21.11.12

Kiel

Wer ist Schuld am Tod einer 88-Jährigen - Arzt oder Klinik?

Ein Hausarzt soll den Tod einer 88-jährigen Patientin fahrlässig verursacht haben. Doch in den Fokus rückt eine Kieler Klinik.

Foto: dpa
Mangelnde Deutschkenntnisse bei Ärzten
Ein Arzt trägt ein Stethoskop um den Hals (Symbolbild)

Kiel. Unter dem Vorwurf der fahrlässigen Tötung muss sich seit Mittwoch ein Hausarzt vor dem Kieler Amtsgericht verantworten. Der Mediziner soll laut Anklage eine 88 Jahre alte Patientin nicht erneut in eine Klinik eingewiesen haben, obwohl sich ihr Zustand nach einem ersten Krankenhausaufenthalt erheblich verschlechtert hatte. Die Patientin starb wenige Tage später an inneren Blutungen, die durch eine unerkannte Oberarmfraktur ausgelöst wurden.

Die 88-Jährige war nach einem Sturz über ihren Rollator als Notfallpatientin in eine Kieler Klinik eingewiesen worden. Dort sei sie von der Unfallchirurgie über eine weitere Station schließlich in die Mund- und Kieferchirurgie verlegt worden. Die richtige Diagnose sei aber nicht gestellt worden, auch die Behandlung sei nicht korrekt gewesen, kritisierten der Hausarzt und seine Verteidigerin zu Prozessbeginn. "Vier Tage blutete die Patientin in sich hinein und wurde in unverantwortlich schlechtem Zustand entlassen", erklärte der Arzt weiter. Sie sei dann ohne Abschlussbefund und mit einer Medikamentenempfehlung "ohne Sinn und Verstand" entlassen worden, erklärte der Arzt weiter.

Ein Sprecher der Klinik wollte sich am Mittwoch nicht dazu äußern. Er verwies auf Anfrage auf das laufende Verfahren.

Normalerweise verlasse niemand eine Klinik ohne adäquate Weiterversorgung, betonte der Angeklagte. Als er seine Patientin sah, glaubte er, man habe sie "zum Sterben nach Hause geschickt". Doch in so einem Fall hätte die Klinik den behandelnden Arzt oder zumindest den Pflegedienst benachrichtigen müssen. Dies sei aber nicht geschehen. Vielmehr habe der Pflegedienst ihn angerufen und geklagt: "Wir wissen nicht mehr weiter. Die alte Dame ist wieder da." Einen ordentlichen Entlassungsbefund habe es nicht gegeben. Stattdessen habe bei der alten Dame ein undatierter Zettel mit der Verordnung eines Antibiotikums in Tablettenform gelegen. Die Patientin habe aber schon nicht mehr schlucken können.

Er habe vergeblich versucht, den behandelnden Arzt in der Klinik zu erreichen, sagte der Hausarzt. Erst mehrere Tage dem Tod der Patientin habe er einen Entlassungsbrief der Klinik mit dem Hinweis erhalten, "bei gebessertem Wohlbefinden und weiterhin unauffälliger Überwachung können wir die Patientin in ambulante Behandlung entlassen". Da habe sie aber bereits im Sterben gelegen. Einen dritten Transport hätte sie nicht mehr überstanden.

Der 68 Jahre alte Hausarzt brachte den Fall selbst ins Rollen. Er vermerkte auf dem Totenschein: Keine natürliche Todesursache, sondern Tod infolge eines Traumas. Der Staatsanwalt stellte in der Verhandlung mit Blick auf die Klinik fest: "Das andere sich maßgebliche und ganz andere Vorwürfe gefallen lassen müssen, ist unstrittig." Ob das zu einer Anklage führen könnte, blieb offen.

abendblatt.de/dpa
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