Kultur-Polemik: Zwei junge Buchautoren über junge Deutsche, die ihre Bildung auf Britney, Bohlen und Big Brother beschränken

"Generation doof" - wie konnte das passieren?

Polen fängt gleich neben Borkum an, und Bücher lesen ist sowieso viel zu anstrengend: Symptome für eine Gesellschaft, die zu verblöden droht.

An der Supermarktkasse steht ein junges Paar und kauft Zigaretten. Die Frau liest die Aufschrift auf der Schachtel und fragt: "Sag mal, stimmt das, dass man von Zigaretten sterben kann?"

Anderes Beispiel: "Miss Ostdeutschland 2004", Katharina T. (17), soll ihre Heimat auf einer Deutschlandkarte einzeichnen und zählt großzügig Bayern zur Ex-DDR. "Miss Märkisch Oderland", Rebekka (22), sieht Brandenburg in Nordbayern, Polen beginnt bei ihr neben Borkum.

Solche Überraschungen gibt es nicht nur bei Frauen und nicht nur im Osten. Überall stößt man auf Menschen, die Armin den Cherusker für einen Weichkäse halten oder Antiviren für eine Joghurtmarke, stellen Anne Weiss und Stefan Bonner in ihrem Buch "Generation doof" (Lübbe, 335 S., 9,95 Euro) fest: "Die Dummheit geht um in Deutschland." Davon betroffen sei ihre eigene Generation: die 18- bis 35-Jährigen.

Weiss und Bonner haben mit vielen jungen Leuten gesprochen, an Unis, Schulen und im Freizeitbereich recherchiert, Studien gelesen, Personal- und Unternehmenschefs interviewt, natürlich viel ferngesehen und im Internet gestöbert. Sie beschreiben ein ganzes Symptombündel.

* Allgemeinbildung ist auf dem galoppierenden Rückmarsch. Angesichts einer beängstigenden Informationsflut "resignieren viele Leute", so Anne Weiss. "Sie sagen sich: Shakespeare-Dramen muss ich nicht mehr kennen, Hauptsache, ich kann mich im Alltag ganz gut durchschlagen." Oder bei Wikipedia nachschlagen. Wer weiß schon auf Anhieb, wo Burkina Faso liegt oder wie die Löcher in den Käse kommen.

Bedrückend aber ist, dass viele junge Menschen eine ebenso löchrige Vorstellung von Geografie, Technik oder der politischen Verfassung haben. Oder vom Geldverkehr: "Fragen Sie mal in der Oberstufe eines Gymnasiums, was Zins, Zinseszins, Rendite oder Inflation sind", sagt Bonner, "das weiß keiner." Von Rechtschreibung ganz zu schweigen. Eine junge Frau fragte die Buchautoren: "Wie schreibt'n ihr doof? Doof wie blöd oder wie die Seife?"

* Die Generation doof hat keine Ahnung von Standards und Konventionen. Viele scheitern beim Berufseinstieg schon im Bewerbungsverfahren: Sie kommen zum Vorstellungstermin zu spät oder in Jeans mit gut sichtbarem Steiß-Tattoo. Bewerbungsschreiben strotzen vor Schreibfehlern oder Kaffeeflecken. "Viele leben in einer Traumwelt, die mit dem Joballtag nicht vereinbar ist", wird eine Personalleiterin zitiert. "Was wir von Ausbildern hörten, ist teilweise schon frappierend", sagt Anne Weiss. "Viele Praktikanten oder Berufsanfänger haben sich auf eine konzentrierte Mitarbeit im Team offenbar gar nicht eingestellt."

* Die "chronische Unlust am Ernst des Lebens" bezieht sich auch aufs Bücherlesen und die Nutzung von Nachrichten: "Von zehn Medienkonsumenten der Generation doof interessieren sich allenfalls noch drei für Politik und ähnliche Themen." Vielen genügt der kurze Blick auf die Homepages von T-Com, Yahoo oder GMX, um letzte News über Britney Spears' Enthaarungserfolge zu checken.

* Oberflächlichkeit gelte sogar in Sachen Liebe: Sex und Partnerschaft würden heute wie Konsumgüter gesehen, die bei Bedarf schnell gewechselt werden könnten, meinen Weiss und Bonner. In Online-Kontaktbörsen und Chat-rooms kann sich jede/r so toll darstellen, wie er/sie sich fühlen möchte - ist ja alles anonym. Neu ist, dass selbst über härteste Sex-Praktiken hemmungslos geredet und sogar eigene Filmchen per Handy verbreitet werden. Tabuzonen gibt es nicht mehr.

Die Generation doof ist die erste, die komplett mit Fernsehen, den Formaten des Reality-TV, mit Computerspielen und Internet aufgewachsen ist. "Was Fernsehen und Computerspiele fördern, ist eine große Passivität", sagt Stefan Bonner. "Man schaut sich da etwas an, lässt sich berieseln, das macht Spaß, man muss sich dafür nicht anstrengen. Wenn ich beim Spielen einen Level nicht schaffe, kann ich es auf einem niedrigeren Schwierigkeitsgrad noch einmal versuchen. Das Gefühl, sich für etwas Mühe zu geben, das kennt unsere Generation größtenteils gar nicht mehr."

