Altmeister: Ein Studiobesuch bei Ladi Geisler

Der Senior mit der Gitarre

Foto: Hernandez

Der 80-Jährige hat für Bert Kaempfert gespielt, für James Last, Freddy, die Knef und Pierre Boulez.

Hamburg. Ein Schritt durch die Tür, und man ist in einem Gestern, in dem Power-Balladen noch ordnungsgemäß Schnulzen hießen und gute Musik noch von echten Profis und mit der Hand gemacht wurde. Links stehen seine Aufnahmegeräte und eine griffbereite Gitarre, rechts ein Schrank mit LPs, auf der Fensterbank etliche Kassetten, am Fenster ein kleiner Schreibtisch, unter dem der drahtige Hund seinen Stammplatz hat. Ladi Geisler, genauso drahtig, braucht in seinem Studio in der Langenfelder Straße nicht viel Platz für seine Profession. Die Akkord-Arbeit passiert woanders, seit Jahrzehnten schon und nach wie vor. In Studios, auf Tourneen, in Klubs oder Hotel-Lounges.

Ladi Geisler ist eine Instanz in der Hamburger Musiklandschaft. Das gewichtige Wort Urgestein will einem dafür aber nicht so richtig in den Text drängen. Obwohl der Gitarrist heute seinen 80. Geburtstag feiert, ist er bestens beieinander - und wirft sich fast weg vor Lachen über die Anekdote mit dem Dirigenten Pierre Monteux, der mit 85 einen Zehnjahresvertrag forderte, weil er sich nicht langfristig auf 20 Jahre festlegen wollte. Geisler selbst ist da etwas genügsamer: Sein weitester Termin-Eintrag, erzählt er nach kurzem Stöbern im Terminkalender, ist auf 2011 datiert.

Geislers Name und sein entspannt swingender Stil der alten Schule ist untrennbar mit zwei Begriffen verbunden: Bert Kaempfert, und Knackbass. Nachdem Geisler sich als Autodidakt in die erste Liga der Nachkriegs-Studiomusiker hochgespielt hatte, war er auch als Kollege eines gewissen Hans (später: James) Last als Unterhaltungsmusiker beim NDR unter Vertrag. Last war es, der ihm eine damals ungemein moderne Bassgitarre verkaufte. Das neumodische Ding war nicht so ganz nach dem Geschmack der tonangebenden Schwof-Kapellmeister. Geisler, der schon immer ein Faible für die neueste Technik hatte, griff zu und verhalf später seinem nächsten Brötchengeber, dem Easy-Listening-Gott Bert Kaempfert, zu seinem Markenzeichen, dem Knackbass-Sound.

Studio-Musiker - wenn man so gut war wie Geisler, bedeutete das schnell verdientes Geld. Einmal, erinnert er sich lächelnd, hatte er einen Millionen-Hit namens "Wheels" in seinen Fingern. Hat nur nichts genützt. Mit seiner Abtretungserklärung für die 175 Mark Gage waren alle Rechte weg. Egal. "Ich bin gar nicht dazu gekommen, mich zu ärgern." Mit 25 konnte er sich ein Haus bauen. "Für einen Musiker habe ich wirklich gut verdient."

Rasante Zeiten waren das, wenn man sich damit arrangieren konnte, das Ego an der Studiotür abzugeben, um alles zu spielen, was einem mit noch feuchter Tinte aufs Notenpult gelegt wurde. Wer sich da künstlerisch verwirklichen wollte, hatte eher schlechte Karten. "Ich glaube aber, dass ich nie wie ein Beamter gespielt habe, sondern immer mit dem gewissen Gefühl eines Jazz-Musikers. Es gab Zeiten, da kam ich auf bis zu 1500 Titel pro Jahr, das können sich meine jungen Kollegen heute kaum vorstellen", staunt Geisler rückblickend über den eigenen Fleiß.

Die Frage nach prominenten Auftraggebern, bei denen die Gage sich in Schmerzengsgeld verwandelte, beantwortet Geisler sehr diplomatisch. Gar nicht. "Mit solchen Gedanken habe ich mich nie lange beschäftigt." Und was die Schnulzen angeht, die täglich Schmalzbrot waren: "Wir haben immer versucht, auch denen ein bisschen Leben einzuhauchen."

Die Zeit vergeht, der Hund hat sich wieder abgeregt, man merkt, dass Geisler noch unzählige Geschichtchen mehr auf Lager hätte. Mit dem großen Jazz-Gitarristen Joe Pass war er befreundet, nicht nur oberflächlich, sondern so fest, dass der Amerikaner angereist kam, um dem Kollegen mit einem Ständchen zum 65. Geburtstag zu gratulieren.

Im Archiv-Material über Geisler fand sich neben Freddy Quinn, Hildegard Knef, Kurt Edelhagen, Hugo Strasser oder Abi und Esther Ofarim auch der Name Pierre Boulez. Ein Avantgarde-Komponist unter all den Schlager-Stars und Sternchen, den unzähligen Platten-Sessions für diesen und jenen? Das, erzählt Geisler, kam so: Während seiner Zeit als NDR-Musiker wurde er für alles eingesetzt, wo eine Gitarre gebraucht wurde, also auch Ende der 50er-Jahre bei einer Sinfonieorchester-Tournee mit Hans Schmidt-Isserstedt zum Edinburgh Festival. Vier Abende waren für Klassik vorgesehen, am fünften stand ein Werk von Boulez auf dem Programm, das er selbst dirigierte. "Ich hatte das Zeug vorher sechs Wochen lang geübt, jeden Tag, wie ein Verrückter", grinst Geisler beim Gedanken an die Plackerei und den lausigen Stundenlohn, den er sich spaßeshalber ausgerechnet hatte. Und während die Klassik-Kollegen ihre Auftritte absolvierten, habe er sich mit Boulez Edinburgh angesehen und ihm erzählt, wie unspielbar das sei, was in den Noten stehe. Der Neutöner hatte ein Einsehen und gestattete ihm, die Notenbündel so zu entzerren, dass sie tatsächlich zu bewältigen seien. Pragmatisch ging dann doch vor Anspruch.

80 Jahre also, kaum zu glauben. Doch Ruhestand ist weiterhin ein Fremdwort. Am Feiertag muss Geisler für ein Engagement bei Radio Bremen aus dem Haus. Worum's geht, will ihm gerade nicht einfallen, den Termin hatte seine Frau gemacht, es ließ sich nicht mehr ändern. Wenn es einen Termin gibt, dann muss man hin und spielen. So ist das, wenn man seit 46 Jahren Profi ist.

  • CD: "Günter Märtens trifft Ladi Geisler. Anekdoten eines Gitarrenspielers" (Bear Family)

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