27.10.12

ARD-Historiendrama

Ulrich Tukur: Als Rommel auf verlorenem Posten

Ulrich Tukur verkörpert den Nazi-Generalfeldmarschall Erwin Rommel in einem Geschichtsdrama, das die ARD am 1. November zeigt.

Von Matthias Gretzschel
Foto: DPA
ARD zeigt "Rommel"
ARCHIV - Schauspieler Ulrich Tukur als Erwin Rommel. Das Erste zeigt den Film am 1. November 2012

Hamburg. Am 1. November sendet die ARD ein Geschichtsdrama über den Wehrmachtsgeneral Erwin Rommel, das schon im Vorfeld für Aufregung sorgte. Catherine Rommel hatte sich beim Südwestrundfunk darüber beklagt, dass das Drehbuch der Persönlichkeit ihres Großvaters nicht gerecht werde. Wir sprachen mit Ulrich Tukur, der Rommel in der Teamworx-Produktion verkörpert, über seine Sicht auf den widersprüchlichen General.

Was wussten Sie über Rommel vor dem Filmprojekt?

Ulrich Tukur: Ich wusste, dass er der berühmte "Wüstenfuchs" war, ein erfolgreicher Truppenführer in zwei Weltkriegen, und dass er irgendetwas mit dem Widerstand zu tun hatte. Ich wusste von dem erzwungenen Selbstmord. Viel mehr aber auch nicht.

Wie haben Sie sich der Figur genähert?

Tukur: Ich habe mich immer für die deutsche Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts interessiert. In Vorbereitung des Films habe ich zwei Rommel-Biografien gelesen und mir viel dokumentarisches Material angesehen. Als Erstes fiel mir sein schwäbischer Akzent auf. Ich selbst stamme aus schwäbischer Familie und viele meiner Vorfahren und Verwandten, die im Bereich der Schwäbischen Alb lebten, sprachen diesen Dialekt. Ich kann ihn ganz gut nachmachen. Es war also am Anfang eine Art musikalische Annäherung. Das war das Äußere, die Hülle. Dann geht man nach innen und versucht die Zerrissenheit, die Nöte und Ängste eines Menschen durch die starre soldatische Fassade hindurch sichtbar zu machen. Rommel hat sicher unter seiner Abhängigkeit von Hitler gelitten und seiner Unfähigkeit, den notwendigen Schritt zu tun.

Erwin Rommel kommt bei Ihnen sehr sympathisch rüber. Er war aber auch ein Nazi-General, der einen Krieg führte, der vom ersten Tag an ein Vernichtungskrieg war. Und er wusste, was in Deutschland vor sich ging, nicht erst seit 1944.

Tukur: Da gibt es widersprüchliche Angaben von Zeitgenossen. Über den Holocaust wird er bis ins Jahr 1944 nichts Genaues gewusst haben. Aber man muss die Menschen in ihrer Zeit sehen. Sie waren anders als wir heute, ihre Erziehung war autoritär, sie hatten andere Werte, das Lebensgefühl war mit unserem überhaupt nicht zu vergleichen. Wir müssten sie ja sonst alle in Bausch und Bogen verdammen und behaupten, dass jeder, der beim Militär eine Rolle gespielt hat, ein Verbrecher war. Das beträfe dann auch moralisch integre Menschen wie Henning von Tresckow, Stauffenberg, von Stülpnagel und andere. Sie alle waren dabei, als Polen 1939 überfallen wurde. Interessant ist, wie sich im Koordinatensystem eines großen Verbrechens die einzelnen Menschen verhielten, etwa in der Wehrmacht. Da gibt es sicher viele, die sich schäbig benahmen und zusätzlich Unheil anrichteten. Aber auch solche, die herausragten und Menschen geblieben sind. Das trifft zum Teil auf Rommel zu.

Die Rolle, die Rommel in der NS-Propaganda gespielt hat, zeigt der Film nicht, das setzt er einfach voraus.

