03.02.13

Ökoenergien

In Hamburg sitzt das grüne Know-how

Schon 15.000 Menschen arbeiten im Bereich regenerative Energien. Aber die Branche leidet unter fehlenden Stromnetzen und Dumpingpreisen.

Foto: dpa
Textilbranche will Ökoenergie-Umlage kippen
Schon 15.000 Menschen arbeiten im Bereich regenerative Energien

Jan Rispens hatte die richtige Idee, als er vor gut zwei Jahren nach Hamburg als Geschäftsführer des 2011 gegründeten Vereins Erneuerbare Energie Cluster kam. Hinter dem sperrigen Namen verbirgt sich eine Erfolgsgeschichte. Gut 170 Unternehmen aus dem Bereich regenerative Energie, vorwiegend Wind, Sonne und Biomasse, sind inzwischen Mitglied des Netzwerks – von Schwergewichten wie Siemens oder Repower bis hin zu Solar- und Biogasunternehmen, Beratungsgesellschaften, Investoren, Ingenieur- und Anwaltbüros, die sich um die Branche kümmern.

Metropole der Windbranche

Der Verein hat mit dazu beigetragen, dass die Hansestadt mit ihrer Nähe zu Nord- und Ostsee als die deutsche Metropole für die Windbranche gilt. Zwar werden in Hamburg keine Anlagen produziert, dafür sitzen aber die Zentralen der großen Unternehmen hier.

Neben Vattenfall und Hamburg Energie haben auch Stromkonzerne wie RWE, EnBW oder auch die dänische Dong Energy ihre Windaktivitäten in der Stadt angesiedelt. Der Anlagenbauer Repower hat seinen Sitz in Hamburg, Mitbewerber Vestas seine Europazentrale. Konkurrent Nordex ist extra von Norderstedt umgezogen, um in der deutschen Windmetropole ansässig zu werden.

Und mit dem dänischen Unternehmen A2Sea hat sogar der weltweit größte Dienstleister für die Offshore-Technik eine Niederlassung in der Stadt. Seit 2002 haben die Installationsfahrzeuge des Unternehmens mehr als 500 Windenergieanlagen und 300 Fundamente auf hoher See installiert.

Siemens will weitere 1000 Jobs schaffen

Rund 25.000 Menschen arbeiten laut einer Prognos-Studie derzeit in Hamburg und Umgebung in den Wirtschaftszweigen der erneuerbaren Energie, gut 15.000 davon in der Hansestadt. Und es werden immer mehr. So will allein Siemens bis 2017 mehr als Tausend weitere Arbeitsplätze in der Stadt schaffen.

Das Münchener Unternehmen prüft derzeit unter anderem den Bau einer neuen Europazentrale für seine Windsparte samt Technologiezentrum und Demonstrationsanlagen für die Windenergie in der Stadt. Der amerikanische Mitbewerber General Electric betreibt bereits ein Forschungszentrum für Windkraft in der HafenCity.

Südkoreaner zeigen Interesse

Auch Samsung Heavy Industries hat für seine Windaktivitäten ein Standbein in der City-Süd geschaffen, wie es in Branchenkreisen heißt. Die Südkoreaner meiden die Öffentlichkeit. Eigentlich wollte Wirtschaftssenator Frank Horch (parteilos) ihnen behilflich sein. Doch nach ersten Vorgesprächen machte sich der Konzern auf eigene Faust nach Hamburg auf. Rund zehn Spezialisten sind bereits als Vorhut da, heißt es. Und es sollen mehr werden.

Rispens ist sich sicher, dass das Ende des Wachstums in Hamburg noch nicht erreicht ist. "Bis zum Jahresende peilen wir unser 195. Mitglied an", sagt er. Als jüngste Mitglieder stießen unter anderem Arge Netz, ein Bündnis zahlreicher Windparkbetreiber, das dänische Untenehmen Global Windpower, der Zertifizierer Buerau Veritas oder auch Karberg & Hennman, ein Hamburger Spezialist für Ölfilter für Windkraftanlagen, zu dem Netzwerk.

