Artikel online verfügbar Springer öffnet Medienarchiv 68

Berlin. Zur bundesdeutschen Zeitgeschichte gehört die Grundannahme, die Zeitungen des Verlags Axel Springer, darunter das Abendblatt, hätten gegen die Studentenbewegung der Jahre 1967/68 gehetzt. Nicht nur Veteranen des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) und der Außerparlamentarischen Opposition (Apo) sehen das so; auch Historiker, die 1967/68 höchstens Jugendliche waren, sind sich ganz sicher.

Bisher war es so gut wie unmöglich, die Berichterstattung der Blätter des Springer-Verlags über SDS, Apo und verwandte Themen zu überblicken. Zwar liegen sämtliche Zeitungen in Publizistik-Instituten und großen wissenschaftlichen Bibliotheken als Mikrofilme vor. Doch mehr als Stichproben kann man auf dieser Grundlage kaum machen. Es ist unmöglich, mit vertretbarem Aufwand den Gesamtinhalt von verfilmten Zeitungen zu erfassen - das geht nur mit den auf Papier gedruckten Originalen. Von diesen schweren und empfindlichen Bänden gibt es jedoch nur wenige vollständige Serien, die aus konservatorischen Gründen noch seltener benutzt werden dürfen.

Entsprechend gab es bisher in der vielfältigen Literatur über 1968 keine systematische Auswertung der Berichterstattung in "Welt" und "Bild", in "Berliner Morgenpost", "B.Z.", Hamburger Abendblatt, "Welt am Sonntag" und "Bild am Sonntag". Als Mangel wurde das allerdings lange nicht empfunden, denn die obige Grundannahme musste ja gerade nicht bewiesen werden.

Doch nach der Entdeckung, dass Karl-Heinz Kurras, der Benno Ohnesorg erschoss, in Wirklichkeit ein Spitzel der Stasi war, änderte sich das. "Welt"-Chefredakteur Thomas Schmid stellte fest: "Die Blätter des Axel Springer Verlags haben - was wir belegen werden - über die 68er-Bewegung sehr viel differenzierter berichtet, als es im Schreckbild von der ,hetzerischen Springerpresse' vorgesehen ist." Nach einem halben Jahr intensiver Recherchen unter Leitung von Rainer Laabs, dem Leiter des Axel-Springer-Unternehmensarchivs, ist dieses Versprechen jetzt eingelöst worden. Seit gestern steht die erste umfassende Auswertung der Berichterstattung als gewaltige Datenbank im Internet. Genau 5655 Artikel zum Themenfeld Universitäten, Studentenbewegung, Hochschulpolitik, SDS, Apo und Ähnlichem (erschienen zwischen Dezember 1966 und Dezember 1968) aus den sieben wichtigsten Blättern des Verlags sind erfasst und für jeden frei abrufbar.

Sollten trotz sorgfältiger Arbeit einzelne Artikel übersehen worden sein, so werden sie nach entsprechenden Hinweisen umgehend nachgetragen. Das Ziel ist, dass das Medienarchiv 68 genannte Angebot tatsächlich alle relevanten Berichte, Kommentare, Karikaturen und Leserbriefe über das umstrittene Thema in den Zeitungen des Axel Springer Verlags erfasst.

Hinzu kommen 233 ausgewählte Artikel aus dem liberalen "Tagesspiegel" und dem sozialdemokratischen "Telegraf". Hier wird deutlich, dass negative Bewertungen der SDS-Aktivisten oder Kommunarden wie "FU-Chinesen", "exaltierte Halbstarke", "Dutschkisten" oder "politische Dummköpfe" - Beispiele aus Kommentaren der beiden Blätter - sich seinerseits keineswegs auf Zeitungen aus Axel Springers Verlag beschränkten. Das Gleiche gilt für teilweise aggressive Bewertungen in Leserzuschriften, die im "Tagesspiegel" und auch im "Telegrafen" erschienen. Stichproben aus anderen West-Berliner Blättern wie der linksliberalen Boulevardzeitung "Der Abend" oder dem lokalen "Spandauer Volksblatt" sowie aus den überregionalen Zeitungen "Frankfurter Allgemeine" und "Süddeutsche" konnten aus Zeitgründen nicht eingearbeitet werden, liegen aber ebenfalls vor.

Mit dem Medienarchiv 68 ist, nach mehr als vier Jahrzehnten, zum ersten Mal eine praktisch vollständige Sammlung der Beiträge zum Thema Studentenbewegung in den Springer-Zeitungen verfügbar. Wird sich jetzt eine realistischere Sicht auf dieses heftig umstrittene Kapitel der bundesdeutschen Geschichte durchsetzen?