Mozart und die Frauen

Fallstudien: Ehrenrettung für die Zeitgenossinnen. Die Hamburger Musikwissenschaftlerin Melanie Unseld schrieb eine Sammelbiographie über die privaten und die beruflichen Damenbekanntschaften.

Hamburg. ABENDBLATT: Sie zeichnen in Ihrem Buch die Lebenswege von knapp 20 Frauen nach, nicht wenige sind vergessen gewesen. Hat der Bezug zu Mozart die Recherche erleichtert?

MELANIE UNSELD: Grundlage meines Buches waren natürlich die Originalquellen. Viele wichtige Quellen im Hinblick auf die Frauen um Mozart sind allerdings nicht mehr vorhanden. Zum Beispiel war es in der Familie Mozart üblich, die Briefe der Männer aufzubewahren. Die Briefe von Mozarts Mutter und seiner Schwester Nannerl hingegen sind vielfach verschollen. Das heißt, wer die Biographien der Frauen im Umfeld dieses Komponisten schreiben will, hat es oft mit Lücken zu tun, die nicht mehr zu füllen sind. Mit diesen Lücken müssen wir lernen umzugehen, wir dürfen sie nicht mit Spekulationen zukleistern. Auf der anderen Seite ist Mozart einfach ein sehr guter Ausgangspunkt, weil sein Leben so umfassend dokumentiert ist. Es lohnt sich etwa ungemein, die vielen Briefe noch einmal zu lesen unter dem Aspekt: Wo und in welchen Zusammenhängen werden darin Frauen erwähnt?

ABENDBLATT: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, diese Sammelbiographie zu schreiben?

UNSELD: Im Zentrum meiner Habilitation über "Biographie und Musikgeschichte" steht Mozart. Und mir fiel beim Lesen der Mozart-Biographien auf, daß die Frauen um ihn herum meistens sehr schlecht wegkommen. Zahlreiche Biographen meinten, ihren "Helden" Mozart besser ins Rampenlicht rücken zu können, indem sie den Frauen einen schlechten Charakter andichteten, Unmusikalität vorwarfen oder sie schlicht nicht erwähnten. Diesen seltsamen Licht- und Schattenverhältnissen rund um Mozart wollte ich auf die Spur kommen und die Lichtregie verändern.

ABENDBLATT: In ungünstiges Licht hat die Nachwelt besonders gern Mozarts Ehefrau Constanze getaucht.

UNSELD: Ja, an Constanze Mozart ließen die Biographen oft kein gutes Haar. Zum Beispiel warf man ihr Verschwendungssucht wegen ihrer häufigen Kuren vor. Tatsächlich aber hatte sie sechs Schwangerschaften in rascher Folge zu verkraften - das war damals immer ein Kampf auf Leben und Tod. Vier Kinder mußten die Mozarts bald wieder beerdigen. Außerdem hatte Constanze Mozart offenbar ein chronisches Fußleiden. Wenn wir uns dies alles klarmachen, dann verstehen wir besser, daß sie keine eingebildete Kranke war.

ABENDBLATT: Ob es um Constanze Mozart oder Mozarts Mutter und Schwester geht, um seine Schülerinnen oder die Wiener Primadonnen - Sie reichern die Porträts der Frauen stets mit viel Kultur- und Sozialgeschichte an. Welche neuen Facetten erhält dadurch das Bild Mozarts?

UNSELD: Ich finde bemerkenswert, mit welcher Selbstverständlichkeit dieser Komponist mit Frauen zusammengearbeitet hat. Sein berufliches Netzwerk war ja überhaupt nicht so "frauenfrei" wie oft dargestellt. Während seiner Wiener Zeit pflegte er besonders regen Kontakt zu der damals bekannten Komponistin Marianne Martines. Er besuchte sie häufig, wenn sie ihre musikalischen Akademien veranstaltete, sie spielten vierhändig Klavier und tauschten Kompositionen aus. Ähnlich intensiv war der Kontakt zu den Wiener Musikerinnen Marianne Kirchgessner, Maria Theresia Paradis und Regina Strinasacchi.

ABENDBLATT: Er hat sie also als Kolleginnen ernst genommen?

UNSELD: Absolut. Mozart ging es um musikalisches Können. Wenn er dies erkannte, respektierte er Künstlerinnen genauso wie Künstler. Das war für die damalige Zeit ein durchaus moderner Ansatz, denn die Gleichberechtigung der Frau lag noch in weiter Ferne.

ABENDBLATT: Fast zeitgleich mit Ihrer Sammelbiographie sind noch andere Bücher erschienen, die sich mit den Frauen in Mozarts Umfeld befassen. Ist das Zufall, oder liegt das Thema in der Luft?

UNSELD: In der Luft liegt vor allem das Mozart-Jahr 2006. Aber natürlich spielt hier auch die Frauenforschung der letzten 30 Jahre hinein. Sie hat uns die Augen geöffnet für ganz neue, sehr spannende Fragen an die Musikgeschichte. Fragen, die das musikalische Handeln von Frauen ins Blickfeld rücken. Daß nun gleich mehrere Autorinnen und Autoren auf die Idee kamen, den Frauen um Mozart nachzuspüren, lag daher wohl nahe.

  • Melanie Unseld: "Mozarts Frauen. Begegnungen in Musik und Liebe."

(Rowohlt, 8,90 Euro)

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