Traurige Erinnerungen in fröhlichen Bildern

Peggy Parnass und Tita do Rêgo Silva stellen ihr Buchkunstwerk "Kindheit" vor

Polittbüro. Wie fühlt sich Kindheit an? Weich und rau zugleich. Mit dem großformatigen Buch der beiden Hamburgerinnen Peggy Parnass und Tita do Rêgo Silva lässt sich diese wichtige, prägende, halb bewusste Phase des Lebens im doppelten Sinne begreifen.

Wer mit den Fingern über den Einband aus sattem Stoff fährt, der spürt etwas Schönes und etwas Schroffes. Ein sinnliches Erleben, das sich im Inneren fortsetzt. In den berührenden, erschütternden, poetischen Erinnerungstexten der deutsch-schwedischen Schauspielerin, Autorin und großen Einmischerin Parnass. In den kantigen, kunstvollen, farbstarken Farbholzschnitten der brasilianischen Künstlerin do Rêgo Silva. Und im Herzen eines jeden Betrachters.

Das Bilder- und Lesebuch "Kindheit" ist das Werk einer innigen Frauenfreundschaft in einem Dorf namens St. Georg. Zwischen Hauptschlagader Lange Reihe und dem Atelier Koppel 66. Wo die Südamerikanerin, die auf dem Papier so gerne eigenwillige Fabeltiere erschafft, auf dem Balkon gegenüber Ende der 80er-Jahre immer wieder ein äußerst eigenwilliges Geschöpf beim Pflanzengießen sah: "Sie hatte eine Unmenge rotes Haar und war fast immer splitternackt." Parnass. Kennengelernt haben sich die beiden kreativen Seelen dann bei einem gemeinsamen Freund, dem Maler und Bildhauer Uli Rölfing.

Sehr liebevoll schreibt Parnass im Nachwort des Buches über ihre Verbindung zu der Frau mit dem offenen, dunklen Blick. "In den Monaten im Krankenhaus St. Georg wurde Tita mir richtig wichtig", erzählt Parnass, die 2004 einen schweren Unfall erlitt. Die heiteren Bilder und das knusprige Hühnchen der Brasilianerin hätten sie wieder zu Kräften gebracht. Unter dem Text sind die beiden in einem runden, rostrot leuchtenden Doppelporträt eingefasst. Zwei wild gelockte Wesen. Ganz so, als wollte do Rêgo Silva der Zweisamkeit mit diesem Holzschnitt eine Medaille verleihen. Und Parnass, die fast hundert Familienangehörige, darunter Eltern und Großeltern, in Konzentrationslagern der Nationalsozialisten verlor, weiß dieses ganz besondere Gut der Freundschaft womöglich noch wesentlich mehr zu schätzen als andere. Do Rêgo Silva wird gemeinsam mit Mann Hinnerk und Sohn Luis zum Teil ihres familiären Kosmos.

Parnass schreibt davon, dass ihre Mutter und ihr Vater, "Mutti und Pudl", weder Grab noch Grabstein hätten. "Aber jetzt dieses wunderbare Buch zu ihren Ehren", wie sie es formuliert. Ein Satz wie ein erleichtertes Seufzen. Als sei da etwas zur Ruhe gekommen durch die Kunst, den Prozess. Ihre Erinnerungen, die beglückenden, nagenden, uneindeutigen und fürchterlichen, haben einen Ort gefunden. Es sind Schlaglichter auf Papier, die uns zeigen, wie die eigene Geschichte mit der kollektiven verwoben ist. Und die uns nachdenklich machen, die Fragen aufwerfen. Zum Beispiel die nach dem changierenden Charakter der eigenen Vergangenheit.

"Meine Erinnerungen wechseln von Tag zu Tag, ganz nach Verfassung. Entweder nur eine Aneinanderreihung von Albträumen. Oder so, dass es mir vor Sehnsucht und Verlangen das Herz zerquetscht", erläutert Parnass. Und wenn sie, die Schreibende, die zurückblickt und -fühlt, auf wenigen Zeilen ihre Mutter beschreibt, dann wird dem Leser ganz wohlig und traurig zumute.

"Und obwohl sie so abgearbeitet war, hatte sie Hände wie Lilien, weil sie sich immer mit Vaseline einschmierte." Ein Tonfall, der märchenhaft schimmert und doch voller Realität steckt. Vor allem, als das Unheil einbricht, die Angst. Das, was für Juden verboten war, trotzdem zu tun. Die Verhaftung des Vaters. Der Abschied von der Mutter, als die junge Peggy mit ihrem Bruder nach Schweden verschickt wurde. Zu Pflegefamilien. In Sicherheit. Entwurzelt.

"Mutti hat uns zur Bahn gebracht, Hamburger Hauptbahnhof. Seitdem hasse ich den Bahnhof noch mehr als andere Bahnhöfe. Ich kann auch keine Züge sehen, ohne dass mir schlecht wird", schildert Parnass. Und do Rêgo Silva illustriert die Trennung mit einem Holzschnitt, der zwar viel Wärme in Gelb, Orange und Braun ausstrahlt, aber mit dem nahenden Zug im Hintergrund und den flehenden Blicken der Kinder zugleich einen Schmerz ausdrückt, der tief im Magen zieht.

Das Eindrückliche an Texten und Bildern ist, dass sie von starker emotionaler Komplexität durchdrungen sind. Scham, Hass, Hoffnung und sehr viel Liebe ringen da miteinander. Es ist also eine spannende und ergreifende Veranstaltung zu erwarten, wenn Parnass und do Rêgo Silva ihr Buch "Kindheit" im Polittbüro vorstellen. Der Titel: "Ein Zwei-Frauen-Abend". Mit einer Geschichte, so schroff und schön.

"Ein Zwei-Frauen-Abend" So 28.10., 20.00, Polittbüro (Hbf.), Steindamm 45, Eintritt: 15,-/ erm. 10,-; www.polittbuero.de Das Buch "Kindheit" kostet 48,- und ist zu bestellen unter: shop.klaus-raasch.de

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