Kontra

"Ein Denkmal muss nicht schön, aber Zeuge seiner Zeit sein"

Zugegeben, zurzeit sind sie kein schöner Anblick. Ziemlich trostlos sehen die Esso-Häuser an der Reeperbahn aus, ein heruntergekommenes Ensemble aus Beton in der nüchternen Architektur der Nachkriegszeit. Und dennoch: Man sollte diesen Komplex nicht nur erhalten, sondern auch sanieren und dabei versuchen, dem ursprünglichen Zustand mit seiner stadtbildprägenden Funktion möglichst nahe zu kommen.

Die jetzige Situation ist unbefriedigend, denn sie täuscht darüber hinweg, dass es sich hier um ein besonders typisches Beispiel der Nachkriegsmoderne handelt. Gewiss kann und muss man nicht alle Bauwerke der Vergangenheit erhalten. Aber diese Gefahr hat in der "Freien und Abrissstadt Hamburg" ohnehin niemals bestanden. Besonders die Bauten der 50er- und 60er-Jahre sind heute so unbeliebt, dass sie in der Regel leichten Herzens preisgegeben werden. Leider verschwindet damit auch die bauliche Hinterlassenschaft einer Ära, die unsere Gesellschaft besonders stark geprägt hat.

Die Esso-Häuser sind in einer Zeit entstanden, in der das kriegszerstörte Hamburg zu weiten Teilen neu erbaut werden musste. Dabei orientierten sich Städteplaner und Architekten an den in der NS-Zeit unterdrückten Vorbildern der Moderne. Mit einem aus heutiger Sicht schwer nachvollziehbaren Fortschrittsglauben experimentierte man damals recht unbefangen mit neuen Bau- und Wohnformen. Leitbild war die "autogerechte Stadt", was sich am Ensemble der Esso-Häuser besonders gut ablesen lässt. Hier wurden Wohnhäuser mit einer Tankstelle und der ersten deutschen Waschstraße verbunden. Der mit einem Modulsystem aus industriell vorgefertigten Bauteilen errichtete Komplex gibt sich bewusst als Stahlbetonkonstruktion zu erkennen. Dabei legte man Wert auf die Qualität der Materialien, was zum Beispiel an den Terrazzo-Fußböden sichtbar wird.

Mag sein, dass die Esso-Häuser auch nach einer Sanierung von vielen Betrachtern nicht als schön empfunden würden. Doch was wir als schön akzeptieren, unterliegt dem Wandel. Zur Erbauungszeit der Esso-Häuser empfand man die Bauten des Historismus und Jugendstils als grauenvoll und riss sie bedenkenlos ab. Heute bedauern wir das, was zumindest nachdenklich stimmen sollte. Ein Denkmal muss nicht auf den ersten Blick schön, aber es muss ein wesentlicher Zeuge seiner Zeit sein. Das sind die Esso-Häuser allemal.

© Hamburger Abendblatt 2017 – Alle Rechte vorbehalten.