Kolumne In einer Lebenskrise kann man viel über sich selbst lernen

Foto: Andreas Laible,Andreas Laible / HA / A.Laible

Depressionen sind entsetzlich, viele quälen sich damit ihr ganzes Leben lang. Aber manche haben dadurch zumindest gelernt, bewusster auf sich und andere zu achten – ein kleiner Trost

Eine sehr enge Freundin von mir leidet unter Depressionen. Alle paar Monate überfallen sie aus dem Nichts diese dunklen Wolken, die ihr alle Lebensfreude rauben. Ihre Tage werden gleichförmig, die Kinder müssen nebenher laufen. Ihr Mann muss viel mehr Aufgaben übernehmen, auch er ist dann verzweifelt wegen ihrer düsteren Gedanken. Ich kann wenig tun, nur für sie da sein, sie halten. Und sie zutiefst bedauern, denn sie leidet darunter seit ihrer Jugendzeit und sie hat bisher keine Therapie dagegen gefunden.

Ich habe allerdings auch eine Bekannte getroffen, die diese dunklen Gefühle nur einige Monate hatte. Ausgelöst durch eine Lebenskrise. Die, statt wie üblich selbstbewusst aufzutreten, plötzlich schweigsam in der Runde saß, in sich gekehrt und zutiefst traurig. Sie machte eine Therapie. Irgendwann war sie dann wieder die Alte – oder fast die Alte. Denn obwohl sie diese Phase entsetzlich fand, sagt sie, dass sie seither bewusster auf sich achte und auch anderen mit Verständnis in Seelenkrisen begegne. Das empfand ich als tröstlich, dass man durch die Krise auch viel über sich selbst lernt und auf andere sensibler reagiert.