Opfer von Menschenhandel

Eine Mutter für verlorene Mädchen aus der Prostitution

Foto: Klaus Bodig

Mutmacher Gaby Wentland gibt Zwangsprostituierten in ihrem Mission Freedom Home eine Unterkunft und neue Hoffnung.

Plötzlich wusste sie zu viel. Zu viel, um wegschauen zu können. Und so zu tun, als wäre alles in Ordnung. Weil nichts in Ordnung ist, wenn einem klar wird, dass in der eigenen Stadt, mitten im Europa des 21. Jahrhunderts, Menschen gehandelt werden wie Vieh. Es sind Frauen aus Rumänien, Bulgarien, Nigeria und Deutschland, die zur Prostitution gezwungen werden. Die betrogen, gedemütigt und missbraucht werden. Gaby Wentland hatte sich an diesem Abend nur einen Vortrag in der Elim-Gemeinde anhören wollen. Es ging um Menschenhandel. Um Frauen und Kinder, die mit falschen Versprechungen nach Deutschland gelockt werden, um hier sexuell ausgebeutet zu werden. Es ging um Zwangsprostitution. Um eine Industrie, die mit ihrem durch Gewalt erzwungenen Angebot jährlich viele Milliarden Euro erwirtschaftet. Und die in Deutschland täglich 1,5 Millionen Männer als Kunden hat.

Schätzungen zufolge gibt es in der Bundesrepublik rund 400 000 Prostituierte. 70 Prozent von ihnen sind Migrantinnen. Wie viele von ihnen tatsächlich Opfer von Menschenhandel sind, lässt sich nicht genau ermitteln. Nach vorsichtigen Schätzungen des BKA dürfte die Zahl der Opfer bei mehreren Zehntausend pro Jahr liegen. "Diese Frauen arbeiten nicht auf eigene Rechnung und nicht selbstbestimmt. Wenn sie sich verweigern, folgt brutale Gewalt", sagt Gaby Wentland.

Die Hamburgerin kennt die Zahlen. Sie kennt die Methoden. Und sie kennt die Betroffenen, weil sie seit jenem Vortragsabend hinschaut. Und etwas tut. Die Pastorenfrau ist zum Landeskriminalamt gegangen, recherchierte im Internet, sprach mit Menschen wie Lea Ackermann, der Gründerin von Solvodi, einem Verein, der Frauen hilft, die als Opfer von Menschenhändlern, Sextouristen und Heiratsvermittlern nach Deutschland gekommen sind. Gaby Wentland spürte deren Leidenschaft im Kampf gegen die Zwangsprostitution. Sie ließ sich anstecken.

Im Januar 2011 gründete sie Mission Freedom, einen Verein, der Opfern des Menschenhandels eine Perspektive für ihr Leben geben will. Weil das nur möglich ist an einem Ort, der Sicherheit, Geborgenheit und Schutz gewährleistet, eröffnete sie ein geheim gehaltenes Haus für diese Frauen und ihre Kinder. Hier können sie in einer ruhigen Atmosphäre leben und physisch und psychisch zu Kräften kommen.

Miyu ist eine dieser Frauen, die eigentlich gar nicht reden möchten, weil sie Angst haben, entdeckt zu werden. Sie sagt, dass sie 30 Jahre alt ist, aus Asien komme. Ihren richtigen Namen nennt sie nicht. Monatelang wurde sie in ihrer Heimat von einem Verwandten gefangen gehalten und vergewaltigt. Sie wurde schwanger, konnte fliehen. Als ihr Peiniger sie weiter bedrohte, floh sie als Au-pair nach Deutschland. Ihren Sohn ließ sie zurück. Die junge Frau landete bei einer Hamburger Familie. Und wurde wieder missbraucht, diesmal nicht sexuell, sondern als Zwangsarbeiterin im Haushalt. "Zwölf, 14 Stunden musste ich schuften", sagt sie. Für einen Hungerlohn. Sie hatte keine Krankenversicherung, kaum Freizeit. Als sie von einem anderen Mann schwanger wurde, wechselten ihre Arbeitgeber das Türschloss aus.

