Premiere im Ernst-Deutsch-Theater Eyk Kauly: "Ich bin kein typischer Gehörloser"

Foto: Roland Magunia

Der 24-jährige Schauspieler Eyk Kauly gibt in dem Familienstück "Sippschaft" am Ernst-Deutsch-Theater sein Hamburg-Debüt.

Hamburg. Sie reden mit den Händen. Der fast gehörlose Schauspieler Eyk Kauly und die Dolmetscherin Juliane Schulz, sie sitzen unter dem Sonnenschirm im Hotelgarten, sie sitzen sich gegenüber. Auge in Auge - und gebärden. Aufmerksam und doch entspannt. Gestikulieren wäre der falsche Ausdruck, er hätte auch einen diskriminierenden Beigeschmack. Der junge Mann trägt Lippen- und Nasenpiercing, begleitet seine Gebärden mit lebhaftem Gesichtsausdruck. Manchmal formt er ein Wort mit dem Mund. Während der nahezu lautlosen Unterhaltung registriert der Hörende ferne Musik und Verkehrslärm. Vom angeregten Dialog der beiden versteht er kein Wort. Er steht lautlos daneben und weiß auch nicht, worüber sie lachen. Etwa über die Fragezeichen in seinen Augen?

Diese Barriere erlebt Eyk Kauly, 24, permanent, als ein fast Gehörloser in einer Welt der Hörenden. Richtig hören konnte er nie, als Einziger in der Familie mit einer Schwester und drei Halbgeschwistern. "Meine Familie wusste nichts von Gebärdensprache und Gehörlosenkultur, ich selbst besuchte als Einziger eine Schwerhörigenschule in Dresden", erzählt er. Kauly erging es damals ähnlich wie dem Jungen Billy, den er in Nina Raines Familienstück "Sippschaft" am Ernst-Deutsch-Theater spielt - er fühlte sich ausgegrenzt aus der Welt der Hörenden. Es ist Kaulys zweite größere Bühnenrolle unter hörenden Schauspielern, bei der er auch eigene Erfahrungen einbringen kann. "Meine Mutter war ähnlich wie Billys Mutter. Sie hat mich früher oft begleitet und gedacht, dass ich als Gehörloser nicht so selbstständig sein kann."

+++ "Sippschaft": Ein schonungsloses Porträt +++

Eyk Kauly wirkt kein bisschen unsicher. Er zeigt sich offen, selbstbewusst und sagt von sich, er sei kein typischer Gehörloser. Vielleicht auch, weil er ein wenig hören kann und genau weiß, was er will. Im Gegensatz zu Billy. "Am Anfang ist er gefrustet, hat seinen Weg noch nicht gefunden", beschreibt Kauly den Charakter seiner Figur. "Er ist es gewohnt, nicht auf sich, sondern auf andere zu achten. Er merkt dann, dass er nicht nur für andere da sein, sondern auch in sich selber reingucken muss, um zu sehen, was für ihn gut ist."

Eyk Kauly ist freiberuflicher Künstler, er hat über das Comic-Zeichnen und Malen zum Theater gefunden. Im Moment schreibt er an einem Drehbuch und möchte mit Gehörlosen einen Film drehen. Kauly hat auch schon in einem Video für Gehörlose agiert, das die Frankfurter Rockband Breitenbach aufgenommen hat. "Und ich will weiter kreativ arbeiten", sagt er in Gebärdensprache, er sieht sehr entschlossen aus, "ein waschechter Sachse", er lächelt, und dann sagt er drei Worte sehr laut: "ICH SO (= Sachse), NU?"

In rascher Geste zieht die Dolmetscherin mit der rechten Hand einen unsichtbaren Faden von der linken nach unten. Soll heißen: "Ich habe einen Hänger, verstehe nicht." Dann begreift sie: "Ach so. Wie ein Bayer ,gell' oder ein Berliner ,wa' sagt, sagt der Sachse ,nu'." Auch in der Gebärdensprache gebe es Dialekte, erklärt sie und Eyk gebärdet zur Erklärung das Wort "grün" in drei verschiedenen Mundarten: Hamburgisch (eine Wischbewegung der rechten Hand an der rechten Schulter), auf Bayerisch (Fingertippen an die Brust) und Sächsisch (mit der rechten Hand eine Nase drehen).

