Kunst-Szene im historischen Innenstadt-Viertel

Ein kleiner Kunstführer durchs Gängeviertel

Foto: Roland Magunia

Wer macht hier was und warum? Hinter der anonymen Formulierung "200 Künstler" stecken Persönlichkeiten und interessante Geschichten.

Hamburg. Das Gängeviertel lebt wieder. Es hat einen Puls, der morgens erst langsam auf Trab kommt, bis die Betriebstemperatur erreicht ist. Kaffee, viele Zigaretten und auch mal ein Schoko-Croissant sind gern genommene Hilfsmittel. Es hat viele Hirne und viele eigenwillige Charaktere und noch mehr helfende Hände. Einen Bauch, der täglich satt werden möchte, den hat es auch. Dank des Hamburger Herbstwetters ist die gängigste Begrüßungsinfo: Ochja, geht schon, so halbwegs bin ich bin wieder gesund. Dann folgen gern ein herzhaftes Husten und ein ansteckendes Grinsen, bevor der Schal routiniert enger gezurrt wird.

Was alle, jeden auf seine Art, antreibt, sich mehr oder weniger selbstausbeutend einzubringen, ist das kollektive Bewusstsein und die kreative Vielfalt.

Dali Nikolic ist garantiert der einzige Kulturmanager Hamburgs, der Zimmermann gelernt hat und einen entsprechenden Händedruck hat. Normalerweise arbeitet der 33-Jährige in einer Eventagentur, jetzt hat er zwei Wochen Urlaub und macht sich hier tatkräftig nützlich.

Sein Bruder, Künstlername: Darko Caramello, ist eigentlich Grafikdesigner und Trickfilmzeichner und ist einer der Kreativen, die vor drei Jahren unter dem Namen "Die Kupferdiebe" ein kleines Büro an der Caffamacherreihe eröffneten. Das Geld für sein Studium hat er auf dem Bau verdient, klar also, dass er mit anpackt. "Ich bin im Augenblick 24 Stunden täglich verhaftet", grinst er lässig, "aber dass man hier mitmacht, ist eine Frage der Ehre." In einem der Ateliers wartet ein halbfertiges Bild auf ihn. Einen Raum weiter stapeln sich die fertigen.

Stapeln tut sich um diese Uhrzeit auch das schmutzige Geschirr in der Volksküche. Zwei der gut 20 Helfer sind die Gesangsstudentin Janina Troost und Tanja Gwiasda, gelernte Malerin und Lackiererin, die am Fundus-Theater arbeitet. Sie haben sich vom anfänglichen Gemüseschnippeln bis an den Herd vorgearbeitet. Janina scheint kurzfristig beim Gedanken an ihr Studium kurzfristig ein schlechtes Gewissen zu haben, doch dann ist die gute Laune stärker und das Lachen unbremsbar.

Zu Stoßzeiten wurde hier schon Essen für Hunderte zubereitet, während wir uns in der kleinen Küche unterhalten, ruft von draußen eine Besucherin durchs Fenster, die einfach mal nachsehen wollte, wo ihre Nichte kürzlich ausgeholfen hat. Wollt ihr Kaffee? Läuft gerade frisch durch! Och nö, wir hatten gerade einen in Eppendorf. Man glaubt es kaum. Wenig scheint unmöglich in dieser Ecke der Innenstadt.

Die vielen Fäden des Geschehens laufen im Büro in der "Puppenstube" am Valentinskamp zusammen. Vorn sind historische Fotos des Quartiers zu sehen, hinter der Bürotür wird geplant, beratschlagt, organisiert. Die Gegenseite schläft schließlich nicht, auch wenn gerade alles ruhig zu sein scheint. Theresa Thiele, Dipl. Ing. Architektur und vor allem für Organisatorisches zuständig, sagt dazu: "Ich habe kein schlechtes Gewissen, weil wir den richtigen Zustand hier wieder herstellen. Was unrecht ist, ist der Leerstand."

Zeit für einen Schritt zurück, um noch mal die Perspektive zu klären. Die Verzückung über die Street-Art-Romantik, in die Besucher angesichts des bildhübschen Chaos hier schnell verfallen können, geht am Kern der Initiative vorbei. Protest ist und bleibt die Motivation, Protest gegen die herrschenden Verhältnisse, Protest gegen die Behandlung von oben, durch kulturferne Politiker,. Investoren und Besserwisser. Ein Künstler-Streichelzoo ist das hier nicht. Und will es garantiert auch nicht werden. Die überraschend breite Sympathie, die den Künstlern dafür an dieser Adresse entgegengebracht wird, macht die Sache zwar einfacher, aber auch fast schon skurril, weil alle hier so nett daherkommen.

