Unheilbar krank

Sabine Volgmanns Leben mit der "kleinen grauen Wolke"

Foto: Kristina Kolbe / Balticum Verlag

Mutmacher: Die 27-Jährige Hamburgerin Sabine Volgmann hat Multiple Sklerose. In einem eigenen Dokumentarfilm beschreibt sie ihren Weg, wie sie sich dieser Krankheit stellt. Am 29. Mai ist Welt-MS-Tag.

Noch bevor ihr der Arzt im Sprechzimmer die Diagnose mitteilt, ahnt Sabine Volgmann, was sie hat. Sie hatte die Unsicherheit nicht mehr ausgehalten und dann doch im Internet nach ihren Symptomen gegoogelt.

Es ist ein sonniger Tag im August 2011, als Sabine im Alter von 25 Jahren von einem Moment auf den anderen Moment damit leben muss, dass sie unheilbar krank ist. Sabine Volgmann hat Multiple Sklerose, kurz MS. Der Arzt spricht von einer "kleinen grauen Wolke", die an ihrem blauen Himmel aufgezogen ist. Für Sabine fühlt es sich eher an, wie ein mächtiges Gewitter, das sich über ihr breit macht. Werde ich mal im Rollstuhl sitzen? Werde ich eine Familie haben können? Werde ich einen Beruf ausüben können?

Multiple Sklerose ist eine entzündliche Erkrankung des Nervensystems, die ganz unterschiedlich verlaufen kann und meist im frühen Erwachsenenalter beginnt. Sie verläuft oft schubweise in verschiedenen Teilen des Zentralnervensystems. Die Erscheinungsformen können, ebenso wie die Symptome, sehr unterschiedlich sein. Taubheit, Seh- oder Sensibilitätsstörungen, sowie Zittern bei bestimmten Bewegungen gehören dazu. Bei Sabine beginnt es damit, dass sie die Ziffern auf dem Radiowecker plötzlich nicht mehr rot, sondern grau sieht. Erst mit der Diagnose erfährt sie, dass die Sehnerventzündung ihr erster Schub war. In welchen Abständen diese Schübe kommen, wie lange sie bleiben, ob und welche Schädigungen nach dem Abklingen zurückbleiben, ist nicht vorherzusagen.

Laut Informationen der Deutschen Multiple Sklerose-Gesellschaft gibt es Menschen, die jahrzehntelang mit einem mild fortschreitenden Verlauf und wenigen Einschränkungen leben. "Andere haben innerhalb kurzer Zeit mehrere schwere Schübe und sind nach wenigen Jahren auf den Rollstuhl angewiesen", so Stefanie Bethge, Sprecherin des Landesverbands Hamburg. Die ganz schweren Fälle seien aber eher die Ausnahme. Zwar ist es möglich, die Symptome zu behandeln – heilen aber kann man die Krankheit bis heute nicht.

Weltweit sind etwa 2,5 Millionen Menschen an MS erkrankt. Allein in Hamburg sind es 2700. Als Sabine davon erfährt, dass sie eine davon ist, studiert sie gerade Medienproduktion an der Hochschule in Lemgo. Ihr Traum, Regisseurin zu werden, ist erst mal in weite Ferne gerückt. Sie will nur noch allein sein und an nichts denken – schon gar nicht an die MS. "Ich fühlte mich leer und emotionslos."

Mit der Ungewissheit und der Angst kommt sie nur schwer zurecht. "Ich wusste immer, was ich werden will, war immer jemand, der sein Leben plant. Und plötzlich ist alles ungewiss." Aus Angst vor den Reaktionen anderer Menschen, beschließt sie niemandem davon zu erzählen – außer ihrer Familie und ihrem Partner. Die MS ist Sabines Geheimnis. Sie taucht ab.

