24.07.14

Währungen Der Euro gerät wieder in eine Abwärtsspirale

Von Frank Stocker

Die Gemeinschaftswährung stürzt auf ein Jahrestief zum Dollar, und der Finanzmarkt spekuliert auf weitere Verluste. Verbraucher sollten sich auf deutlich steigende Preise einstellen.

Das eigentlich Erstaunliche ist, dass es so lange gedauert hat. Denn seit Monaten erwarten die meisten Experten einen deutlich schwächeren Euro. Doch er hielt sich zäh in einem Band zwischen 1,35 und 1,37 Euro.

Am Mittwochmorgen sank der Wert der Gemeinschaftswährung nun aber auf ein neues Jahrestief. Mit 1,345 Dollar je Euro lag der Kurs so tief wie seit November 2013 nicht mehr. Und das dürfte erst der Anfang gewesen sein. Denn nun könnte eine langsame, aber kontinuierliche Abwärtsspirale in Gang kommen.

Schließlich sprechen die wirtschaftlichen Daten schon lange für einen deutlich schwächeren Euro, und auch diverse europäische Politiker drängen schon seit Längerem darauf, um so die wirtschaftliche Erholung vor allem in den südeuropäischen Ländern zu unterstützen. Die Folgen dürften jedoch vor allem die Verbraucher durch höhere Preise zu spüren bekommen.

Der Fall unter die Marke von 1,35 Dollar ist für Kit Juckes, Devisenexperte bei der Société Générale jedenfalls psychologisch wichtig. "Dies sollte eine weitere Bewegung in Richtung 1,32 Dollar einläuten", glaubt er. "Der Trend wendet sich langsam gegen den Euro." Denn an den Derivatebörsen wetten inzwischen so viele auf einen niedrigeren Euro wie selten zuvor.

Prognosen gehen von Sturz bis 1,20 Dollar je Euro aus

Viele Experten gehen bei ihren Prognosen daher sogar noch weiter. Die Bank of America sieht für das Frühjahr kommenden Jahres einen Euro-Kurs von 1,26 Dollar vorher, die Investmentbank Morgan Stanley unterbietet dies mit 1,24 Dollar und die Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) rechnet sogar mit nur noch 1,20 Dollar.

Das wäre dann ein Abschlag von über zehn Prozent gegenüber dem jetzigen Stand und würde eine Rückkehr zum Tief während der Euro-Krise im Sommer 2012 bedeuten.

Von diesem Tief hatte sich die Gemeinschaftswährung in den vergangenen zwei Jahren vor allem deshalb erholt, weil ausländische Investoren wieder in der Euro-Zone investierten und dadurch Kapital hierher floss. Dies lässt sich beispielsweise an den drastisch gesunkenen Renditen von Anleihen aus Spanien, Italien, Portugal, Irland oder Griechenland ablesen.

Das trieb auch die Renditen für deutsche Staatsanleihen auf immer neue Tiefststände. Zuletzt lagen sie bei Papieren mit zehnjähriger Laufzeit nur noch knapp über dem Allzeittief von 1,12 Prozent.

Dies bewirkte, dass die Zinsen für Baudarlehen oder für Tagesgeld ebenfalls in immer tiefere Regionen sanken. Parallel dazu waren die Kurse an den Aktienmärkten weiter gestiegen, denn auch diese verzeichneten hohe Zuflüsse.

Kapital aus dem Ausland hielt den Euro bislang stabil

Diese Zuflüsse hielten gerade auch in den letzten Monaten den Euro-Kurs relativ stabil. Japan beispielsweise hatte in den ersten Monaten des Jahres noch Anleihen aus dem Euro-Raum verkauft. Zuletzt gehörte das Land jedoch zu den größten Käufern.

Auch andere Notenbanken erhöhten den Anteil von Euro-Investments in ihren Währungsreserven wieder, nachdem diese zwischenzeitlich aufgrund der Euro-Krise zurückgegangen waren.

Die meisten Experten rechnen jedoch nicht damit, dass dieser Trend anhält. Dafür hat sich inzwischen zu viel angestaut, was gegen einen starken Euro spricht. Ein wesentlicher Punkt ist die Zinsdifferenz. So liegt die Rendite für zehnjährige US-Anleihen derzeit bei rund 2,45 Prozent und damit rund 1,3 Prozentpunkte höher als in Deutschland.

