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"Die Häuser selbst sind das schlechteste Argument"

Hamburg hat immer leidenschaftlich abgerissen. Seinen Dom etwa, der bis heute einen leeren Fleck hinterlassen hat oder ein ganzes, barockes Stadtviertel, an dessen Stelle die heute selbst denkmalgeschützte Speicherstadt entstand. Was Spitzhacke und Abrissbirne nicht zum Opfer fiel, schafften große Stadtbrände oder Weltkriegsbomben. Vermutlich resultiert daraus das manische Bemühen mancher Gruppen, jetzt alles erhalten zu wollen, was irgendwann einmal gebaut wurde.

Da aber auch früher nicht alles schön war, was Architekten und Maurer zustande brachten, muss propagandistisch nachgeholfen werden. So wurde schon aus ein paar abbruchreifen Gründerzeithäusern das "Historische Gängeviertel im Herzen der Altstadt", ungeachtet der Tatsache, dass die schmucklosen Altbauten am Rande der Neustadt liegen und Touristen mit Stadtplan in der Hand ratlos um den Block schleichen, weil sie mit "historischem Viertel" etwas anderes assoziieren.

Die Esso-Häuser auf St. Pauli, um deren Erhalt nun gekämpft wird, bekamen das Etikett "Kiez-Komplex mit Kultstatus". Die Häuser besitzen den Charme ostzonaler Plattenbausiedlungen. Die zugehörige Tankstelle versorgt weniger Kraftfahrzeuge mit Sprit als jugendliche Nachtschwärmer. Doch auch nach dem hastigen Genuss von Alkoholika wird die Ecke nicht schöner.

In Wahrheit geht es den Erhaltungsbefürwortern um den Kampf gegen Gentrifizierung und soziale Segregation - oder schlichter und auf Deutsch gesagt: gegen die Verdrängung ärmerer Mieter zugunsten einer zahlungskräftigeren Kundschaft.

Das ist ein löbliches Vorhaben - wenn auch mit stark sozialromantischem Anstrich. Die Aufteilung von Städten in ärmere und reichere Viertel ist allerdings beileibe keine Erfindung der Neuzeit. Außerdem kann Kommerz in einer Marktwirtschaft keine Schande sein. Sowohl vom architektonischen als auch vom geschäftlichen Blickwinkel aus ist es schwer zu verstehen, warum in allerbester Stadtlage mit Elbblick ein für alle Mal nichts anderes mehr als eine alte Brauerei und ein 19.-Jahrhundert-Arbeiterviertel-Museum existieren sollten.

Allerdings funktioniert der Wandel nicht ohne sozialen Ausgleich, und so ist es wichtig, dass die bisherigen Mieter bezahlbaren Ersatz bekommen. Die Gebäude selbst aber sind das denkbar schlechteste Argument, um für ihren Erhalt zu kämpfen.

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