Für den Oscar nominiert

Max Zähle: Und plötzlich wird das Leben zum Kino

Foto: Klaus Bodig

Für seinen Kurzfilm "Raju", über ein Paar, das in Kalkutta ein Kind adoptiert, ist der Hamburger Max Zähle für den Oscar nominiert.

Ganz schön viel auf einmal. Sonnenbrille vom Gesicht zerren, Sporttaschetrageriemen über die Winterjacke wurschteln, telefonieren, Umgebung checken. Nebenbei den heruntergefallenen Wollschal einer jungen Frau vom Fußboden klauben. Lächeln nicht vergessen. Es geht turbulent zu im Leben von Max Zähle, nicht nur an diesem Vormittag im Caféhaus.

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Er ist der Mann, den jeder Filmbegeisterte dieser Tage in Lobpreis hüllt wie in einen flauschigen Bademantel, seit sein Kurzfilm "Raju", der den Studenten-Oscar gewonnen hat, für den Oscar als bester Kurzfilm nominiert ist. Der Mann, den jeder kennenlernen will. An den jeder immer schon geglaubt hat, und so weiter. Der Mann der Stunde. Ganz schön viel auf einmal. Oder auch: auf einmal ganz schön viel.

Kein Wunder, dass keine Zeit für ein Frühstück war. "Ich müsste vielleicht einen Happen essen", sagt Zähle mit der samtenen Brummstimme und bestellt: Cappuccino, Eier im Glas, Maggi. Die sonst für ihre französisch kurz angebundene Art berüchtigte Bedienung lacht glockenhell und schiebt ab Richtung Küche, Maggi suchen. Max Zähle ist jemand, der andere dazu bringt, gefallen zu wollen. Ihr Bestes zu geben. Keine schlechte Voraussetzung für eine Karriere als Regisseur.

"Raju" also. Ein Paar aus Deutschland, das in Kalkutta ein Kind aus den Slums adoptiert. Das Kind wird entführt. Zähle erzählt mit Fingerspitzengefühl, aber ohne Berührungsangst von Zwangsadoption und Kinderhandel. Hat der Mensch ein Recht auf Kind? Wie weit ist ein kinderloses Paar bereit zu gehen für eine Familie? Fragen, die der Film aufwirft, ohne sie schlussendlich zu beantworten. "Wir lassen bewusst offen, wie es mit dem Paar weitergeht", sagt Zähle, der manchmal nicht mehr aus seinen Sätzen herausfindet, weil ihm unterdessen etwas anderes eingefallen ist, das Engagement seines Szenenbildners zum Beispiel für eine Kinderhilfsorganisation in Kalkutta. Es ist, auch wenn das Ende offen bleibt, kein Sowohl-als-auch-Film geworden. Max Zähle glaubt nicht an moralische Ausrufezeichen, er glaubt an Menschen und Geschichten. An diese eine Geschichte, vom Waisenjungen Raju, die nur Zuschauer mit batteriebetriebenen Herzen nicht zu Tränen rührt.

Mit Zähle über den 20-minütigen Film zu reden, für den er ein halbes Jahr recherchiert und rund drei Monate in Kalkutta verbracht hat und der jetzt sein Leben gehörig durcheinanderwirbelt, das ist wie mit einem Vater über sein Neugeborenes zu plaudern. Warmer Stolz pocht in seinen Worten. Und eine Bodenständigkeit, Gelassenheit, mit der er jeden möglichen Anflug von Größenwahnsinn abschüttelt wie die Krümel seiner Toastbrotstreifen. "Das Schönste ist", sagt Zähle mit vollem Mund, "dass sich so viele mitfreuen. Sonst wäre es wirklich einsam."

