Die Einheit und die Abseitsfalle

Fußball, Frauen, Mauerschützen - Thomas Brussigs "Leben bis Männer" läuft momentan im Winterhuder Fährhaus. Ein Interview mit dem Berliner Autor.

ABENDBLATT: Sie haben vor kurzem die Wiederaufnahme-Premiere Ihres Theaterstücks "Leben bis Männer" im Winterhuder Fährhaus gesehen. Hat es Ihnen gefallen? THOMAS BRUSSIG: Ja, sehr. Zum Glück. Als ich die letzte Inszenierung dieses Textes in Berlin gesehen habe, musste ich immer denken: Was macht der Mann da? Das ist mit diesem Abend sozusagen wieder gutgemacht worden. Dietmar Mues hat das Lustangebot, das der Text macht, freudig angenommen. Der hat den Typen begriffen, dessen Lebenstragik. Dieser Fußballtrainer ist einer, der nicht sympathisch ist, den man aber mögen muss. Also, ich mag ihn, aber ich würde nicht neben ihm sitzen wollen. ABENDBLATT: Sie haben einmal bedauert, dass noch nie ein Text von Ihnen "den Intentionen des Autors gemäß" umgesetzt wurde . . . BRUSSIG: Na, ist doch klar, dass es keinem zuzumuten ist, zum Vollstrecker meiner Visionen zu werden. Bei einem Roman, der ja nicht fürs Theater oder zur Verfilmung gedacht ist, wie zum Beispiel "Helden wie wir", ist das vielleicht ein bisschen anders. Aber da kann man dann immer noch sagen: Zum Glück gibts ja den Roman, so wars mal gemeint, das kann jeder nachlesen. Bei Theaterstücken geht das nicht. Wenn das auf der Bühne verhunzt wird, macht sich kaum einer die Mühe, den Originaltext noch mal zu lesen. ABENDBLATT: "Leben bis Männer" beschäftigt sich, wie zuvor auch "Sonnenallee" und "Helden wie wir", mit dem deutschen Ost-West-Konflikt. Wie lange kann das noch Thema sein? BRUSSIG: Ich glaube nicht, dass die Leute das überhaupt noch interessiert. Deshalb habe ich für "Leben bis Männer" auch das Thema Fußball gewählt. Das interessiert die Leute. Ich habe bewusst einen Blickwinkel gewählt, der die Chance hat, populär zu sein. Ost-West ist ein Thema, von dem man nüscht mehr wissen will. Dass die Einheit nicht so recht geglückt ist, ist uns aufs Gemüt geschlagen. ABENDBLATT: Wie erklären Sie sich dann den Erfolg von einem Film wie "Good Bye, Lenin!"? BRUSSIG: Das stimmt. Ich glaube, dass "Good Bye, Lenin!" da eine Leerstelle trifft. Einen Abschied von der DDR, so wie man von einem Menschen Abschied nimmt, eine Trauer - das hat es im Herbst 90 einfach nicht gegeben. Das war eine so rastlose, vorwärts hastende Zeit, da war gar kein Platz mehr für so etwas wie Sentimentalitäten. Es ist demnach wohl nicht das Thema Ost-West, das die Leute oft abstößt und anödet, sondern die Art und Weise, wie es behandelt wird. Da liegt die Herausforderung. ABENDBLATT: Es bleibt also auch in Zukunft Ihr Thema? Haben Sie keine Angst davor, "Thomas Brussig, der Vorzeige-Ossi" zu werden? BRUSSIG: Ja, es ist immer wieder der Osten, der mich umtreibt. Aber Vorzeige-Ossi? Da kann ich mich ja auch verweigern. Bei Günther Grass ist es immer wieder Danzig - ist er deshalb der Vorzeige-Danziger? Was er macht, ist trotzdem immer wieder unerwartet. Wenn mir das mit der DDR auch gelingt, macht es mir keine Angst, dass ich dauernd darauf zurückkomme. Ich schreibe gerade an einem neuen Roman, und mit Leander Haußmann, der Regie bei "Sonnenallee" führte, habe ich einen Film über die NVA konzipiert. Das wird der erste Kostümfilm mit hässlichen Kostümen. ABENDBLATT: Sehen Sie sich aus heutiger Sicht als Wende-Gewinner? BRUSSIG: Ja, natürlich. Als Schriftsteller in der DDR wäre ich wohl nicht derjenige geworden, der ich heute bin. ABENDBLATT: Sie wären aber auf jeden Fall Schriftsteller geworden? BRUSSIG: Ja. Aber ich weiß nicht, wie ich mich da entwickelt hätte. Vielleicht wäre ich so einer wie diese Prenzlberg-Poeten. Ein Literat ohne Publikum. Nee, für mich war das alles genau im richtigen Moment zu Ende. Interview: MAIKE SCHILLER Die Wiederaufnahme von "Leben bis Männer" läuft bis zum 15. Juni im "Kontraste"-Programm der Komödie Winterhuder Fährhaus. Karten unter Tel. 48 06 80 80.

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