26.11.12

Die Stadtteilserie

Sasel: Wo Bürgersinn greifbare Resultate schafft

Die wohl schönste Form bürgerschaftlichen Engagements steht mitten im Ort und ist längst über den Stadtteil hinaus bekannt: das Sasel-Haus.

Von Peter Ulrich Meyer

Das Ausmaß des gesellschaftlichen Wandels passt manchmal in eine kleine Anekdote. Martin Willich, langjähriger Geschäftsführer von Studio Hamburg und einflussreicher CDU-Politiker, erzählt diese Geschichte: Nachdem er Ende der 70er-Jahre mit seiner Familie nach Sasel gezogen war, wurde er von alteingesessenen Volksdorfern in deren Haus eingeladen. Als der Gastgeber fragte, wo Willich denn wohne, antwortete der mit einem gewissen Stolz: "InSasel." Die Replik mit etwas mitleidigem Unterton: "Ach ja, in Sasel wohnten früher unsere Gärtner."

Für die reichen Bewohner der Walddörfer, wie eben Volksdorf, waren die Saseler lange Zeit die armen Nachbarn. Tatsächlich nimmt der Stadtteil im Herzen des Hamburger Nordostens eine Sonderstellung ein. Während in den feinen Walddörfern schon vor Jahrzehnten Villen auf weitläufigen Grundstücken standen, waren es in Sasel kleine Siedlungshäuser, deren Bewohner nicht selten auf ihrer Parzelle Kleinvieh hielten sowie Gemüse und Kartoffeln zur Selbstversorgung zogen.

Vorfahrt für Frösche

Wer Sasel heute erkundet, erlebt einen grünen Stadtteil, wie geschaffen für natursüchtige Stadtflüchtlinge: Hier sind die Vorzüge des urbanen Lebens mit einer milden Form ländlicher Beschaulichkeit gut zu kombinieren. Der Stadtteil zählt heute zu den bevorzugten Wohngegenden mit den entsprechenden Grundstückspreisen.

Im Westen bildet der Alsterlauf die Grenze. Wer auf dem Alsterwanderweg mit dem Rad im Sommer nach Norden fährt, verlässt die Stadt unter einem grünen Blätterdach und erreicht so die holsteinischen Wiesen. Im Norden schließt die Saselbek den Stadtteil ab, mit einem der kleinsten Naturschutzgebiete Hamburgs, dem Hainesch-Iland, schon auf Bergstedter Gebiet. Im Westen grenzen die Volksdorfer Teichwiesen an Sasel. Ganz in der Nähe, an der Straße Bekwisch, liegt ein Tümpel. Wer zur richtigen (Jahres-)Zeit kommt, den empfängt ein Konzert aus Froschmäulern. Mit Glück zeigt sich im Wäldchen nebenan ein Reh. Zur Zeit der Krötenwanderung wird der Bekwisch für Autos gesperrt. Auch das ist Sasel - fast eine städtische Idylle. Aber nun nicht alle auf einmal hinfahren.

Backstein am Markt

Die einstige Abgeschiedenheit des Bauerndorfes Sasel hat seine Entwicklung begünstigt. Nach Poppenbüttel fährt die S-Bahn, über Volksdorf nach Großhansdorf und Ohlstedt die U-Bahn. Bis weit ins 20. Jahrhundert war Sasel verkehrsmäßig kaum erschlossen. Aber hier war Bauland günstig. Hamburger gründeten in den 20er- und 30er-Jahren Siedlungsgenossenschaften, das preiswert aufgekaufte Land wurde parzelliert. Sasel wurde zur "Siedlungshochburg". Ziel war es, "menschenwürdige Wohnstätten zu schaffen, hierdurch dem Elend und Laster der Großstadt einen Riegel vorschiebend", wie es in einer Zeitschrift über die Perlberg-Siedlungsgenossenschaft für das Areal rund um den Füerbarg heißt. Die Backsteingebäude am Saseler Markt - "Rathaus", Post und Ladengeschäfte - stammen alle noch aus den 20er-Jahren.

