Hamburg

Saul Leiter: Der große Spätentdeckte

Foto: Marcelo Hernandez

Deichtorhallen zeigen Retrospektive des 88-jährigen US-Fotografen Saul Leiter. Erst vor sechs Jahren wurden Museen auf ihn aufmerksam.

Hamburg. Eine besonders von Zeitungsmachern gepflegte Theorie darüber, was ein gutes Foto ausmache, besagt, dass der Leser darauf Augen sehen muss. Sonst, heißt es, guckt er weg und blättert weiter. So gesehen, ist Saul Leiter ein miserabler Fotograf. Unter seinen Bildern kann man jene, bei denen einen jemand direkt anguckt, an den Fingern einer Hand abzählen. Die Ausnahme bilden seine Modefotos. Da sind glamouröse Frauen mit großen, gut geschminkten Augen aus der Nähe zu sehen, doch selbst diese Aufnahmen sind oft aufs Schönste unkommerziell.

Was Saul Leiter, den großen Spätentdeckten der amerikanischen Gegenwartsfotografie, und seine Bilder so eindrücklich macht, ist nicht der verführerische, bannende, gebieterische Blick seiner freiwilligen oder unfreiwilligen Modelle. Es ist sein eigener Blick auf die Dinge und die Welt. Es ist der Blick eines Malers, der die abstrakte Schönheit im Alltäglichen in unendlich scheinenden Variationen auch mit der Kamera als spontane Komposition feiert, und zwar überwiegend als Komposition von und mit Farben. In seinem 89. Lebensjahr widmet ihm das Haus der Photographie in den Deichtorhallen nun weltweit die erste große Retrospektive, die sein gesamtes Schaffen aus rund 65 Jahren beleuchtet - das fotografische, das malerische, das fotografisch-malerische Werk.

+++ Retrospektive von Saul Leiter ab Februar in Hamburg +++

Leiter, 1923 in Pittsburgh als Sohn eines aus Polen eingewanderten Rabbiners und einer Österreicherin geboren, floh 1946 aus der Enge des geschätzten Elternhauses nach New York, weil er Maler werden wollte, nicht Rabbiner. Sehr früh begann der Autodidakt auch zu fotografieren. Obwohl er von seinen Sujets her in die Nachbarschaft der Street Photography gehört, sind doch die Ergebnisse in Schwarz-Weiß und bald, gegen alle Trends der damaligen Kunst-Fotografie, auch in Farbe, alles andere als dokumentarische Arbeiten.

Leiter ist kein Reporter, ihn interessiert nicht das Wer, Wo, Was. Radikal viel Platz schenkt er der Farbe. Ihr opfert Leiter froh alles Informative, Narrative. Seine Bilder verbergen mindestens so viel, wie sie zeigen. Deshalb ähnelt der Gang durch diese mit etwa 400 normal- bis kleinformatigen Exponaten bestückte Ausstellung einer Reise durch etwa 400 Geheimnisse. Sehr viele dieser Fotos ziehen den Betrachter durch die Oberfläche des Abgebildeten in tiefere Ebenen der Wahrnehmung hinein. Auf einer Aufnahme etwa sind neun Zehntel des Bildes von unscharfen Flächen belegt, der Rest zeigt eine gestochen scharfe Straßenszene - weit genug weg, um die Akteure des Zufälligen in ihrem Inkognito zu belassen.

"Taxi" (1957) wirkt fast wie eine reine Farbflächenkomposition in Gelb, Rot, Grün und Brauntönen, wobei die untere Hälfte des Bildes komplett unscharf ist. Im oberen rechten Viertel ist hinter der Hand des Fahrgastes, der mit zwei Fingern Halt in einem Griff sucht, als Silhouette der Kopf des Fahrers zu sehen. Mehr Mensch muss nicht sein bei Leiter, von Augen zu schweigen.

Diese Bilder bringen das Sehen auf neue Gedanken. In der Hektik der Straßen New Yorks findet Saul Leiter zu einer überzeitlichen Ruhe. Sein Bild "Times Square" (1950) lässt nur wegen der Schärfe eines schmalen, regennassen Fahrbahnausschnitts unter wild tanzenden weichen Lichtern den Rückschluss auf seinen Charakter als Fotografie zu. Leiter zeigt, dass noch dem Beiläufigsten die Chance zur Kunst innewohnt. Wer sich an diesen Blick gewöhnt hat, dem kommen die perfekten, geleckten High-End-Fotos der Jungen in ihren Monsterformaten danach vor wie teuerster Champagner ohne Perl.

Musiker, heißt es, können nicht tanzen. Fotografen hassen es, wenn man sie fotografiert. Als Saul Leiter gestern Vormittag in den Deichtorhallen erschien, wie immer außerhalb seiner Wohnung mit einer Kamera um den Hals, sah er sich einem guten Dutzend Pressefotografen gegenüber. Duldsam stellte er sich vor die wandhohe Vergrößerung eines seiner Farbfotos, die den Eingang zur labyrinthischen Ausstellung markiert, und schoss mit seinem Apparat nach Kräften zurück. Weil er ein Herz für Fotografen hat und vielleicht doch ein Ideechen mehr Vergnügen am späten Ruhm, als er zugeben mag, schlüpfte er dann von selbst kurz in die Rolle eines Fotomodells, das dem Klick-klick-Orchester noch ein, zwei andere Ansichten von sich anbietet.

Dann ging er tapfer zum Podium, wo die Kuratoren Brigitte Woischnik und Ingo Taubhorn saßen, und erzählte den anwesenden Pressevertretern, dass es an seinen Bildern nichts zu erklären und zu analysieren gebe. Kunst sei ein Mysterium, zitierte er Georges Braque, dem sei nichts hinzuzufügen. Mit seinem dreimal um den Hals gewickelten Wollschal und den dezidiert uneleganten Klamotten könnte Saul Leiter in einer Suppenküche für die Armen sitzen und würde dort nicht auffallen. Seine Augen sind wach, er lacht und scherzt. Er wirkt wie eine Mischung aus Woody Allen und John Cage - skurril, weise, tiefsinnig und unprätentiös. Und unberechenbar. Seine Sätze zu Kunst und Leben klingen wie die eines unfreiwilligen Zen-Meisters. Er mache Fotos, weil er gerne Fotos mache. Er sei glücklich, weil er im Unterschied zu vielen Menschen sein Leben lang das getan habe, was er am liebsten tue. Ohne Rücksicht auf Verluste, auf Entbehrungen. Er habe keinerlei Interesse an Karriere, an Ruhm, an Geld. "Wahnsinnig nett, irre toll, diese Ausstellung. Verdient hab ich sie nicht. Aber was soll man machen. Jetzt hängen die Bilder da."

Leiters Galerist Howard Greenberg, am Morgen aus New York eingetroffen, zeigt sich entzückt über die Vitalität seines Schützlings, dessen Werk er vor knapp 20 Jahren dem drohenden Vergessen entriss. Doch erst seit 2005 die Publikation "Early Color" (Steidl) über Leiter erschien, reißen sich Museen und Galerien um seine Bilder. Greenberg sagt, von allen Künstlern, mit denen er je gearbeitet habe, sei dieser ihm der liebste. Der hat sich inzwischen wohl damit abgefunden, dass Greenberg ihm einen Wunsch nicht erfüllen konnte: dass sein Schaffen erst nach seinem Tod entdeckt werden würde.

"Saul Leiter - Retrospektive" 3.2. bis 15.4., Haus der Photographie, Deichtorhallen, geöffnet Di-So 11.00-18.00, Der Katalog (Kehrer Verlag) kostet 49,90, nach der Ausstellung 58 Euro