ELTERN LERNTEN MIT DER TRAGÖDIE ZU LEBEN

Unsere Anna lebt in ihrer Stiftung weiter

Eine Liebesgeschichte zwischen zwei jungen Leuten endete mit einem schrecklichen Verbrechen. Nach dem Tod ihrer Tochter gründeten die Eltern eine Stiftung, die den Namen des Opfers trägt und Menschen in Not helfen soll.

Das Glück ist ein bunter, unsteter Geselle. Es gaukelt dir das Leben in den fröhlichsten Farben vor, du meinst, es müsste zeitlebens so sein, doch schon schwingt es sich auf die Schulter eines anderen und überantwortet dich dem in der Finsternis lauernden Leid. Manche Menschen werden nach einem solchem Wandel völlig andere, ziehen sich in die innere Einsamkeit zurück, und viele zerbrechen daran.

Hier ist von Menschen die Rede, die in das tiefste Leid gestoßen wurden, doch nicht geduldet haben, dass es ihr ständiger Begleiter wird. Aus dem Leid haben sie die Kraft geschöpft, Not zu bekämpfen, wann immer sie ihnen begegnet. Wo andere verzagen, fanden sie einen Weg, der ihrem Leben wieder einen Sinn gab.

Doch einfach so auslöschen kann man natürlich die dunklen Erinnerungen nicht. Da ist diese Nacht vor einem Jahr, als ihre Tochter Anna sterben musste. Eine Frau in der Blüte ihres Lebens. Jung, noch keine dreißig, bildhübsch, selbstbewusst, erfolgreich, Tochter einer angesehenen Hamburger Familie, der Vater gefragter Jurist - wie ein wunderschöner Teppich schien das Leben vor ihr zu liegen.

Und dann musste sie sterben, von der Hand des Mannes, der sie über alles zu lieben meinte und sie doch nur als sein Eigen besitzen wollte. Auf Fuerteventura hatten sie sich kennengelernt, 2005. Es muss wohl das gewesen sein, was man gern die Liebe auf den ersten Blick nennt. Zumindest meinten sie es - Wiliam, ein damals 23-jähriger Brasilianer, ein Mann, der die Frauen nur anzublicken brauchte, um sie für sich zu gewinnen, Anna, die schöne Hamburgerin, ein Paar, wie aus einem Bilderbuch der Liebe. Wenngleich sehr unterschiedlicher Herkunft, er aus einer bescheiden lebenden brasilianischen Familie kommend, sie die Frau auf der Sonnenseite des Lebens.

Er kommt nach Hamburg, wohnt bei ihr. Und schon bald bekommt die Liebe Risse. Es liegt eindeutig an dem Mann, der die Partnerin ausschließlich für sich haben will, der ihr keinen anderen Lebensraum, keine Eigenständigkeit mehr zugesteht, dessen Eifersucht häufig zum Streit führt und immer gefährlichere Züge annimmt. Sie braucht nur jemandem den Weg zu weisen, schon explodiert er in maßlosem Zorn. Danach tut es ihm leid. Ihr Beisammensein führt in die Höhe und in den Abgrund.

Es ist Nacht, als das, was als Liebe begann, zur Tragödie wird. Noch einmal sucht Anna die Aussprache, wieder führt sie zu einem heftigen Streit. Und in grenzenloser Wut erwürgt er Anna. Vor der Haustür eines Freundes wird er festgenommen. Wenig später windet er sich im Gefängnis aus dem Bettlaken ein Seil und erhängt sich am Gitter seiner Zelle. Ende einer Geschichte, die wie ein Glücksmärchen begann und mit dem Tod zweier Menschen ausgeht.

Nein, nicht endete. Denn da sind Annas Eltern. Zuerst stürzen sie in unendliche Trauer, doch sie erstarren darin nicht. Sie suchten einen Weg, der nicht in erdrückende Depressionen führt, sondern der Erinnerung an ihre Tochter einen Sinn gibt. Und sie fanden ihn: Die Anna-Hellwege-Stiftung, die sie mit einem Grundkapital von 100000 Euro ausstatteten. In ihrer Präambel heißt es: "Annas Eltern, ihre ganze Familie und alle Freunde wünschen durch die Stiftung, der Verstorbenen zu gedenken und in ihrem Sinne zukünftig unter Berücksichtigung ihres Schicksals zur weiteren, besseren Völkerverständigung beizutragen und dabei zu versuchen, derartige Gewalttaten zu verhindern."

Viele weitere Spender haben sich der Anna-Hellwege-Stiftung angeschlossen. Sie kommen aus der Firma, in der die junge Frau arbeitete, aus dem Freundeskreis, vor allem haben viele junge Menschen den Wunsch geäußert, durch monatlich kleinere Beträge die Stiftung dauerhaft zu unterstützen. Da Vorstand und Mitarbeiter ehrenamtlich tätig sind, können alle Spenden ohne jeden Cent Abzug weitergegeben werden. Geholfen wird nur gemeinnützig anerkannten Institutionen, bei denen auch keine Verwaltungskosten anfallen. Und in der kurzen Zeit ihres Bestehens konnte die Stiftung schon vielen helfen, zum Beispiel dem Hamburger Diakonie-Cafe "Why not", einer Anlaufstelle für ausländische Mitbürger, dem Fußballclub Hellbrook, der sich mit einem Projekt Problemkindern widmet, der Gründung eines Kindergartens in Namibia, einem Verein, in dem Lebensgemeinschaften aus unterschiedlichen Kulturkreisen Verständnis füreinander lernen.

Die Eltern schreiben: "Unsere Anna lebt nicht mehr. Aber ihre Stiftung lebt. Es ist unvorstellbar, wie viele liebe Menschen unsere Gedanken akzeptiert haben und durch Spenden unterstützen. Dies ehrt Anna sehr und macht uns unendlich dankbar".

\* Wer sich an der Anna-Hellwege-Stiftung beteiligen will: Konto: Hamburger Sparkasse, Nr. 1280/208131, Bankleitzahl 20050550.

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