St. Georg

Männerschwarm - Hamburgs rosa Seiten

Foto: Roland Magunia

20 Jahre Männerschwarm und mehr als 300 eigene Titel: Der Verleger Detlef Grumbach blickt auf die Geschichte seines Verlags zurück.

Hamburg. Man darf jetzt also nicht den Fehler machen und die Umstände in der Großstadt Hamburg als allgemeingültig erachten: Das will einem Detlef Grumbach dort oben in seinem Büro erklären. Diesem Büro, das die Heimstatt des Hamburger Männerschwarm-Verlags ist und, rein äußerlich, ein sehr bescheidener Verhau mit nur zwei Schreibtischen, aber vielen Büchern in vollgestellten Regalen. Es sind fast nur eigene Produkte, die hier stehen. Und 300 insgesamt, vielleicht sogar 400 Titel, die Männerschwarm seit 1992 herausgebracht hat. Es gibt den Verlag jetzt 20 Jahre.

Detlef Grumbach sagt: "In den Städten leben Schwule, ohne diskriminiert zu werden. Auf dem Land verstecken sie sich oft noch."

+++ Wo die Bücher warten +++

Und deshalb kann es eine Institution wie Männerschwarm (fast) nur in Hamburg geben: aufgeteilt in zwei Geschäftsbereiche, den Verlag und den Buchladen. Beide befinden sich im selben Haus an der Langen Reihe, und beide schreiben eine Erfolgsgeschichte. Es ist, das kann man trotz berechtigter Hinweise auf geografische Einschränkungen sagen, viel geschehen in diesen zwei Jahrzehnten des Bestehens. Es gibt die Homo-Ehe und schwule Paare, die Kinder großziehen. Es gibt Schwule, die Bürgermeister oder Außenminister sind. Es gibt sogar schwule Hip-Hop-Stars, und irgendwann wird es auch schwule Fußballer geben.

Detlef Grumbach ist einer der beiden Geschäftsführer von Männerschwarm. Der andere heißt Joachim Bartholomae und hat gerade Urlaub. Als Grumbach nun also allein in seinemBüro saß, wusste er gar nicht so recht, wie er sich auf das Interview mit dem Journalisten vorbereiten sollte: Er hat dann einfach mal seine Lieblingstitel auf den Tisch gelegt. Oder zumindest die wichtigsten, Ralf König zum Beispiel. Ralf König ist derjenige, der ihnen das alles hier eigentlich erst ermöglicht hat. Sein Comic "Bullenklöten", damals noch vom Buchladen veröffentlicht, wurde ein so großer Erfolg, dass die Männerschwärmer einen richtigen Verlag gründen konnten, mit einem richtig ehrgeizigen Programm. Oft sind sie nur mit Ach und Krach durchgekommen - wer Bücher macht, wird davon in der Regel nicht reich. Aber es gibt sie immer noch. Und darauf, sagt Grumbach, 56, "sind wir stolz". Er steht während des Gesprächs eigentlich mehr, als dass er sitzt. Mit seinem Brilli im Ohr könnte man ihn auch in anderer Umgebung für einen Schwulen halten: Himmel, diese Klischees! Grumbach springt jedenfalls ständig auf und zieht neue Titel aus dem Regal, er veranstaltet hier eine Leistungsschau seines Verlags. Das darf er auch. Und er redet viel. Er neige zum Predigen, sagt er, "unterbrechen Sie mich bitte".

Das macht man dann, aber man weiß (wie er) ebenfalls alles gar nicht so genau. Wie politisch korrekt muss man hier eigentlich sein? Männerschwarm hat ein großes Sachbuchprogramm, aber hängen bleibt man an so süffigen Titeln wie "Der beschädigte Wüstling" - grinsend. Schwule Literatur, diese Verbindung aus Adjektiv und Hauptwort, liegt einem ständig auf der Zunge. Dabei soll man das doch nicht sagen, denn nur für eine bestimmte Leserschaft will Grumbach seine Arbeit nicht machen. Jetzt, zum Jubiläum, verbreitet der Buchmacher einen Pressebrief, in dem er sein durchaus anspruchsvolles Vorhaben auf den Punkt bringt. "Man kann aus der Nische heraus gute Bücher machen, gute Bücher sind aber nicht für die Nische", steht da.

+++ Männerschwarm +++

Es ist also ein bisschen so, wie wenn die kleine Gruppe in einem Paddelboot der großen auf dem Dampfer zuwinkt: Hallo, uns gibt es auch! Und wir schreiben Bücher!