Stattdessen verbreitet sich offenbar der Eindruck, dass die Welt so sein müsse, wie die "jungen" Medienformate sie zeigen: spaßfixiert, drastisch und mit provokativem Proll-Chic. "Es ist in Ordnung, dass die Quote zählt", sagte Ex-Moderatorin Sarah Kuttner, nachdem sie bei MTV mangels Quote geflogen war. "Bei MTV wird eben gesendet, was Jugendliche sehen wollen ... Die Jugendlichen wollen den Rapper und Pornoproduzenten Snoop Dogg nackt im Pool mit der Moderationstussi Tina Tequila sehen. MTV macht also eigentlich alles richtig."

Acht Jahre ist es her, dass sich Zlatko und Jürgen in der ersten "Big Brother"-WG beim Englischlernen versuchten ("Das is 'n R, Mann!", "Aber man spricht es nich!"). Seither ist die Schamschwelle, sich auch talentfrei ins Rampenlicht zu stellen, dramatisch gesunken. Daniel Küblböck ("Deutschland sucht den Superstar") und Denise oder Gina-Lisa von "Germany's Next Top Model" sind nur Beispiele.

Dabei verwischen zunehmend die Standards. Gülcan Kamps heiratete im und für das Fernsehen - es gibt keine Grenzen mehr zwischen Privatheit und öffentlichem Leben. Bei Dieter Bohlen in "DSDS" gibt es keine Grenzen mehr zwischen berechtigter Kritik an schlechtem Gesang und persönlicher Häme. "Wir haben heute auf fast allen Sendern eine Gehässigkeitskultur, die darauf basiert, andere herunterzumachen und schnelle Lacher zu kriegen", sagt Weiss. Krasse Sprüche reichen schon als Konzept wie bei "Lady Bitch Ray": Die Rapperin und angehende Doktorandin der Uni Bremen will "als Bitch" (Schlampe) und "als Türkin" ein Gegenentwurf zu Macho-Rappern wie Bushido oder Sido sein. Aber sie bedient deren Chauvinismus perfekt - das hält sie für Emanzipation.

Keine Frage: In "Generation doof" finden viele Leser sich oder ihre Beobachtungen wieder. Und fragen sich: Wie konnte das alles passieren? Eine Ursache machen Weiss und Bonner in dem jahrzehntelang chronisch unterfinanzierten Bildungssystem Deutschlands aus, dessen Folgen sich längst zeigen: "Seit PISA steht die Bildung der Deutschen wie ein Grottenolm im Hellen." Eine andere Ursache liege im verbreiteten Erziehungsstil: Kinder werden von Eltern und Lehrern für jeden gelungenen Purzelbaum bestätigt, aber selten fürs wirkliche Leben orientiert.

Das Buch will provozieren und polarisieren. Was als Generationenschelte daherkommt, ist aber eher eine sarkastische Kultur- und Technologiefolgen-Polemik: Was haben die neuen Medien angerichtet? Und da stehen Bonner/Weiss nicht allein: In den USA werden ähnliche Warnrufe laut.

Autor Mark Bauerlein etwa beschreibt in "The Dumbest Generation", wie "das digitale Zeitalter junge Amerikaner betäubt und unsere Zukunft gefährdet". Das Bewusstsein für Zusammenhänge und Geschichte, für dauerhafte Ideale oder Kontroversen gehe verloren. Junge Amerikaner wüssten so gut wie nichts mehr über Geschichte und Politik. Den Grund sieht Bauerlein vor allem in einer ausgeprägten "Missachtung für Bücher und Lesen": Die Leute suchten lieber im Internet - "schnell, umsonst und mit einem Minimum an Mühe".

Zahlreiche Studien über 15- bis 26-Jährige zeigen auch in den USA: Zu vielen jungen Erwachsenen fehlen grundlegende akademische Kenntnisse und Arbeitsmethoden. Unternehmen klagen über Leseschwächen und Unfähigkeit zur Arbeitsorganisation bei Berufsanfängern. Darüber hinaus, so die "National Conference of State Legislatures", "verstehen junge Leute das Ideal des Staatsbürgers (citizenship) nicht ... Ihre Kenntnis und Unterstützung der Demokratie ist begrenzt."

Susan Jacoby stößt in ihrem Buch "The Age of American Unreason" (Das Zeitalter der amerikanischen Unvernunft) in ein ähnliches Horn: In Amerika verbreiteten sich "Antiintellektualismus und Antirationalismus". Immer mehr Amerikaner zeigten eine "Ignoranz gegenüber wissenschaftlichem, kulturellem und staatsbürgerlichem Wissen - und sie halten es für okay".

In den 50er- und 60er-Jahren seien amerikanische Familien noch in Museen geströmt, in Buchklubs eingetreten und hätten Enzyklopädien für ihre Kinder angeschafft, weil sie Bildung für den Zugang zu einem besseren Leben hielten. Diese Einstellung sei seit den 70ern verschwunden, nach Jacobys These bedingt durch die neuen Medien.

Was sie beschreibt, klingt nach "Generation doof": Heute wissen zwei Drittel aller Highschool-Absolventen nicht, wo der Irak und Afghanistan liegen. In der TV-Show "Are You Smarter Than a 5th Grader?" (Sind Sie klüger als ein Fünftklässler?) wird gefragt: "Budapest ist die Hauptstadt welches europäischen Landes?" Kandidatin Kellie, platinblonde Schönheit der amerikanischen "DSDS"-Variante "American Idol", antwortet: "Ich dachte, Europa wäre ein Land!"