Doch auch Rispens ist bewusst, dass derzeit in der Branche nicht alles rund läuft. Immer wieder verzögert sich der Aufbau von Offshore-Windparks, obwohl die nötigen Genehmigungen des zuständigen Bundesamts für Seeschifffahrt und Hydrographie in Hamburg teils schon jahrelang vorliegen.

Engpässe bei der Finanzierung wegen der Eurokrise und technologische Probleme beim Aufbau der neuen Netze führen am Ende dazu, dass ein Offshore-Park zwar komplett aufgebaut ist, aber kein Strom liefern kann. Das Seekabel zum Land hin wurde in diesen Fällen vom zuständigen Netzbetreiber noch nicht verlegt.

Neues Ungemach droht dank Altmaier

Jetzt droht der Branche nach dem Vorschlag von Umweltminister Peter Altmaier (CDU) neues Ungemach. Um den rasanten Anstieg des Strompreises zu bremsen, will Altmaier unter anderem die Subventionen, die Betreiber von Windkraft- und Solaranlagen bekommen, einfrieren.

"Der Vorstoß Altmaiers ist wenig hilfreich", sagt Rispens. "Das kann Investoren verprellen." Das sieht auch Michael Westhagemann, Chef des Industrieverbandes Hamburg (IVH), so. "Das Vorhaben gefährdet aus Sicht des IVH den weiteren Ausbau der regenerativen Energien."

Doch nicht nur in der Windbranche gibt es derzeit Gegenwind. Im Jahr 1998 wurde in Hamburg der Solaranlagenbauer Conergy gegründet. Damals war in Punkto grüne Energien Aufbruchstimmung. Dank staatlicher Subventionen gab es seitens der Unternehmen und der Privatanleger einen Run auf Solarzellen.

Conergy bestückte Tausende Dächer mit Paneelen und wurde zum heiß gehandelten Aktientipp. Doch heute liegt die gesamte deutsche Branche danieder. Chinesische Anbieter überschwemmen den Markt mit Solarzellen zu Dumpingpreisen. Allein 2011 sind die Preise um rund 40 Prozent eingebrochen.

Firmen wie Conergy leiden unter Überkapazitäten, die auf die Margen drücken. Es soll weltweit etwa doppelt so viele Fabriken geben wie notwendig, die meisten davon in China. Eine weitere Belastung für die Branche ist, dass viele Staaten ihre Förderprogramme für den Ausbau der Solarenergie kürzen. Auch in Deutschland wurden die Hilfen gedeckelt. Die Folgen waren Insolvenzen. Unternehmen wie Solon, Q-Cells und Solar Millennium mussten bereits aufgeben.

Conergy droht Übernahme

Andere Unternehmen wie der Konstanzer Hersteller Sunways wurden von chinesischen Herstellern übernommen. Das gleiche Schicksal könnte Conergy ereilen. Der Hersteller stand bereits vor der Pleite, nachdem die Banken die Kreditlinien gekündigt hatten. Die Hamburger können von Glück reden, dass einige Hedgefonds bei Conergy eingestiegen sind. Die päppeln den Solaranlagenbauer jetzt hoch und, so die Befürchtung, verkaufen ihn danach an einen chinesischen Konkurrenten.

Conergy-Chef Philip Comberg hat vor Monaten angekündigt, dass er seine Beziehungen zu asiatischen Lieferanten vertiefen will. Es geht um Partnerschaften, von denen beide Beteiligte profitieren sollen. "Wir werden uns nicht verschließen, wenn unsere Partner Interesse an mehr haben als eine Lieferbeziehung." Derzeit notiert die Conergy-Aktie bei nicht einmal 40 Cent.

Auch wenn die Erzeuger regenerativer Energie derzeit neben Erfolgen auch Probleme haben, wird Hamburg laut Rispens als Stadt der Unternehmenszentralen und der Forschung und Entwicklung von seinem Engagement für die Branche weiter profitieren. Denn hier sitzt das Know-How. Bei Spezialisten gilt die Stadt als attraktiver Wohnort. Zudem werden die bisherigen Unternehmen vermutlich weitere Zulieferer oder Dienstleister nach sich ziehen.