Eine solch extreme Differenz gab es zuletzt 1999, und damals war das Zinsniveau noch weit höher. Für deutsche Anleihen gab es zu jener Zeit rund vier Prozent Zinsen, in den USA folglich etwa ein Drittel mehr. Heute lässt sich dagegen in den USA eine mehr als doppelt so hohe Rendite erzielen.

Der Hintergrund für diese Zinsdifferenz ist die unterschiedliche Politik der Zentralbanken. Während die amerikanische Notenbank (Fed) seit Monaten ihre Käufe von Staatsanleihen nach und nach reduziert und inzwischen sogar schon Zinserhöhungen diskutiert werden, haben die Frankfurter Kollegen zuletzt das Ruder in die andere Richtung herumgerissen.

Ausländische Investoren suchen andere Anlageziele

Die Frankfurter senkten die Zinsen, führten sogar einen negativen Zinssatz auf Einlagen bei der EZB ein und erwägen auch noch weitergehende Maßnahmen, beispielsweise den Kauf von Staatsanleihen, falls die Wirtschaft nicht endlich in Gang kommt und vor allem die Gefahr einer Deflation nicht gebannt ist.

Vor diesem Hintergrund ergibt es für die meisten Investoren schlicht keinen Sinn mehr, weiteres Geld in deutsche Anleihen zu investieren. Für Papiere aus Spanien oder Italien lassen sich zwar noch ähnliche Renditen erzielen wie für amerikanische. Dafür jedoch mit deutlich höherem Risiko. Folglich ist es nur logisch, dass der Zustrom von Kapital in europäische Staatsanleihen allmählich abebbt.

Ähnliches gilt für den europäischen Aktienmarkt. Sowohl beim Dax als auch beim EuroStoxx liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis inzwischen am oberen Rand des Durchschnitts der vergangenen fünf Jahre. Aktien sind also schon recht teuer. "Angesichts ausgereizter Bewertungen dominieren inzwischen klar die Kursrisiken", sagt Markus Reinwand, Aktienstratege bei der Helaba.

So zeigte denn auch eine Umfrage von Bank of America / Merrill Lynch unter Fondsmanagern weltweit, dass bei diesen Europa erstmals in diesem Jahr nicht mehr zu den zwei beliebtesten Anlageregionen gehört. Ihre Bereitschaft, dort in den kommenden Monaten weiteres Geld zu investieren, ist auf den tiefsten Stand seit über einem Jahr zurückgegangen.

Schließlich verschlechterten sich zuletzt auch noch die wirtschaftlichen Aussichten in Europa. So senkte der Internationale Währungsfonds seine Prognose für das wirtschaftliche Wachstum in der Eurozone in diesem Jahr erst vor zehn Tagen von 1,2 auf 1,1 Prozent. Auch die deutschen Exporte gingen zuletzt überraschend wieder zurück.

Energie und Urlaubsreisen könnten teurer werden

Es spricht also alles für weitere Kursverluste des Euro, und zwar nicht nur gegenüber dem Dollar, sondern auch gegenüber anderen Währungen. Das käme der deutschen Wirtschaft zugute, denn deren Export-Produkte würden sich damit verbilligen.

Teuer könnte es indes für die Verbraucher werden. Denn ein Wertverlust des Euro würde Importe verteuern, und das beträfe vor allem Energieträger, die in Dollar abgerechnet werden, also Öl, Gas und Benzin.

Für Autofahrer könnte das Tanken damit also schon bald wieder teurer werden, und im kommenden Winter dürfte so mancher wieder über steigende Heizkosten klagen.

Dies gilt umso mehr, wenn der Ölpreis zusätzlich auch noch in Dollar steigt, beispielsweise durch zunehmende Spannungen im Nahen Osten. Und auch Urlauber, die dieser Tage in ein Land außerhalb der Eurozone aufbrechen, müssen mit steigenden Kosten rechnen. Wohl dem, der das Hotel vorab bezahlt hat.