Porträt

Arno Schmidt: Der Meister aus Hamburg-Hamm

Foto: Hoffmann & Campe

Ein liebevoll zusammengestellter Band beschreibt die Kindheit und Jugend des kultisch verehrten Schriftstellers Arno Schmidt in Hamburg.

Hamburg. Am Ende sind es die schlesischen "Berge" oder besser gesagt ihr mythisches Vorhandensein nur in der Privaterinnerung der Eltern, die das deutlichste Bekenntnis Arno Schmidts zu seiner Geburtsstadt Hamburg provozieren.

In den Notizen für eine Biografie, die er nie geschrieben hat, hält der kultisch verehrte Autor fest: "25 Jahre hatte ich Grund zu einem absonderlichen Ärger: ich war zwar in Hamburg geboren; aber von stockschlesischen Eltern, denen das norddeutsche Wesen ein Greuel und Platt eine Barbarensprache däuchte, und die dafür gern von 'schlesischen Bergen' faselten (...); (Andere Dilemmen ertrug ich viel leichter, weil ich meiner Sache sicher war - etwa von meinem in Schule und Spiel geübtem Plattdeutsch wußte ich, daß es 'stimmte', verglichen mit dem, mir widerlichen, schlesischen Gemauschele, mit seinen Spielzeugdiminutiven (...); in diesem Fall hatten meine Eltern, in ihrer sinnlosen Versteifung gegen den prachtvollen Stadtstaat, so offenkundig Unrecht, daß jedes Wort der 'Widerlegung' verschwendete Atemluft bedeutet hätte)."

Uff. Da ist aber einer in Harnisch. Schmidt, Verfasser von so sprachmächtigen wie amüsanten, so avantgardistischen wie fantasievollen Werken wie "Zettel's Traum" und "Aus dem Leben eines Fauns", wurde 1914 in Hamburg-Hamm geboren. Bis zum Tod des Vaters, eines Polizeibeamten, im Jahre 1928 lebten die Schmidts in Hamm. Geboren wurde Schmidt im Rumpffsweg 27. Er besuchte die Volksschule Pröbenweg und die Realschule Brekelbaumspark. Die Eltern waren einst aus Schlesien eingewandert (eben der Region, in der der junge Arno nie auch nur irgendwelche Berge vorfand, wenn er sie in den Ferien besuchte - was hatten ihm die Eltern nur erzählt?). Und auch wenn Schmidt nicht nur wegen ihres Heimwehs hart mit ihnen ins Gericht ging - Hamburg war doch lange Jahre die Heimat der Familie.

Zeugnis legt ein schöner Band ab, der nun bei Hoffmann und Campe erscheint und vom Schmidt-Fachmann Joachim Kersten herausgegeben wird.

Er trägt den plakativen Titel "Arno Schmidt in Hamburg" und versammelt schlichtweg alles an Hamburgbezügen des Schriftstellers, dessen Kersten habhaft werden konnte. Das betrifft vor allem das Werk (in "Abend mit Goldrand" gedenkt Schmidt ausführlich seines Aufwachsens in dem Arbeiterstadtteil Hamm), aber auch Erinnerungstexte der Mutter Clara Schmidt und einen Sammelband von Schmidts Klassenkameraden: "Porträt einer Klasse".

Überdies finden sich in dieser kundig bewerkstelligten Zusammenschau die Schilderung der Hamburgbesuche des Ehepaars Schmidt nach dem Krieg; es waren nicht viele. Denn Schmidt zog es ins niedersächsische Bargfeld. Der Mann war ein Landei.

Der HoCa-Band ist nicht nur ein Kompendium für Schmidt-Jünger (obwohl die die Gesamtheit der literarischen Hervorbringungen des Meisters wahrscheinlich ohnehin immer im Blick haben!), sondern auch ein schönes Hamburg-Buch. Ein historischer Überblick, wie Hamburg und insbesondere der Stadtteil Hamm einmal waren: Der Band zeichnet optisch die Wege nach, die der junge Schmidt nahm. Wir sehen Fotos vom Hammer Park und seinem Sportplatz, außerdem welche mit den Kleingärten in Horn. Dorthin zog sich der von Arno Schmidt unbarmherzig als liederlich beschriebene Vater gerne mit seinen Bierflaschen zurück.

Die Mutter zog es mit ihren Kindern - Arno und Schwester Lucie - in die Innenstadt und an den Hafen. Manchmal besuchten sie den Vater auf der Wache. Er arbeitete eine Zeit lang in dem Revier am Meßberg. Dort traf die Familie, schreibt Clara Schmidt, auf den "Ausschuß der Menschheit; da gehörte das berüchtigte 'Gängeviertel' dazu: Niedernstraße, Kattrepel, Springeltwiete, und wie sie alle hießen".

Hamburg sei für Schmidt, schreibt Herausgeber Kersten in seiner Vorbemerkung, ein zentraler Ort gewesen. Es war nicht das Schaufenster-Hamburg. "Vorausgeschickt muß wird'n, dass 'mein' Hamburg nichts mit der gängijen Vorstellung des Reisenden, oder der des hundertprozentijen Hambürgers, zu tun hat: Hafen, Alster, Rathausmarkt, City=allgemein - (obwohl ich das selbstredend auch geseh'n hab) - waren für mich Nebensache, unbedeutend, ein selten erblickter lärmender Rand", berichtet Schmidt einmal auf unnachahmlich sprachspielende Art.

Arno Schmidt/Joachim Kersten (Hg.): Arno Schmidt in Hamburg. HoCa. 208 S., 22,99 Euro

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