze verließ unter Protest die Akademie der Künste im damaligen Westberlin, der er seit 1960 angehörte, und wechselte zur DDR-Akademie in Ostberlin. Erst 2001 versöhnte sich der Komponist wieder mit der nun gesamtdeutschen Institution.

Bis vor wenigen Wochen war 2001 in Hamburg auch Henzes wohl politischstes Werk zuletzt auf einer Opernbühne zu erleben. Doch die Dresdner Semperoper tat es im September den Kollegen aus dem Norden gleich und brachte "Wir erreichen den Fluss – We come to the river" auf die Bühne, obgleich es als zu spröde, zu störrisch, zu politisch und vor allem zu aufwendig gilt.

Die Oper stammt aus dem Jahr 1976, als Henze noch selbst bekennender Marxist und die junge Generation der Bundesrepublik politisch elektrisiert war. Doch die junge Regisseurin Elisabeth Stöppler ließ sich nicht schrecken von all den Vorbehalten und entwickelte für die Oper ihr ganz eigenes Konzept. Die Premiere hatte großen Erfolg, doch der größte Applaus des Abends gebührte Henze selbst: Elegant gekleidet, mit kahlem Kopf und auf einen Stock gestützt verfolgte er sein Meisterwerk. Schon vor Beginn der Aufführung wurde er vom Publikum stürmisch gefeiert.

Auf der Suche "nach dem vollen, wilden Wohlklang"

Weltanschaulich stand Henze sozialistischen Ideen und Idealen nah, privat pflegte er einen ausgesprochen großbürgerlichen Lebensstil, zu dem auch die luxuriöse Villa "La Leprara" in der Nähe von Rom gehört. Über Musik und Kunst hatte der Deutsche im selbst gewählten Exil oft nachgedacht und geschrieben, davon zeugt die Liste seiner Veröffentlichungen, die auch den aufschlussreichen Briefwechsel mit Ingeborg Bachmann enthält.

Weniger bekannt, aber nicht weniger verdienstvoll sind Henzes Aktivitäten als Musikpädagoge. Der Komponist ist der Begründer des Cantiere Internazionale d'Arte in Montepulciano. Das war ein Musikfest, bei dem Künstler aus aller Welt zusammen mit der einheimischen Landbevölkerung und Kindern Kunst machten. Nach einem Zerwürfnis mit dem Stadtrat des berühmten italienischen Weinortes trat Henze 1992 von der Leitung des Festivals zurück.

Zwei Jahre zuvor war Henzes Oper "Das verratene Meer" in Berlin uraufgeführt worden. Das Libretto dazu stammte von dem Schriftsteller Hans-Ulrich Treichel, der die Zusammenarbeit mit einem musikalischen Genie in seinem Roman "Tristanakkord" amüsant verarbeitete. Auf der Suche "nach dem vollen, wilden Wohlklang" und im Sinne seines Verständnisses von Musik als "ein Ausdrucks- und Kommunikationsmittel von und zwischen Menschen" bediente sich Henze bei seinen Schöpfungen der Mittel, die ihm geeignet schienen – ob sie nun aus der Tradition der klassischen Moderne oder der Neuen Musik stammten. Als Eklektiker bezeichnet zu werden, dürfte der Komponist nicht als rufschädigend angesehen haben.

Henze selbst äußerte sich über seine Arbeitsweise einmal sehr reflektiert: "Das Komponieren von Musik könnte man als Anstrengung erklären, die es zum Ziel hat, eine im Grunde rohe und unbewegte Materie in Bewegung zu setzen und ihr etwas abzugewinnen, das wider ihre spezifische Natur gerichtet ist, etwas, das den Gegebenheiten dieser Natur zum Trotz zu Stande kommt und ihre Rohheit und Sprachlosigkeit besiegt. Der Zustand, der sich aus einem solchen Combat ergibt, ist künstlich oder kunstvoll; ein Kunstwerk". Hans Werner Henze hat in einem langen Künstlerleben diesen Kampf ums Werk immer wieder gewonnen.

dapd
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