Mit herausragenden Fotos dokumentiert der Band das Entstehen der Mauer und den Alltag der Grenze, die eine Stadt, ein Land, einen Kontinent teilte.

Hamburg. Im Sommer 1961 sah der 24 Jahre alte Günter Litfin keine Perspektive mehr für ein Leben in der DDR. Der Schneider, der im Ost-Berliner Stadtbezirk Weißensee wohnte, war Mitglied der illegalen West-CDU und musste jederzeit mit seiner Verhaftung rechnen. Anfang August entschloss er sich, nach West-Berlin zu ziehen, in Charlottenburg hatte er schon eine Wohnung gemietet. Am 12. August richtete er sie gemeinsam mit seinem Bruder ein, kehrte aber am Abend noch einmal nach Weißensee zurück.

Tags darauf saß er in der Falle, die SED hatte die Grenze zu West-Berlin abgeriegelt und mit dem Bau der Mauer begonnen.

Aber Litfin war nicht bereit, ein Leben in Unfreiheit zu führen. Am Nachmittag des 24. August wollte er über eine Bahnanlage in den Westen gelangen. Als ihn gegen 16.15 Uhr DDR-Polizisten entdeckten, sprang er in den Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal und versuchte verzweifelt, das westliche Ufer zu erreichen. Einer der Polizisten eröffnete das Feuer auf den Flüchtling und traf ihn tödlich. Ein Foto, das am 3. Oktober 1962 aufgenommen wurde, zeigt einen jungen Mann, der vor einem Gedenkstein an der Berliner Sandkrugbrücke trauert. Das schlichte Denkmal trägt die Aufschrift "Hier starb das erste Opfer der Mauer Günter Litfin". Dieses eindringliche Foto ist in dem eben erschienenen Bildband "Die Mauer - Fotografien 1961-1992" enthalten, den Kai Diekmann, der Chefredakteur der "Bild"-Zeitung, herausgegeben hat. Der großformatige Band zeigt mit einer Fülle herausragender Fotos das Entstehen der Berliner Mauer und den Alltag dieser Grenze, die eine Stadt, ein Land und einen Kontinent teilte, Familien und Freunde auseinanderriss und mindestens 133 Flüchtlinge das Leben kostete: Menschen blicken fassungslos über die Sperranlagen, grüßen mit hilflosen Gesten Freunde oder Verwandte. Wie das Paar, das am 15. September 1961 im Westen geheiratet hat und den Eltern der Braut winkt, die weinend aus dem Fenster eines Ost-Berliner Mietshauses grüßen. Zu sehen sind Bilder voller Dramatik, die geglückte oder misslungene Fluchten dokumentieren: Schwer verletzte Flüchtlinge in West-Berliner Krankenhäusern, DDR-Soldaten, die "Grenzverletzer" wie Verbrecher abführen, oder die im Sperrgebiet liegenden Körper jener, die ihren Wunsch nach Freiheit mit dem Leben bezahlen mussten.

Der Band zeigt aber auch, wie die Mauer zur Normalität wurde, als Touristenattraktion für amerikanische Marinesoldaten oder als Schrebergartenidylle für die West-Berliner Anwohner, die buchstäblich im Schatten der Walls ihre Campingstühle aufstellten. Selbstverständlich nimmt auch die Überwindung der Mauer im November 1989 breiten Raum ein, mit Bildern, die glückliche Menschen zeigen, die fassungslos ihre neue Freiheit erproben und wohl zum ersten Mal im Leben freiwillig in einer großen Menge aufgehen. Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl schreibt im Vorwort zu diesem Buch, wie ihn Michail Gorbatschow unmittelbar nach dem Mauerfall besorgt anrief: "Er fürchtete, dass die Dinge aus dem Ruder liefen und wollte von mir wissen, ob es zuträfe, dass eine empörte Menschenmenge dabei sei, Einrichtungen der Sowjetarmee in Berlin zu stürmen", schreibt Kohl, und fügt hinzu: "Ich habe Gorbatschow damals mein Wort gegeben, dass diese Befürchtungen nicht zuträfen und die Menschen friedlich demonstrierten. Er hat mir vertraut. Später habe ich erfahren, dass er auch Willy Brandt angerufen hat. Der hat ihm das Gleiche gesagt." Jede Fotografie in diesem Band erzählt eine Geschichte, es sind manchmal verhängnisvolle und tragische Geschichten, die sich mitunter nur schwer ertragen lassen, aber dennoch nicht vergessen werden dürfen. Ebenso wenig wie das unmenschliche Bauwerk, dessen Verschwinden auf den letzten Seiten dieses eindrucksvollen Bildbandes dokumentiert wird.

Kai Diekmann (Hrsg.): Die Mauer. Vorwort von Helmut Kohl. Fackelträger, 110 Fotografien, 29,95 Euro.