Noch mehr profilieren könnte sich die Stadt laut Rispens, wenn sich Hamburg als Zentrum der Forschung noch weiter profiliert. Aber: "Dafür brauchen wir neue Studiengänge in den Hochschulen und berufsbegleitende Angebot."

Solarförderung: Pro und Kontra
Um die Solarförderung ist fast wie früher um die Atomkraft eine Art Glaubenskrieg entbrannt. Eine Übersicht über die wichtigsten Pro- und Kontra-Argumente:
PRO:
Im Sommer, aber auch jetzt im Winter senkt Solarstrom gerade bei hohen Verbrauchsspitzen in den Mittagsstunden den Börsenstrompreis.
Die Photovoltaik hat laut Bundesnetzagentur mitgeholfen, die Stilllegung von acht Atomkraftwerken aufzufangen.
Die kurzfristige Mehrbelastung durch die Förderung macht sich langfristig durch stabilere Strompreise bezahlt, denn es werden schon jetzt Importkosten für immer teurer werdende Brennstoffe wie Öl, Gas und Kohle in Milliardenhöhe vermieden.
Es gibt bereits 150.000 Jobs in dem Bereich, laut Solarwirtschaft wurden 2010 Steuermehreinnahmen von 1,45 Milliarden erzielt.
Es werden bereits rund 12,5 Millionen Tonnen klimaschädliches CO2 eingespart, betont die Solarwirtschaft.
Die meisten Förderkosten sind Altlasten, durch enorme Kosten- und Fördersenkungen werde die über den Strompreis zu zahlende Solarumlage von knapp zwei Cent bis 2016 nur noch um 1,8 Prozent steigen, der Strommixanteil aber um bis zu 70 Prozent auf 6,8 Prozent zulegen.
Das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme betont, umweltschädliche Subventionen kosteten den Steuerzahler 48 Milliarden Euro pro Jahr, während die kumulierten Solarförderkosten von 2000 bis 2011 nur 22 Milliarden Euro ausmachten.
Die Energieform steht bei den Kosten kurz vor dem weltweiten Durchbruch, mit riesigen Exportchancen für Deutschland.
KONTRA:
Sonnenstrom hatte 2011 erst einen Anteil von rund drei Prozent am Strommix. In Deutschland gibt es je nach Region im Schnitt meist nur 1000 Sonnenstunden im Jahr. Für Konzerne wie RWE ist Solarenergie in Deutschland daher so sinnvoll wie Ananas züchten in Alaska.
Die Vergütungszahlungen belaufen sich auf fast acht Milliarden Euro pro Jahr. Daher ist Solarenergie für die Bürger, die die Förderung über den Strompreis zahlen, die mit Abstand teuerste Ökoenergie-Art.
Das Stromnetz ist bisher noch nicht fit für immer mehr Solarstrom, der Chef der Deutschen Energie-Agentur, Stephan Kohler fordert, dass der Ausbau mit dem Netzausbau Hand in Hand gehen müsse.
Der in einer Mietwohnung lebende Billiglöhner aus Berlin-Marzahn finanziert durch die im Strompreis eingepreiste Solarumlage dem Zahnarzt am Starnberger See die Rendite für seine Solar-Dachanlage.
Die auf 20 Jahre garantierten Förderkosten können sich am Ende auf mehr als 100 Milliarden Euro summieren. Statt Hilfe zur Markteinführung habe sich die Förderung in eine gewaltige Dauersubvention verwandelt.
Der nur wenige Stunden am Tag verfügbare Solarstrom ist mangels Stromspeichern die mit Abstand ineffizienteste Stromgewinnungsform.
70 bis 80 Prozent der Module kommen inzwischen aus China. Angesichts des Preisdrucks müssen unabhängig von der Förderhöhe viele deutsche Unternehmen ums Überleben kämpfen, während die Verbraucher mit Milliardenzahlungen Chinas Solarindustrie aufpäppeln. (dpa)
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