Ihr Baby hat sie im September im Mission Freedom Home zur Welt gebracht. Miyu weint viel, wenn sie spricht. Sie weint um ihre Vergangenheit. Und weil sie tief berührt ist von der Anteilnahme, die sie im Mission Freedom Home erfährt. "Ich habe hier eine Familie gefunden", sagt sie. Mit Unterstützung des Vereins hat sich Miyu zu einer Anzeige entschlossen.

Der Fall geht jetzt vor Gericht. Gaby Wentland nennt das einen "Befreiungsschlag". Wenn die Frauen bereit sind, vor Polizei und Anwälten ihre Geschichte zu erzählen. "Wenn sie erkennen, dass nicht sie die Schuld haben, sondern die anderen."

Angst hat Gaby Wentland keine, obwohl ihr bewusst ist, dass sie sich mit ihrem Engagement zur Feindin der Zuhälter macht. Die 55-Jährige ist eine resolute, kämpferische Frau. Streitbar, geradlinig. Ein Mensch mit großem Gottvertrauen. Für die Mädchen ist sie wie eine Mutter. Sie selber hat zwei Töchter. Gaby Wentland engagiert sich auch deshalb so sehr, weil sie etwas zurückgeben möchte - Gastfreundschaft und Liebe. Sie möchte Menschen vorbehaltlos annehmen, so, wie sie das vor mehr als drei Jahrzehnten in Afrika erlebt hat. Nach ihrem Schulabschluss ging die damals 21 Jahre alte Pastorentochter mit ihrem Mann, einem Bankkaufmann und Theologen, nach Afrika. Sie erlebte dort Menschen voller Demut und Dankbarkeit, die sie liebevoll aufnahmen. Gaby Wentland arbeitete mit Kirchen zusammen und für die Kinder der Gemeinden. "Wir haben Geschichten erzählt, gesungen und getanzt." Sie hat sich damals schon besonders für Frauen und ihr Schicksal engagiert. Zurück in Deutschland hat sie im Kampf gegen Zwangsprostitution ihre Lebensaufgabe gefunden.

"Wenn ich nur eins von 1000 Mädchen retten kann, hat sich mein Einsatz gelohnt", sagt sie. Die Zahlen, mit denen sie hantiert, erschrecken. In der Statistik des Bundeskriminalamts wurden im vergangenen Jahr 640 "Opfer von Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung" ermittelt. Ein Fünftel der Frauen kommt aus Deutschland. 56 Prozent der Opfer sind unter 20 Jahre alt. 13 Prozent sind jünger als 14.

"Mit falschen Versprechungen werden diese jungen Frauen aus armen Verhältnissen nach Deutschland gelockt", sagt Gaby Wentland. Verschwiegen wird, dass sie ihre Schulden für Pass- und Visabeschaffung, Reise- und Unterbringungskosten abzuarbeiten haben. Und zwar als Prostituierte. Wer sich verweigert, wird gefügig gemacht. Die Täter drohen, der Familie in der Heimat etwas anzutun. "Die Frauen tun aus Angst alles, was von ihnen verlangt wird", sagt Gaby Wentland. Sie bedienen als Zwangsprostituierte 20 bis 30 Kunden am Tag bei zwölf bis 14 Stunden Arbeitszeit. Sie können nicht fliehen, weil sie keine Papiere und panische Angst haben.

Und dennoch wagen es einige wenige. Sie vertrauen sich der Polizei oder Gaby Wentland an, die mit einer Streetworkerin regelmäßig in der Szene unterwegs ist. Manche von ihnen landen im Mission Freedom Home, das sich aus Spenden finanziert. Dort kümmern sich elf Mitarbeiter um die Frauen. Die Gründerin selbst kämpft in der Öffentlichkeit. Sie will aufklären und mitreißen im Kampf gegen diese Form der Sklaverei. Und sie will dafür sorgen, dass sich die Frauen nicht mehr so leicht ködern lassen. "Ich werde in die Schulen gehen, nach Rumänien, Bulgarien und Ungarn, und mit den Schülern sprechen", sagt sie. "Ich werde ihnen die brutale Wahrheit zeigen, die hinter den großen Versprechungen steckt."

Kontakt: gwentland@mission-freedom.de, Tel. 702 924 15. Infos: www.mission-freedom.de

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