Niedersächsischer Ministerpräsident

David fragt, McAllister antwortet - DJV übt scharfe Kritik

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Die CDU Niedersachsen bietet Anzeigenblättern ein vorgefertigtes Wortlaut-Interview an. Deutscher Journalisten-Verband: "Plumper Versuch".

Hannover. Aus Sicht der Journalisten dienen Interviews vor allem dazu, Positionen von Politikern zu hinterfragen. Der niedersächsische Ministerpräsident und CDU-Landesvorsitzende David McAllister hat kaum fünf Monate vor der Landtagswahl einen Weg gesucht und gefunden, kritische Fragen zu vermeiden und sich besonders schön zu präsentieren. Die CDU-Landesgeschäftsstelle hat allen Anzeigenblättern im Land ein fertiges Wortlaut-Interview kostenlos zur Verfügung gestellt - inklusive Bildern.

David fragt und McAllister antwortet - mindestens der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) empfindet das als äußerst dreist. Hendrik Zörner, Sprecher der größten deutschen Journalistengewerkschaft, wird deutlich: "Das sogenannte Angebot eines Interviews mit dem Ministerpräsidenten ist der plumpe Versuch, die Anzeigenblätter in den CDU-Wahlkampf einzuspannen. Wer das vorgegebene Interview übernimmt, kann keine kritischen Fragen stellen. Unabhängigkeit und Kritik sind für Journalisten unverzichtbar."

Torben Stephan, Sprecher des CDU-Landesverbandes, hat nach eigener Darstellung die Idee gehabt: "Wir wollten den gerade in der Sommerzeit oft personell schlecht besetzten Anzeigenblättern dies als Service anbieten." Hinzu komme, dass bei gut 150 Anzeigenblättern allein in Niedersachsen die Zeit des Ministerpräsidenten nicht ausreiche, um allen Interviews zu geben.

Was der Ministerpräsident über sich lesen möchte, ist schnell zusammengefasst. Seine Vorliebe für Urlaub daheim im Strandkorb in Cuxhaven, seine betonte Bodenständigkeit und seine Abneigung gegen die Art, wie sich die Bundespolitik darstellt: "Wir halten in Niedersachsen den Ball flach, im Berliner Politikbetrieb sind nicht alle uneitel." Natürlich wird im Frage-und-Antwort-Spiel auch noch mal daran erinnert, dass er im heimischen Wahlkreis mit 100 Prozent erneut als Landtagskandidat aufgestellt worden ist. Umstrittene Themen wie Schulpolitik sucht man vergebens, aber abschließend fragt dann der doppelte McAllister sich selbst noch, ob er denn Regierungschef bleiben werde, und antwortet artig: "Es wäre für mich eine Riesenauszeichnung, weitere fünf Jahre Ministerpräsident in Niedersachsen zu sein."

Michael Rüter, SPD-Landesgeschäftsführer, sieht im Vorgehen der CDU einen Verstoß gegen die Presse-Ethik: "Das Sommerinterview ,Dr. h.c. McAllister fragt den Spitzenkandidaten McAllister' belegt ein weiteres Mal das gestörte Verhältnis der CDU Niedersachsen zur Unabhängigkeit der Medien." Das "vorgefertigte Interview" wirft aus seiner Sicht "ein merkwürdiges Licht auf die Vorstellung der CDU von der Arbeit in Redaktionen und ist ein wohl einmaliger und für Deutschland ungewöhnlicher Vorgang".

Fünf Monate vor der Landtagswahl in Niedersachsen kämpft Ministerpräsident David McAllister um seine politische Existenz. Wegen der Schwäche der FDP ist eine erneute schwarz-gelbe Landesregierung in weite Ferne gerückt. Um für seine CDU wenigstens die Position der stärksten Fraktion zu verteidigen, dreht sich im Wahlkampf der Christdemokraten alles um die Person McAllister. Über die Tageszeitungen aber, deren Auflagen und Reichweiten in den Haushalten in den vergangenen zehn Jahren bundesweit kontinuierlich gesunken sind, erreichen die Parteien entsprechend weniger potenzielle Wähler. Die wöchentlichen Anzeigenblätter dagegen haben nach Angaben ihres Branchenverbandes BVDA eine Auflage von mehr als 90 Millionen Exemplaren und damit eine hohe Haushaltsabdeckung. Und anders als die Tageszeitungen verzeichnen die Anzeigenblätter sogar noch steigende Auflagen bei einem 2011 auf 2,06 Milliarden Euro gewachsenen Umsatz.

Zumindest SPD-Landesgeschäftsführer Michael Rüter hat noch eine Idee, wie die Umsätze zu steigern wären: "Selbstverständlich könnte die CDU Niedersachsen ihr vorgefertigtes Interview mit den Hinweis 'Anzeige' in den Zeitungen abdrucken lassen, und ihr Landesvorsitzender McAllister wird dann sicherlich die gültigen Anzeigenpreise erstatten."