Das Sasel-Haus setzt Maßstäbe

Die erste umfassende Besiedlung mit ihrem Pioniercharakter und Zusammengehörigkeitsgefühl prägt den Stadtteil bis heute: Hier wird alljährlich das einzige Heimatfest in Hamburg (vermutlich auch Norddeutschlands) gefeiert; der Männergesangverein Salia und der TSV Sasel sind fest im Stadtteil verankert. Der Anteil von Ein- und Zweifamilienhäusern mit mehr als 70 Prozent ist ein Hamburger Spitzenwert.

Wenn ein altes Siedlungshaus aufgegeben wird - und das ist seit einigen Jahren häufig der Fall -, dann rücken die Abrissbagger an. Auf einem Siedlungsgrundstück entstehen zwei, manchmal vier Doppelhaushälften. Das Gesicht des Stadtteils verändert sich. Die Toskana macht sich wuchtig breit: mit Säulen an Türeingängen und breiten Dachüberständen. "Würfelhäuser" nennt sie Thomas Jeutner, Pastor der Kirchengemeinde St. Vicelin und engagierter Streiter für den Stadtteil. "In Sasel wohnt man", das war und ist das diskrete Motto des Stadtteils. Es bedeutet im Umkehrschluss: Man arbeitet in der Regel woanders, heute in der City, früher vielleicht im Hafen. Pastor Jeutner berichtet von Männern, die seit Jahrzehnten mit ihren Familien in Sasel leben, aber nach ihrer Pensionierung zum ersten Mal die Nachbarstraße wahrnehmen.

Trotzdem: Das Bewusstsein für das eigene Umfeld ist gestiegen. Die Probleme des Stadtteils werden diskutiert und angegangen. Beispiel Straßenverkehr: Eine Stadtteil-Initiative hat die Pläne des Senats, den Ring 3 vierspurig über den Saseler Markt hinaus auszubauen, Mitte des vergangenen Jahrzehnts gestoppt - vorerst zumindest. In die Kategorie "Wahrnehmung eigener Interessen" gehört auch der engagiert geführte, letztlich erfolglose Kampf für den Erhalt der Bücherhalle. Aber eine Demonstration mit 1000 Teilnehmern hat die Identifikation mit dem Stadtteil gestärkt. "Das waren Sternstunden. Davon reden viele heute noch", sagt Jeutner.

Die wohl schönste Form bürgerschaftlichen Engagements steht mitten im Ort und hat längst ein Renommee weit über den Stadtteil hinaus: das Sasel-Haus, Kommunikations- und Veranstaltungszentrum, Kita, Konzerthaus und Volkshochschule in einem. Am Anfang waren Mitte der 80er-Jahre ein paar engagierte Saseler, die die alte Schule vor dem Abriss retten wollten. Damit wäre ein Stück historisches Sasel verloren gewesen: Die Schule war im alten Kuhstall des früheren Gutes Saselhof untergebracht. Der Plan gelang: Heute ist das Sasel-Haus ein professionell geführtes Unternehmen mit einem Jahresetat von mehr als einer Million Euro, 180 000 Besuchern 2011 und unter den Top drei der Hamburger Stadtteil-Kulturzentren. Städtischer Finanzierungsanteil: lediglich neun Prozent.

Supermarkt spendet Flaschenpfand

Die Reihe der Sonntagskonzerte - 370 Abonnenten - ist ein Markenzeichen. Kurz vor seiner Wahl zum Bundespräsidenten war Joachim Gauck zu Gast, um aus seiner Autobiografie zu lesen. Elke Breuer, die Erste Vorsitzende, steckt immer wieder neue Ziele, weil sie weiß, dass sich die Bedürfnisse der Saseler ändern. Das jüngste Projekt ist ein Jungentreff, der in Kooperation mit dem CVJM entstehen soll. Als die Bücherhalle geschlossen wurde, startete das Sasel-Haus den Kinder-Leseclub, dessen Buchbestand aus dem gespendeten Pfandgeld des örtlichen Supermarktes finanziert wird. "Man muss eben Ideen haben und sie dann ausprobieren", sagt Elke Breuer, die bis heute wie selbstverständlich auch Eintrittskarten im Sasel-Haus abreißt. Sie gibt ein Beispiel für Saseler Bürgerengagement und Pragmatismus.

In der nächsten Folge am 28.11.: Ochsenwerder

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