Subkultur

"Weil es hier so schön verrucht ist"

Foto: Christian Dittloff

Die Goldenen Zitronen, Captain Planet und ihre Viertel. Punks von früher und Punks von heute und ihre Meinung zur Aufhübschung der "Szeneviertel".

Hamburg. "Wenn wir die goldene Linie übertreten, zückt der Wachmann gleich seine schwarzen Handschuhe." Arne von Twistern spielt in der Hamburger Punkband Captain Planet, wie typische Punks sehen er und seine Bandkollegen allerdings nicht aus. Dennoch werden sie skeptisch vom Sicherheitspersonal beäugt, als sie sich vor dem McDonald's am S-Bahnhof Sternschanze zu einem Stadtteilrundgang treffen. Die Filiale des Fastfood-Riesen im Hamburger Szeneviertel ist umstritten, denn sie ist symbolträchtiger Teil eines Aufwertungssturms, der insbesondere durch die Stadtteile Sternschanze und St. Pauli zieht. Dieser Tage ist sie häufig Ziel von Protestaktionen, die auf das Gentrifizierungsproblem im Milieu aufmerksam machen sollen. Das bedeutet: Reihenweise schließen alteingesessene Geschäfte und internationale Ketten ziehen ein. "Das Problem ist vor allem das Fehlen der alten Läden", kommentiert Gitarrist Benjamin Sturm, und Arne von Twistern bestätigt: "Alles wird aufpoliert. St. Pauli und die Schanze verlieren die Narben in ihrem Gesicht, wie nach einer Schönheits-OP." Vom ehemals kreativen Lebensmittelpunkt einer ganzen Stadt bleibe da nicht mehr viel übrig. "Ich hab letztens den ersten Junggesellinnen-Abschied über das Schulterblatt ziehen sehen", lacht Sturm, "und einen Touristenbus mit einer Führerin, die ein Mikrofon in der Hand hielt, wahrscheinlich das Zentrum linker Subkultur erklärend. Dabei leben hier Menschen."

Menschen, die Stadtteile wie das Karoviertel, die Schanze, das Gängeviertel oder St. Pauli prägen. Zum Beispiel Ted Gaier, Schorsch Kamerun, Julius Block, Enno Palucca, Stephan Rath und Mense Reents von der 1984 als Punkband gegründeten Gruppe Die Goldenen Zitronen. "Eigentlich waren wir damals Mitte der 80er die erste Gentrifizierungswelle", sagt Ted Gaier, einige Tage vor dem Rundgang mit Captain Planet mit seinen Bandkollegen am Hein-Köllisch-Platz. "Damals gab es bis auf den Krawall am Fischmarkt so gut wie nichts, wo man sich als Punk ausleben konnte." Schorsch Kamerun ergänzt: "Im Prinzip war St. Pauli damals großer Mist, aber Wohnraum war billig, das war im Gegensatz zu heute der einzige Grund, um hier zu leben, ohne Bad und ohne Heizung." Das Viertel als Möglichkeit der Freiräume nahmen sie erst mit den Kämpfen um die besetzten Hafenstraßenhäuser wahr.

Mense Reents sieht das als Beginn der Gentrifizierung: "Wie in New York, London oder Paris zogen diese vermeintlichen Freiräume Künstler und Musiker an. Subkulturen bilden sich, entsprechende Läden siedeln sich an, Nachfrage und Mietpreise steigen und dann braucht keiner mehr alteingesessene Paulianer und abgebrannte Nachzügler wie uns." Bis auf den Golden Pudel Club sind viele Ursprünge der 80er längst Geschichte. Die Hafenstraße: Folklore für das Fotoalbum. Um letzte Orte wie die Kogge in der Bernhard-Nocht-Straße zu verteidigen, solidarisierten sich auch die Zitronen mit ihrem Quartier und gaben im Rahmen der gegen das Neubauprojekt "Bernhard-Nocht-Quartier" kämpfenden Initiative "NoBNQ" ein Konzert.

Wobei sich auch die Zitronen seit vielen Jahren vom Punk-Radau zu anspruchsvollem Avantgarde-Pop entwickelt haben. Das neue Album "Die Entstehung der Nacht" spiegelt die Entwicklung im 25. Jubiläumsjahr wieder: Komplexe elektronische Strukturen treffen auf eingängige, luftige Harmonien, Zeitkritik ("Börsen Crashen") auf beinahe sanftmütige Poesie. Pop von Künstlern, die keine abgerissenen Punks mehr sind, sondern - wie Kamerun - Musiker, Autoren, Theaterregisseure und Klubbetreiber. Ein Abbild der (Sub-)Kultur des Viertels mit einem Gedanken: Kunst statt Kommerz. Auf von Konzernen gesponserte Festivals verzichten die Goldenen Zitronen und spielen lieber in Mainstream-kritischen Klubs wie am 14. November im Uebel & Gefährlich im Feldstraßenbunker.

Auch die vier Musiker von Captain Planet haben in Klubs wie der Roten Flora, der Schilleroper oder dem Störtebecker ihre ersten Konzerte gegeben. Heute sind diese Klubs entweder nicht mehr da oder sie bilden Bastionen, die die um sie gewachsene Umgebung krass kontrastieren, weil sie nicht zum neuen Pauli- oder Schanzen-Schick passen. Das "Störte" in der Hafenstraße befindet sich wie die Kogge in dem Gebiet, in dem das umstrittene Bernhard-Nocht-Quartier entstehen soll. Und die Rote Flora am Schulterblatt ist der Gegenentwurf zum gegenüberliegenden "Galão-Strich", der beliebten Café-Piazza zum Sehen und Gesehenwerden. "Und warum sitzen die Leute da hinten in der Sonne?", fragt von Twistern rhetorisch. "Weil es hier so schön verrucht ist. Aber die Brisanz des Stadtteils geht verloren."

An der bröckelnden Hauswand der seit Jahren leer stehenden Schilleroper in der Nähe des Neuen Pferdemarkts hängt ein altes Captain-Planet-Plakat aus dem Jahr 2005. Es ist eingerissen, aber der Bandname ist noch lesbar. Stolz erklärt der Captain-Planet-Sänger: "Das ist unser erstes Tourplakat, wir sind Teil der Geschichte dieses Stadtteils und haben den Klub mit Leben gefüllt."

Auch musikalisch thematisiert Captain Planet das Gentrifizierungsproblem: Die Texte entwerfen einen metaphorischen Zusammenhang zwischen Innen und Außen, Gefühl und Lebensraum. Bei den Songs des neuen zweiten Albums "Inselwissen" werden Baustellen und einstürzende Fassaden als Sinnbilder für einen innerlichen Entwicklungsprozess benutzt. Und doch sind sie auch Sinnbilder einer Stadt, die ihre kreativen Zentren systematisch zu zerstören scheint. Die Goldenen Zitronen und Captain Planet könnten dann nicht die letzten unkonventionellen Hamburger Bands sein.

Aber die ersten der letzten.

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