Mit 18 Jahren hat Kauly in einer Essener Einrichtung sein Abitur gemacht und auch die Deutsche Gebärdensprache (DGS) erlernt. Ein visuell-manuelles Sprachsystem mit eigener Grammatik, das natürlich entstanden ist. "Sie ist von Land zu Land verschieden, unterscheidet sich auch von den lautsprachlich begleitenden Gebärden, kurz LBG", erklärt Juliane Schulz. Bei LBG handele es sich nicht um eine eigene Sprache, sondern um ein Kommunikationssystem, bei dem die Lautsprache unter Beibehaltung der Grammatik des Deutschen von einzelnen Gebärden begleitet wird. "Dann gibt es noch das Fingeralphabet, um Wörter der Lautsprache zu buchstabieren." Es ist ebenfalls nicht international, denn es orientiert sich am Schriftbild der jeweiligen Sprache, wird aber in der gebärdensprachlichen Kommunikation nur bei Fremdwörtern oder Eigennamen verwendet.

Eyk schaltet sich ein. "Wir fokussieren in der DGS vom Großen zum Kleinen hin, ganz im Gegensatz zu den Hörenden." Ein Beispiel: "Sie sagen: Ein kleiner Vogel sitzt im Nest auf dem großen Baum. Aber bei uns ist es umgekehrt. Wir beginnen mit dem großen Baum, dann das Nest und der kleine Vogel." Im "Gespräch" fällt auf, wie genau sich Kauly ausdrückt, er fragt auch, anders als Hörende, mehrmals nach, was gemeint sei. Seine Antworten fallen dafür auch ausführlich und sehr präzise aus. Das sei ihm bis jetzt nicht aufgefallen, meint er dazu, und lächelt erstaunt.

Wie fühlt er sich auf den Proben mit den Hörenden? "Super", sagt er laut. Die Zusammenarbeit funktioniere gut, es sei immer eine Kommunikationsassistentin da, die Gebärdensprache kann. Unterbreche der Regisseur die Szene, signalisierten ihm das die Kollegen durch Fußstampfen. "Ich spüre die Schwingungen." Seine Stichworte verpasse er nicht, denn er kenne die Szenen, wisse wann er dran sei. Er orientiere sich auch durch Lichtwechsel, könne Lippenlesen oder bekäme, wie die anderen auch, das Zeichen zum Auftritt vom Inspizienten. Obwohl er im Musical "Stadt aus Stein" eine Hauptrolle spielte, mit Gehörlosen-Gruppen bei Festivals in Berlin und Köln aufgetreten sei, verliefen die Proben doch anders und seien eine neue, interessante Erfahrung. Auch das ständige Wiederholen störe ihn nicht: "Wir wollen es doch perfekt machen, da ist es normal, dass wir Szenen wiederholen müssen." Will er weiter Theater spielen? "Klar, gerne."

Billy im Stück kämpft mit dem Gefühl, von den anderen isoliert zu sein. Auch das kennt Eyk Kauly. "Seit zwei Jahren beschäftige ich mich mit dem Thema. Sehen Hörende einen Blinden, reagieren sie hilfsbereit und fragen nach. Da gibt es aber auch kein Kommunikationsproblem, weil sie die gleiche Sprache sprechen." Ebenso sei das bei Rollstuhlfahrern. "Es gibt eben diese Trennung durch das sprachliche Problem, daran hat aber niemand Schuld. Wir verwenden einfach unterschiedliche Sprachen." Hörende seien oft überfordert, wenn sie mit Gehörlosen kommunizieren sollen. "Gehörlose können sich aber nicht an die Rolle der Hörenden anpassen. Ist eine Dolmetscherin dabei, wie jetzt, funktioniert das doch wunderbar."

"Sippschaft" Deutschsprachige Erstaufführung Do 23.8., 19.30, Ernst-Deutsch-Theater, Karten von 18,- bis 34,- unter T. 22 70 14 20; www.ernst-deutsch-theater.de