Die nächste Begegnung: Lucy Eckardt. Studentin an der Hochschule für Bildende Künste. Lucy zeichnet. Ihr Blick ist entsprechend. Distanziert, neugierig, aufmerksam. Ihre "Arbeitsinstallation" hier wird von der Hochschule betreut, es geht irgendwie wohl sehr darum, was die Arbeit aus dem Leben macht und mit einem. Sie erzählt so hochkonzentriert davon, dass man nicht anders kann, als beeindruckt zu sein. Als Inspiration liest sie "Vita activa oder Vom Tätigen Leben" der Philosophin Hannah Ahrendt.

Ihr Kommentar zur Stimmung hier: "Dass Menschen so für etwas brennen, ist ein sehr bereicherndes Erlebnis." Ob sie sich womöglich vorstellen kann, ihre Zeichnungen zu verkaufen, die sie uns in der alten Tischlerei zeigt? Kann sie nicht. "Dann sind sie ja weg", antwortet sie mit leiser Überraschung. "Dann hab' ich ja nichts mehr von ihnen."

Im obersten Stock der Tischlerei treffen wir Marion Walter. Halbwegs gesund inzwischen. Durch die Löcher im Boden an der Außenwand kann man mühelos bis auf den Innenhof sehen. Weiter hinten auf dem Boden lagern drei schwere Betonplatten, eine von ihnen hat eine "kunstvoll zerfetzte" Holz-Intarsie. Walter geht es so wie vielen hier in diesen Tagen. Sie würde gern mehr an ihrer eigenen Kunst arbeiten, da sich Kunst und Leben so unmittelbar beeinflussen und anregen, sie kommt aber nicht dazu. "Das Thema ist im Moment der Mensch." Ein weites Feld. Man muss nur die Zeit haben, es zu beackern.

Wenige Meter senkrechte Luftlinie von Walters Arbeit entfernt steht Christine Ebeling neben einigen bunt bemalten Alu-Bauklötzen. "Vermessen" ist ein Kommentar zur Nachbarschaft, aber auch einer zur Höher-schicker-teurer-Mentalität der Investoren und Politiker, die dieses Viertel im Laufe der Jahre zu dem gemacht haben, was es nun ist: Ein Dagegen-Denkmal.

In dem Haus an der Speckstraße laufen unterdessen die Vorbereitungen für die neue Ausstellung, die am Freitag Abend eröffnet werden soll, auf Hochtouren. Es zieht wie Hechtsuppe. Egal. 16 Räume werden gestaltet, die kleine Abstellkammer von Jeanette Kratzert ist schon fertig. Dort hängen kleine, liebevoll gerahmte Foto-Collagen, für die die Grafikdesignerin Fotos des Viertels mit Fotos aus dem Internet bestückt hat, aber auch mit hineinmontierten Schwarz-Weiß-Fotos von Verwandten. "Nostalgie im Gängeviertel" nennt sie das. Die Abstellkammer, so erklärt sie, ist Absicht.

Das soll Umgang von Hamburg mit der Kultur dokumentieren und kommentieren. Ihre Bilder sind zu kaufen, in kleine Tütchen eingeschweißt, auf denen als ironische Mahnung an den Ersten Bürgermeister steht: "Hätte Deine Oma das so gewollt?" Für Kratzert, die ansonsten von ihrem kleinen Gemeinschaftsbüro freischaffend arbeitet, ist das hier einmalig, "ich hab' noch nie bei einem so tollen, sinnvollen und aufregenden Projekt mitgemacht", erzählt sie stolz, während wir vor einem der wenigen Öfen auftauen. Sie ist übrigens auch schon wieder gesund.

Fragt man die Gängeviertelianer, "Wo sind wir in 100 Tagen?", kommt immer wieder die kategorische Antwort: "Hier." Mit noch mehr Hilfe von außen, mit noch mehr planerischen Perspektiven für ein anderes Arbeiten. Eindeutig ist immer: Wir sind gekommen, um zu bleiben.

Das Gängeviertel lebt wieder.

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