Dummdeutsch und Denglisch Sprachnörgler sollten das Spiel mitgestalten

Foto: Ben Stefanowitsch

Prof. Dr. Anatol Stefanowitsch widerspricht dem stellvertretenden Abendblatt-Chefredakteurs Matthias Iken: Sorgen sind unbegründet.

Hamburg. Wenn es irgendwo um den "Service Point", die "Flatrate" oder das "Downloaden" geht, ist er zur Stelle: der Sprachnörgler. Er sieht im Gebrauch solcher "Anglizismen" pseudo-weltmännische Angeberei, Unterwürfigkeit gegenüber der Supermacht USA, ein Zeichen kulturellen Niedergangs und gedanklicher Verrohung. Deshalb will er seinen Mitmenschen die Lehnwörter verbieten. Auch weniger eifernde Beobachter befürchten - wie jüngst der stellvertretende Chefredakteur des Hamburger Abendblattes, Matthias Iken -, die Deutschen könnten durch die Übernahme von Lehngut ihre sprachliche Kreativität einbüßen und bald nicht mehr in der Lage sein, den Wortschatz des Deutschen aus eigener Kraft zu entwickeln.

Diese Sorge ist unbegründet. In der dokumentierten Sprachgeschichte gibt es keinen einzigen Fall einer Sprache, die wegen einer Überzahl an Lehnwörtern ihre Ausdruckskraft und Kreativität verloren hätte. Englisch, die Sprache großer Dichter und Denker, bestand schon zu Lebzeiten Shakespeares zu siebzig Prozent aus skandinavischen, lateinischen und französischen Lehnwörtern. Dagegen wirkt das Deutsche fast unberührt: Die Duden-Redaktion schätzt den Fremdwörteranteil am deutschen Gesamtwortschatz auf ein Viertel. Das Englische spielt dabei eine Nebenrolle: selbst in der notorisch anglizismenfreundlichen Werbesprache machen englische Lehnwörter nur etwa vier Prozent aus.

Lehnwörter haben Tradition. Seit jeher bedienen wir uns bei unseren Nachbarsprachen. Aus der Zeit der Christianisierung stammen griechische Lehnwörter wie "Kirche" und lateinische wie "Kreuz", im Mittelalter kamen französische Lehnwörtern wie "Abenteuer" und "Panzer" hinzu. Zu Beginn der Neuzeit war das Lateinische dominant, mit Wörtern wie "Argument", "Klasse" und "Minute". Abgelöst wurde es im 17. Jahrhundert wieder vom Französischen, das uns z. B. "Fabrik", "Kotelett"und "Frisur" gab. Seit Ende des 19. Jahrhunderts ist Englisch die Hauptquelle, frühe Entlehnungen waren "Tunnel", "Reporter" und "Schal".

Menschliche Gesellschaften sind einem ständigen Wandel unterworfen, der uns dazu anhält, Wörter für neue Gegenstände, Technologien und kulturelle Praktiken zu finden. Entlehnung ist die einfachste Lösung, und trotzdem verlassen die Deutschen sich hauptsächlich auf Bordmittel. Mein Kollege Lothar Lemnitzer erfasst auf seiner Webseite "Wortwarte" monatlich Hunderte neuer Wörter aus dem aktuellen Sprachgebrauch. Davon sind nur etwa zehn Prozent echte Neuentlehnungen ("Adblocker", "Tweetcast"). Weitere zwanzig Prozent mischen englisches und deutsches Wortgut ("Downloadquelle", "Servicerüpel"). Der Rest besteht aus deutschem Sprachmaterial ("Abwrackmuffel"), oft in Kombination mit alten, integrierten Lehnwörtern ("Tigerentenkoalition"). Von einem Verlust sprachlicher Kreativität kann also keine Rede sein.

Welche der Neuschöpfungen und Entlehnungen, die jeden Tag in der deutschen Sprache auftauchen, sich durchsetzen, entscheidet sich in einem evolutionären Prozess. Wenn sie ein kommunikatives Bedürfnis einer großen Zahl von Sprechern befriedigen, pflanzen sie sich fort, wenn nicht, sterben sie aus.

Regulieren lässt sich das weder von Sprachnörglern noch von Wörterbuchmachern. Sprachwandel entsteht aus unzähligen Einzelentscheidungen. Wie bei einem Kartenspiel, bei dem jeder Mitspieler seine Karten so ausspielt, wie er es für richtig hält, haben Sprecher, wenn sie den Mund aufmachen oder zum Stift greifen, die Möglichkeit, die Entwicklung ihrer Muttersprache zu beeinflussen. Nicht, indem sie am Sprachgebrauch ihrer Mitmenschen herumnörgeln, sondern indem sie Wörter verwenden, die ihnen in der jeweiligen Situation am ausdrucksstärksten erscheinen. Statt am Rand zu stehen und zu kiebitzen, sollten die Sprachnörgler sich an den Tisch setzen und das Spiel mitgestalten. Da es ein Spiel mit vielen Mitspielern ist, werden sie nur selten gewinnen. Aber dabei sein ist alles.

Prof. Dr. Anatol Stefanowitsch ist Sprachwissenschaftler an der Universität Bremen.