23.01.13

Wandsbeker Chaussee

Leerstand und Lärm: Die Eilbeker Einkaufsmeile verkommt

Immer mehr Ladeninhaber geben auf. Politik sieht Nahversorgung der Anwohner gefährdet. Gehwege müssten dringend saniert werden.

Von Axel Ritscher
Foto: Klaus Bodig
Eikaufsmeile verkommt
Frappierender Leerstand in der Einkaufsmeile Wandsbeker Chaussee

Hamburg. Die Hoffnung lebt. Auch in der Eilbeker Einkaufsmeile. Zwei Jahre lang hatte Geld aus der Europäischen Union (EU) die Aktivitäten dort gestützt: "Unternehmer ohne Grenzen" hatten für EU-Geld Ladeninhaber und Existenzgründer beraten, Konflikte mit Vermietern moderiert und die Werbung für die Meile organisiert. Zum Jahresende läuft das Projekt aus. Aber für die gut zwei Kilometer lange Ladenzeile entlang der U-Bahnhöfe Wartenau, Ritterstraße und Wandsbeker Chaussee sieht es immer noch nicht gut aus. Die Eilbeker Hoffnung lebt eher im Verborgenen.

Im warmen Licht ihres ganz in Kirsche möblierten Juwelierladens an der Wandsbeker Chaussee 169 erklärt Renate Krack den Anhänger, den sie gerade für einen auswärtigen Kunden in Arbeit hat. Die Goldschmiedemeisterin will eine opulente Versteinerung in eine sparsame Fassung aus Sterlingsilber bringen und freut sich an den Reflexen des aufgeschnittenen Pyrit-Ammoniten. Seit 1898 arbeitet die Familie ihres Mannes Peter mit Edelmetallen und Juwelen in Eilbek, 1977 übernahmen sie und ihr Peter, den sie auf der Meisterschule kennenlernte, das Geschäft.

Aber der Glanz des Schönen trifft auf eine immer ärmere Außenwelt. Wettbüros statt Modeläden, szenige Shisha-Lounges statt gediegener Cafés. Der Leerstand liegt zwischen 30 und 40 Prozent, die Gehwege und Pflanzenkübel verwahrlosen, die Kundenfrequenz geht seit Jahren zurück. "Es kommen zwar trotzdem neue Stammkunden nach", sagt Peter Krack, "aber sie haben weniger Geld als die Stammkunden früherer Jahre. Deshalb brauchen wir zunehmend Laufkundschaft." Aber wer will leere Geschäfte sehen?

"Wir schaffen das nicht allein", sagt Uwe Becker von der "Einkaufsmeile Eilbek e.V.", der Interessengemeinschaft der Geschäftsleute. "Wer den ganzen Tag im Laden steht, kann nicht abends noch ein gemeinsames Marketing organisieren, für mehr Parkplätze oder die Sanierung der Gehwege kämpfen". Ein Argument, das in der Bezirkspolitik nur bedingt auf Verständnis stößt. Sie soll 50.000 Euro für die Weiterführung der Unternehmensberatung bewilligen und will im Februar entscheiden. Aber auch die Politik sieht die Nahversorgung der etwa 20.000 Eilbeker in Gefahr.

Die Gemüsehändler sind weg. Der Schlachter hat gerade zugemacht. Zu geringe Umsätze. Loko-Moden gibt altersbedingt auf. Petrea-Moden und das Restaurant Nordmeer schließen aus gleichem Grund. Nachfolger finden sich nicht. Zwischen den großen Magneten Wandsbek Quarree und Einkaufzentrum Hamburger Straße scheint kein Platz mehr für kleine, inhabergeführte Läden zu sein. Dabei gibt es echte Perlen in Eilbek. Das Restaurant Café Rossio, das Teehaus Shila, den Terrarien-Lagerverkauf, die Goldschmiede Krack oder das Secondhand-Kaufhaus Schnäppchen-Hamburg. Und nicht alle sind Relikte aus besseren Tagen. Die Hoffnung keimt.

Erst vor drei Monaten zog es das Gebrauchtwarenhaus in die leerstehende ehemalige Schlecker-Filiale an der Wandsbeker Chaussee 189. Offeriert werden die Kostbarkeiten aus 50 und mehr Jahren altdeutschen Designs. Sitzmöbel, Buffets, Kleinigkeiten wie alte Garnrollen, Geschirr, Büsten oder nachgebaute Vorderlader. In der Schanze und auf St. Pauli ist so etwas Kult. In Eilbek auch, nur haben es viele im langsam jünger werdenden Stadtteil noch nicht bemerkt.

Der Herr der Schnäppchen will seinen Namen nicht nennen, aber er ist hochzufrieden. "Wir haben zwei Jahre lang gesucht. Jetzt haben wir den idealen Standort: die große Straße vor der Tür, rechts die U-Bahn, links Busse, gegenüber Penny und rings herum alles voller Wohnungen. Besser geht es nicht." Vieles bietet er auch im Netz an, den Kleinkram nur im Laden.

Unternehmen ohne Grenzen will weitermachen, aber in den nächsten beiden Jahren weniger im Bestand beraten, sondern "überwiegend Mieter akquirieren und Existenzgründer unterstützen", sagt Sogol Mirmotahari. Sie kämpft vor Ort um die Kommunikation mit den Immobilienbesitzern, um in Gesprächen auf den Branchenmix Einfluss zu gewinnen. Aber das Interesse der Vermieter ist mäßig, oft ist schon die Jagd nach den Adressen der Eigentümer ein unüberwindliches Problem. "Viele Ladenbesitzer verraten uns nicht, an wen sie die Miete überweisen", sagt Becker von der Einkaufsmeile. Der Datenschutz tut ein übriges. Aber dafür arbeiten die Verkehrsplaner der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt an einem großen Wurf.

Sie würden mit dem Segen der rot-grünen Koalition in Wandsbek gern die Wandsbeker Chaussee von jetzt sechs auf vier Spuren verengen. Das soll die Anwohner über den Geschäften vor Lärm schützen und Raum für die Gestaltung der Gehwege schaffen. Am Wandsbeker Markt hätte sich das schon bewährt, sagt Lars Kocherscheid-Dahm von der SPD und zaubert damit ein frohes Lächeln in die Gesichter der Eilbeker Krack und Becker. Aber die Verengung ist Teil eines großen Gesamtkonzepts namens "Lärmaktionsplan". Und der ist noch im Entwurfsstadium.

Vor 2020, so vorsichtige Schätzungen, passiert da gar nichts. Krack: "Vielleicht fängt die Stadt ja einfach ein paar Nummern kleiner an und repariert erst einmal die vorhandenen Gehwege?"

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Probleme an der Wandsbeker Chaussee

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