"Gólgota Picnic": "Wahrlich ein satanisches Werk!"

Aufgebrachte Christen protestieren teils drastisch gegen Gastspiel am Thalia

Hamburg. Die Lessingtage des Thalia-Theaters haben noch gar nicht begonnen, da zeichnet sich ein - nicht ganz überraschender - Aufruhr ab. Dem Festival, das an diesem Mittwoch beginnt und während dessen es im Geiste Lessings zwar "Um alles in der Welt", vor allem aber auch um religiöse und kulturelle Toleranz gehen soll, wird von zum Teil besorgten, zum Teil unverhohlen radikalen Christen Blasphemie vorgeworfen. Gegen die eingeladene Inszenierung "Gólgota Picnic" von Rodrigo Garcia wurde in der Vergangenheit bereits vor den Vorstellungen in Paris protestiert. Vor allem die vom Regisseur bewusst provokant aufgeworfene Frage "nach dem Ursprung allen Übels: Entspringt das Schlechte in der Welt der Religion oder umgekehrt: entstammt die Sehnsucht nach religiösem Halt aus dem Schrecken der Welt?" erregt den Unmut der Gegner. Jetzt formiert sich der zum Teil heftig vorgebrachte Protest auch gegen das Gastspiel in Hamburg, das am kommenden Montag in der Gaußstraße gezeigt werden soll. In der Tat erwartet das Publikum "eine drastische und auch verstörende Aufführung", wie Intendant Joachim Lux eingesteht. "Es ist nicht auszuschließen, dass die Aufführung bei manchen die Grenze der Wahrnehmungsbereitschaft überschreitet."

Interessant ist dabei jedoch weniger die Existenz der Proteste als vielmehr deren Hintergrund: Die reaktionäre Website kreuz.net zum Beispiel, die in der Vergangenheit unter anderem dadurch auffiel, dass sie Muslime "Muselmanen" nennt und gern auch auf üble Art und Weise gegen Homosexualität hetzt, nennt das Stück ein "volksverhetzerisches Werk". Die Autoren der Seite, von der sich die deutschen Bischöfe übrigens in der Vergangenheit bereits deutlich distanziert haben, erwarten, dass am "Tag der Verhöhnung", wie der Premierentag hier genannt wird, "Christen vor dem Theater stehen, die ihren Glauben ernst nehmen - nämlich die Altgläubigen". Die melden sich schon jetzt zu Wort. Täglich trudeln neue E-Mails im Theater ein, darin zum Teil vollkommen gleichlautende Formulierungen: "Was Sie da aufführen, ist wahrlich ein satanisches Werk!", heißt es beispielsweise - ein vergleichsweise harmlos vorgebrachter Vorwurf, denn auch unverhohlene Drohungen erreichten das Theater bereits: "Bedenken Sie bitte auch, dass Gott Seiner nicht spotten lässt. Auf irgendeine Weise wird Er eine solche Beleidigung rächen, und wer weiß, wen diese Vergeltung dann trifft. Vermutlich alle, die daran beteiligt waren, aber vielleicht auch diejenigen, die dazu geschwiegen haben." Teilweise, so heißt es aus dem Theater, erfüllen die Protestnoten den Tatbestand der versuchten Nötigung.

Offiziell aufgerufen zum Protest gegen das "gotteslästerliche Theaterstück", in dem ein nackter Pianist ebenso eine Rolle spielt wie ein Haufen Burgerbrötchen als Zeichen der Konsumkritik, hat mittlerweile auch die fundamentalistische Piusbruderschaft; die Internetseite kath.net bietet "Infos über Protestmöglichkeiten", darunter auch die Mailadresse des Thalia-Intendanten Joachim Lux. Der erinnert in einer Stellungnahme daran, dass "die Kunst im Rahmen ihrer Ausdrucksformen seit jeher auch zu radikalen und verstörenden Gesten findet", und appelliert an die Toleranz des Publikums.

Die Auseinandersetzung mit den Zuschauern wie mit deren Kritik scheut er keineswegs: "Wir setzen darauf, dass der friedliche Charakter des Festivals trotz dieser Vorfälle erhalten werden kann, und laden im Anschluss an diese wie auch an andere Aufführungen zu Publikumsgesprächen ein."