Pop-Legende

David Bowie: Der Mann, der das Chaos stiftete

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Der britische Musiker, Songwriter und Schauspieler David Bowie feiert seinen 65. Geburtstag.

Berlin. Der "Rolling Stone" titulierte ihn als "Wunder der Selbsterfindung", das britische GQ-Magazin wählte ihn zum Mann des Jahres 2002 und nannte ihn den "am meisten faszinierenden Rockkünstler", die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" bezeichnete ihn als "Der weise Pfau" und "wunderschönes Monster": Am 8. Januar feiert der Sänger, Songwriter, Produzent und Schauspieler David Bowie seinen 65. Geburtstag.

"Mir ist alles recht, was ordentlich Chaos stiftet", hat der Jubilar vor 15 Jahren der Wochenzeitung "Die Zeit" sein persönliches Mantra verraten – und wohl niemand hätte das Phänomen Bowie besser beschreiben können als Bowie selbst. Der Mann ist ein Exzentriker, ein Sich-Ausprobierer fern aller Konventionen. Auch sexuell betrachtet. Später hat er es bereut, dass er vor mehreren Jahrzehnten seine Bisexualität öffentlich gemacht hatte.

Bowies künstlerisches Werk ist stark geprägt von Finsternis. Dem "Spiegel" offenbarte der Musiker vor zehn Jahren: "Ich liebe das Leben. Aber das Thema meiner Arbeit sind nun mal die düsteren Seiten des Daseins: Angst, Zweifel, Depression, Verlust, Enttäuschung. Der Zustand, mit dem ich mich hauptsächlich beschäftige, ist der des totalen Elends." Ein Leben in Moll, Melancholie in Reinkultur – und was macht Bowie, wenn er solch düsteren Szenarien malt? Er lacht.

Sein ganzes Leben lang habe er unter "starken Ängsten gelitten. Dies ist das Hauptmotiv meiner Arbeit und meiner inneren Suche. Ich kreise eigentlich dauernd darum." Trotz all seiner Ängste hat es Bowie, am 8. Januar 1947 als David Robert Jones im Londoner Stadtteil Brixton geboren, ziemlich weit gebracht. Der Mann hat Musikgeschichte geschrieben, seine Songs sind selbst Jahrzehnte nach ihrer Erstveröffentlichung noch Partyhits – und das will etwas heißen in diesem von Oberflächlichkeit und Geschwindigkeit dominierten Geschäft.

1969 landete Bowie seinen ersten Welthit: "Space Oddity". Der Durchbruch gelang ihm drei Jahre später mit dem ersten Album "The Rise and Fall of Ziggy Stardust". Apropos Kunstfiguren: Bowie hat sich immer wieder neu erfunden, er hat sich selbst zu einer Kunstfigur stilisiert. Aus Angst vor der Gegenwart? Vielleicht. Vor allem aber aus Angst vor dem Mittelmaß. "Ich hasse den Mainstream. Ich ersticke an seiner Mittelmäßigkeit und Berechenbarkeit", hat Bowie dem "Spiegel" einst sein Seelenheil skizziert. Und: "Sobald man zum Mainstream gehört, wird auf einmal alles leer und vollkommen hinfällig." Bowie ist alles andere als Mainstream – weil er sich nicht festlegen lässt. Manche sagen, er sei seiner Zeit einfach immer voraus.

Ursprünglich strebte Bowie ins Schauspielfach, dafür hatte er über Jahre Unterricht genommen. Sein erster Film gilt manchen Kritikern als sein bester: "Der Mann, der vom Himmel fiel". Dabei hatte sein englischer Regisseur Nicolas Roeg 1976 keinen Profi gesucht, sondern jemanden, der glaubhaft einen Außerirdischen verkörperte – und das war Bowie. Klapperdürr, ausgemergelte Gesichtszüge – die Folgen seines Drogenkonsums waren nicht zu übersehen. Sein Job: Er, Bowie, solle einfach nur er selbst sein. Neben Maria Schell und Marlene Dietrich – es war ihre letzte Rolle - spielte Bowie wenige Jahre später den preußischen Offizier Paul von Przygodski in "Schöner Gigolo, armer Gigolo". In "Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" hatte er einen kurzen Gastauftritt – als Musiker David Bowie.

Überhaupt Berlin: Als es Musiker weltweit magnetisch in die USA zog, kehrte Bowie Amerika bereits seinen zarten Rücken. Das war Mitte der siebziger Jahre, und er selbst kurvte – inkognito und gemeinsam mit dem Musiker Iggy Pop – lieber in einem durchgerosteten Mercedes durch West-Berlin. Der Ruf eines "Chamäleon der Rockmusik" ("Major Tom", "Young American") behagte Bowie allerdings nie – weil er sich seiner Umgebung einfach nicht anpassen wollte. Anfang der achtziger Jahre ging er mit "Queen" ins Studio, heraus kam "Under Pressure". Gemeinsam stürmte man die Spitze der britischen Charts.

Bowie, der avantgardistische Experimentator: Seit 1996 pflegt er als einer der ersten Künstler eine eigene Website, 1997 ging er an die New Yorker Börse – als erster Künstler aus der Unterhaltungsbranche. Und nahm mit "Bowie-Bonds" mehr als 55 Millionen US-Dollar ein. Nur zwei Jahre später, 1999, lieh das Multitalent des Pop der digitalen Spielfigur "Boz" Aussehen und Stimme. Weltweit gilt David Bowie nicht nur als einer der erfolgreichsten Popmusiker, sondern auch als einer der reichsten. 2010 wurde sein Vermögen auf rund 900 Millionen US-Dollar geschätzt. Bowie sammelt expressionistische Kunst, malt und fördert noch unentdeckte Musiktalente. Mit seiner zweiten Ehefrau Iman und der gemeinsamen elfjährigen Tochter wohnt er in New York.

Der Buddhist Bowie – seit 1996 in der Rock'n' Roll Hall of Fame, seit 1997 mit einem Stern auf dem "Walk of Fame" in Hollywood vertreten – weiß, dass auch seine Lebenszeit endlich ist. Der Mann, der schon so viele Leben gelebt hat, hat Angst vor dem Tod. "Jetzt, wo ich mich selbst und andere verstehe, soll ich sterben – was für ein Scheißspiel. (...) Ich würde gern 200 oder 300 Jahre alt werden", sagte er vor nicht allzu langer Zeit. Da war sie wieder, die bowiehafte Übertreibung! Nun aber mal halblang, Mister Bowie, möchte man ihm am liebsten zurufen, jetzt feiern Sie doch erst einmal den 65.! Happy Birthday!