Tukur: Natürlich wird etwas Wissen vorausgesetzt. Warum auch nicht? Die Dokumentation, die im Anschluss an den Film gezeigt wird, nimmt sich ja dieses Themas an und zeigt im Gegensatz zu unserer Nahaufnahme den größeren Hintergrund. Rommel war zu einem guten Teil das Produkt der goebbelsschen Propagandakunst, und das hat ihn in eine perfide psychische Abhängigkeit zu diesen Leuten gebracht.

Was auch mit Eitelkeit zu tun hatte.

Tukur: Natürlich, das war ganz sicher so. Aber am Ende haderte er damit, und er war einer der wenigen Generäle, die Hitler widersprachen und von der Notwendigkeit einer politischen Lösung zu überzeugen versuchten. Anders als beispielsweise der unsägliche Wilhelm Keitel hat er seinen Gehorsam zuletzt infrage gestellt. Aber den entscheidenden Schritt hat er nicht gewagt.

Wie hat sich Ihre Sicht auf Rommel durch den Film verändert?

Tukur: Ich hatte ihn nie als die tragische Figur begriffen, die er eigentlich war. Er bekommt vom Schicksal einen Augenblick zugespielt, den er hätte nutzen müssen, um einzugreifen in den Irrsinn dieses Krieges, um Geschichte zu machen. Er wollte den sinnlosen Kampf an der Westfront beenden. Es ist bewiesen, dass er Kontakt zu anderen Generälen aufnahm, sogar zum SS-General Sepp Dietrich, um eine konzertierte, von Hitler unabhängige Kapitulation einzuleiten. Nicht auszudenken, was das bewirkt hätte. Dann kommt das große Pech, vielleicht die wirkliche Tragödie seines Lebens: Er gerät in einen Tieffliegerangriff, wird schwer verwundet, fällt ins Koma und liegt Wochen tatenlos im Krankenhaus. Das Attentat auf Hitler findet statt. Plötzlich spielt er keine Rolle mehr und wird vom Räderwerk der Geschichte zermalmt.

Wie erklären Sie sich, dass so viel Aufhebens um das Filmprojekt gemacht wird?

Tukur: Ich war selbst erstaunt, welche Strahlkraft der Generalfeldmarschall immer noch besitzt. Er war lange in unserem kollektiven Bewusstsein und auch dem anderer Völker verankert als die Verkörperung des sauberen Kriegers, der deutschen Ausnahme im Zweiten Weltkrieg, des Draufgängers ohne Furcht und Tadel. Und das ist er in gewissem Sinne auch heute noch. Die kritische Haltung der Familie Rommel hat ja im Wesentlichen zu dieser Aufmerksamkeit beigetragen. Ich heiße sie nicht richtig, kann sie aber verstehen. Es ist schwierig, das lieb gewordene Bild eines Familienangehörigen plötzlich in den Händen anderer Menschen zu wissen, die es retuschieren, verändern, möglicherweise zerstören könnten. Aber Rommel ist nun mal eine Figur der Zeitgeschichte, und als solche gehört er der Geschichtsforschung und der gesamten Menschheit. Wir haben uns ihm trotzdem respektvoll und behutsam genähert und dabei ein paar Behauptungen, die sein Leben umranken, ins Land der Legenden verwiesen. Wir haben ihn nicht demontiert, sondern versucht einen Menschen zu zeigen, der an sich und seiner Zeit zerbrochen ist.

Sie haben einmal gesagt, Sie hätten die Rolle lieb gewonnen.

Tukur: Ich habe eine große Sympathie für Menschen, die Angst haben, die auf verlorenem Posten stehen und trotzdem kämpfen, die verzweifelt und hilflos sind. Denn wer von uns war nicht schon einmal in einer Situation, in der er alles falsch gemacht hat? Rommel sah, dass ihm alles entglitt, und er wusste, dass er nie die Kraft finden würde, den einzig richtigen Schritt zu tun: Tyrannenmord.

War er letztlich diesem militärischen System zu stark verhaftet?

Tukur: Sicher, er war Soldat durch und durch. Ein Treueschwur galt und war nicht zu hinterfragen. Diese Werte, die uns heute nicht mehr verständlich sind, waren unverbrüchlich und haben katastrophale Auswirkungen gehabt, als sie von einem verbrecherischem System instrumentalisiert wurden.

"Rommel" Do 1.11. 20.15 ARD

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