18.10.12

Konzert The Tallest Man on Earth: Ein schöner Traum

Von Lars Gesing
THE TALLEST MAN ON EARTH, im Lido in Berlin, 06.07.12

Foto: POP-EYE

THE TALLEST MAN ON EARTH, im Lido in Berlin, 06.07.12 Foto: POP-EYE

Der Schwede wog sein Publikum – und irgendwie auch sich selbst - mit melodiösem, unter die Haut fahrendem Folk in Tagträumen.

Schließen Sie die Augen. Ganz sanft, ohne jede Anstrengung. Und jetzt träumen Sie sich fort. Fort an einen See, mitten in der schwedischen Einsamkeit. Die Herbstsonne bahnt sich den Weg durch den still wabernden Morgennebel. Denken Sie an eine Melodie.

Kristian Matsson hat sie geschrieben.

Machen Sie die Augen wieder auf. Da steht er, der Schwede. Auf der Kampnagel-Bühne. Wippt. Wankt. Er ist "The Tallest Men on Earth." Hat sich so genannt, um die eigene, nicht besonders üppige Körpergröße zu kaschieren. Aber wen stört schon, dass die Gitarre vor seinem zarten Körper übergroß baumelt? Matsson beherrscht die Kunst, eine ganze Halle mit seinen folkloren Arrangements ins Schwelgen zu versetzen. Unweigerlich fängt man beim ebenso kraft- wie gefühlvollen Gitarrenklang zu träumen an – von endlosen Wäldern, dem Geruch frisch geräucherter Fische, dem Gefühl des kühlen Morgennebels im Gesicht.

Wenn Matsson singt, dann erzählt er von seiner Heimat. Kein Lied verklingt, ohne dass es einen direkten Bezug zu dem Land gehabt hätte, in dem der Tallest Men "groß" wurde. Tausend Synonyme findet er für die eine, seine Formel: "Sverige, jag älskar dig" – Schweden, ich liebe dich.

Sobald ein Ton verstummt, wenn Matsson sich mit seinem Publikum auseinander setzen soll, merkt man, wie fremd ihm all' der Trubel doch eigentlich ist. Dann murmelt er nur unverständlich ins Mikrofon. Erst Sekunden später, endlich wieder unterstützt von seiner Gitarre, findet er sie wieder, seine tonale Poesie, könnte klarer kaum klingen. Im Scheinwerferlicht bleibt er klein, zerbrechlich. Erst in seiner Musik erlangt Matsson die wahre Größe, lässt sich von ihr forttragen, zurück nach Schweden, sein zuhause.

Als die letzte Nummer des Abends "The Dreamer" heißt, fangen sie in der Halle wieder alle an zu träumen - Kristian Matsson eingeschlossen.