Einer, der sich zu Recht mitfreut, ist Richard Reitinger, Leiter des Filmstudiengangs der Hamburg Media School, der "Raju" als Abschlussfilm betreut hat. Er stand Zähle auch schon bei dessen erstem Kurzfilm "Wattwanderer" beratend zur Seite. Gedreht wurde am Meer, mit großem Team, es war kalt, Wetter und Wellen unberechenbar. "Ich habe Max bei diesem Dreh als jemanden kennengelernt, der die Nerven behält, ein Team inspirieren kann und Verantwortung übernimmt", sagt Reitinger.

Wer nicht wagt, der nicht gewinnt - dieser nicht nur cineastische Gemeinplatz hat sich für Zähle auch bei "Raju" bewahrheitet. Beim zehntägigen Dreh in der lauten Stadt, mit indischem Team und kleinem Budget. Gerade erst hat der 33-Jährige "Raju" im Rahmen des legendären Sundance Festivals gezeigt, er trat im amerikanischen Frühstücksfernsehen auf und wird kommende Woche nach Los Angeles zum gemeinsamen Lunch aller Oscar-Nominierten fliegen. George Clooney und Brad Pitt werden dort sein, die Realität wird sich für ein paar Stunden anfühlen wie ein Film. Ein Traum, in dem alles möglich ist. Ein Stück wirklicher dagegen ist der Besuch in Zähles altem Gymnasium in Celle, wo er auf Einladung des Direktors Abiturienten vorrechnet, wie aus einer Idee ein Film wird. Oscar-Lunch und die Schulaula in Celle - das sind in etwa die Pole, zwischen denen das Leben des Hamburger Filmemachers hin- und hersaust wie eine heftig abgefeuerte Flipperkugel.

Als "Lokalpatriot" bezeichnet sich Zähle, der, nach dem Zivildienst in die Stadt gekommen, vor Kurzem mit seiner Freundin in eine Wohnung in Altona gezogen ist und - anders als die meisten jungen Menschen, die irgendetwas mit Film machen - nicht nach Berlin umzusiedeln gedenkt. In Hamburg und Niedersachsen soll auch sein erster Langfilm spielen, ist aber alles noch nicht spruchreif, also pssst.

Zähle grinst, blinzelt aus jetlagwunden Augen und reibt über den Acht-Tage-Bart. Er trägt Jeans zum schwarzen Wollpulli - lässig, aber nicht nachlässig. Zur Oscar-Verleihung schneidert dann Wolfgang Joop Anzug und Smoking für die "Raju"-Truppe. Max Zähle wird neben Produzent Stefan Gieren, Kameramann Sin Huh und den Hauptdarstellern Wotan Wilke Möhring und Julia Richter auf dem roten Teppich stehen. Es wird zu spät sein, um über Gewinnchancen nachzudenken, darüber, ob der Film nicht nur Tausende von Menschen beschäftigt, bewegt, berührt, sondern auch die stimmberechtigten Mitglieder der Academy. Von Vorteil ist: "Raju" dreht sich um ein globales Thema, kein nationales, erzählt von tiefen menschlichen Bedürfnissen, Grundbedürfnissen geradezu.

Er tut dies auf denkbar glaubhafte Art und Weise, im dokumentarischen Stil - vielleicht auch, weil Glaubwürdigkeit ein wichtiger Begriff im Leben von Zähle ist, den man sich Bier trinkend neben Brad Pitt vorstellen kann, auf den lauten Straßen von Kalkutta, mit seinem bunt zusammengewürfelten Filmteam, sowie barfuß, dem Wind trotzend, im Watt von Cuxhaven. Weil da keine Pose ist und kein falscher Ton. Das gilt für den Menschen wie für den Film.

Max Zähle spült den letzten glitschigen Ei-Happen mit einem Schluck Kaffee herunter; er isst wie jemand, der nicht weiß, wann er wieder Zeit für die nächste Mahlzeit hat. Schnell noch ein Foto. Ein letztes Mal lächeln, auf den winterkalten Innenstadtstraßen das Auto suchen. Und dann geradeaus auf Oscar-Kurs.