Sie muss halt immer aufpassen, diese kleinere Gruppe, dass sie nicht von den Wellen verschluckt wird, die der Dampfer erzeugt. Im Männerschwarm-Verlag schreiben, meistens zumindest, schwule Autoren über schwule Themen. Coming-out-Geschichten, zum Beispiel. Und manchmal auch erotische. Die Autoren heißen Walter Foelske, Thomas Böhme, Viktor Adlon oder Michael Sollorz, und gelesen werden sie nicht nur von Schwulen. Die Büchersollen eben nicht nur das Label Homo-Literatur tragen. Das tun sie dann, wenn sie unsere Wirklichkeit beschreiben - und zwar aus einer anderen Perspektive. "In der Gegenwartsliteratur sollten auch Außenseiterpositionen eingenommen werden", sagt Grumbach, und dies als jemand, dem man Literaturexpertentum bescheinigen darf: Er ist Verleger, Literaturkritiker, gelernter Buchhändler und Vielleser.

Im Männerschwarm-Verlag werden Bücher gemacht, die hohen literarischen Ansprüchen genügen. Die Kulturbehörde vergab vor knapp zehn Jahren eine Programmprämie an die Buchmacher aus St. Georg und lobte wie folgt: "Der Verlag hat es von Beginn an vermieden, ideologisch oder sektiererisch vorzugehen, hat sich im Gegenteil stets bemüht, allgemein gültigen literarischen Qualitätskriterien zu genügen." Das ist, besonders für Grumbach, ein wichtiger Satz. Er formuliert etwas, das die meisten anderen, die Großpublikumsverlage nicht formulieren müssen.

Der Satz ist die Selbsterklärung eines Verlages, der eben nicht Mainstream ist, und vielleicht ist es auch eine Art Reflex auf den Mehrheits-Heterosexuellen, dass Grumbach im Gespräch nicht müde wird, die Rolle des Schwulen zu erklären. Wir gehen nun nachunten, in den Männerschwarm-Buchladen, und Grumbach sagt: "Schwule sind eine Kontrollgruppe zum heterosexuellen Verhaltensmuster, durchihren Blickwinkel lernt jeder sich selbst besser kennen."

In der Buchhandlung sieht es zunächst aus wie in jeder anderen auch: Hier stehen und liegen Bücher. Wie bei Heymann oder Thalia. Die Namen sind dieselben: Thomas Mann, Christian Kracht, Peter Nadas, Olga Grjasnowa, Jussi Adler-Olsen. Die älteren Herren, die sich vor den Buchregalen herumdrücken, sehen fast spießig aus. Jaja! Der schwule Mann, das immer noch beinah unbekannte Wesen. Was hatte man eigentlich erwartet?

Gar nichts anderes natürlich. Wenn man durch die rosa Reihen geht, findet man dann doch Einschlägiges. Eine SM-Ecke, Fotobände, Ratgeber ("How to be schwul"), Bücher aus dem eigenen Verlag. Sie heißen "Seitenwechsel. Die Geschichte eines schwulen Familienvaters" oder "Mein Sohn liebt Männer". Im abgetrennten Bereich, bei den DVDs, wird's dann auch ein bisschen schmuddelig. "Wir müssen unsere Miete zahlen", sagt Grumbach.

Die Vermieterin, eine Rechtsanwältin, ist übrigens sehr aufgeschlossen. Sie hat auch seit neun Jahren die Miete nicht erhöht. Letzteres will etwas heißen, Ersteres sicher nicht: Die Lange Reihe, wohin Männerschwarm nach vielen Jahren auf St. Pauli zog, ist Hamburgs Regenbogenbezirk. Und die Männerschwarm-Buchhandlung ist eine Institution in der Community. Jedes schwule Buch sollte einmal durch unsere Hände gegangen sein, erklärt Verkäufer Volker Wuttke.

Und "schwul" ist ein Buch auch dann, wenn Homosexualität nur eines seiner Themen ist oder ein Motiv unter vielen. "Die Kunden kommen zu uns, weil sie schwule Literatur lesen wollen", sagt Wuttke.

Und Grumbach? Will nicht nur Bücher für Männer machen. Als wir wieder oben im Büro sind, holt er nur die Titel aus dem Regal, die erst bei Männerschwarm, dann auch bei anderen Verlagen - Suhrkamp, Piper, dtv - gedruckt worden sind. "Wir machen hier Literatur für alle", sagt Grumbach.

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