Hätte man ihr damals erzählt, dass sie ein paar Monate später mit einer großen Idee und jeder Menge Energie wieder auftauchen wird – sie hätte es wohl nicht glauben können. Doch genau so geschieht es. Sabine schreibt sich zurück ins Leben. Sie notiert ihre Gefühle und Ängste. Erst nur ein paar Zeilen. Dann werden es immer mehr. Aus ihren Aufzeichnungen entwickelt sie ein Drehbuch – wie das geht, hat sie im Studium gelernt. Herausgekommen ist die Vorlage für einen 90-minütigen Dokumentarfilm. "Kleine graue Wolke" soll er heißen. Sabine ist gleichzeitig Regisseurin und Hauptdarstellerin. Um das Geld für die Umsetzung aufzutreiben, wirbt sie im Internet für ihr Projekt und bittet um Spenden. Die sogenannte Crowdfunding-Aktion (Schwarmfinanzierung) übertrifft ihre Erwartungen. Mehr als 5000 Euro kommen in kurzer Zeit zusammen.

Die Kamera begleitet Sabine dabei, wie sie lernt, sich der MS zu stellen und mit ihr zu leben. Damit will Sabine aufklären und über die Krankheit informieren, die nicht nur alte Menschen haben. Sondern auch junge Leute wie Sabine, für die Gesundheit oft das Selbstverständlichste auf der Welt ist. "Es ist für mich schwer, damit umzugehen, wenn die Leute mehr Angst haben als ich selbst, wenn sie weinen oder traurig sind. Mitleid bringt mir nichts", sagt Sabine.

In "Kleine graue Wolke" stellt sich Sabine, heute 27 Jahre, auch den Situationen, vor denen sie sich am Anfang am meisten gefürchtet hat: Den Begegnungen mit anderen MS-Kranken, deren Krankheitsverlauf auch ihr eigener sein könnte. Schwäche, Lähmungen, Rollstuhl. Dinge, die die unsichtbare Krankheit sichtbar machen. Eine Überwindung. Doch Sabine traut sich. Reist mit ihrem kleinen Team durch ganz Deutschland und trifft MS-Betroffene in ganz unterschiedlichen Stadien der Krankheit. Auf ihrer Reise lernt sie Menschen kennen, wie das Pärchen Peter und Silke. Beide haben MS und sitzen im Rollstuhl. Ein Paar mittleren Alters, das sich füreinander – und für das Leben entschieden hat. Die Begegnung macht Sabine Mut. Ein gutes Gefühl.

Wann der Film ins Kino und ins Fernsehen kommt, ist noch unklar. Klar ist aber, dass sie mit dem Drehbuch bereits die Filmförderung Hamburg-Schleswig-Holstein überzeugt hat. Ihr Antrag auf Förderung ist kürzlich bewilligt worden. Auch ihren Bachelorabschluss wird sie in Kürze mit der "Kleinen grauen Wolke" bekommen. Das Drehbuch hat sie als Projektarbeit eingereicht.

Wenn sie nicht gerade zum Drehen unterwegs ist oder gemeinsam mit ihrem Freund das Material zusammenschneidet, dann führt Sabine ein ganz normales Leben. Dann geht sie in Hamburg aus, trifft Freunde und treibt Sport. Nur lässt sie es heute etwas ruhiger angehen als früher. Nächtelang um die Häuser zu ziehen, das kommt nur noch selten vor. "Ich bin nicht mehr so belastbar." Das ist eine Sache, an die sie sich gewöhnen muss. Genau so, wie an die Angst, die immer mal wieder da ist. Wie sie damit umgeht? "Ich glaube, dass das alles Kopfsache ist", sagt Sabine.

Jeder müsse den Weg finden, von dem er glaubt, dass er ihm helfe. Sabine hat ihn mit der "Kleinen grauen Wolke" gefunden.

Weitere Informationen zum Filmprojekt gibt es unter www.kleinegrauewolke.de

Bei der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft am Eppendorfer Weg 154–156 gibt es am 29. Mai von 13 bis 17 Uhr einen "Tag der offenen Tür" mit Beratungsangeboten.