23.11.12

Lokstedterin

Die 100-Jährige, die wieder Tennis spielen will

Marianne Clemens feiert Geburtstag. Fit und geistig rege blickt die Lokstedterin auf ein Leben zwischen Kaiserreich und Computer zurück.

Von Jens Meyer-Odewald
Foto: Marcelo Hernandez
Marianne Clemens in ihrem Wohnzimmer
Marianne Clemens in ihrem Wohnzimmer

Lokstedt. Bis vor drei Monaten spielte sie Tennis beim SC Victoria. Bis vor einem Jahr steuerte sie ihren Golf eigenhändig durch Hamburg oder in den Sommerurlaub nach Ahrenshoop an der Ostsee. In ihrer kuscheligen Lokstedter Mietwohnung, in der Marianne Clemens seit 74 Jahren zu Hause ist, hat die Dame nach wie vor alles im Griff. Zweimal monatlich kommt eine Putzhilfe, den Rest schafft sie im Alleingang. Der literarische Kreis baut auf ihr Wissen - und der Deutsch-Amerikanische Frauen-Club seit 1957 auf ihr herzhaftes, anpackendes Engagement.

Es ist ein Geschenk des Himmels, dass Frau Clemens heute körperlich fit und geistig äußerst rege ihren 100. Geburtstag feiern kann. Dem offiziellen Teil am Feiertag selbst mit Politikern, Pastor, Nachbarn und Freunden in den eigenen Wänden folgt morgen im Hotel die Großfamilie: vier Söhne, acht Enkel, fünf Urenkel aus allen möglichen deutschen Landen. Insgesamt 42 Personen werden ihr Glas erheben. Ein persönlicher Glückwunsch von Helmut Schmidt ist auch schon eingetroffen. "Es wird turbulent zugehen", ahnt das hochbetagte Geburtstagskind, "und ich freue mich auf schöne Stunden."

Dann geht sie voraus in die Küche. Der Kaffee ist frisch aufgebrüht. In der guten Stube wartet ein liebevoll gedeckter Tisch - Printen, Dominosteine und ein Weihnachtsstern inklusive. Gemütlich ist es hier auf alten Perserteppichen, zwischen antiken Möbeln, prall gefüllten Bücherregalen, persönlichen Erinnerungsstücken und vielen Bildern.

Eines davon porträtiert Marianne Clemens als Mädchen, vor rund 90 Jahren gemalt von Mutter Otty, einer anerkannten Künstlerin. Ein anderes zeigt in Öl ein uriges Ferienhaus auf Fischland, mit Stuck und Türmchen. In der Künstlerkolonie Ahrenshoop verbrachte die aus Sachsen stammende Familie Anfang des vergangenen Jahrhunderts wunderbare Tage. Neben dem gleichfalls uralten Büfett, eine Handarbeit flämischer Art, hängt ein Porträt ihres Großvaters Otto, einem Notar aus Ludwigslust, der beste Beziehungen zum Großherzog von Mecklenburg unterhielt.

Um vergangene Tage handelt es sich, doch sind sie für Marianne Clemens höchst lebendig. Leider wird ihr Kaffee kalt, während sie von glücklichen, erschütternden und fast immer aufregenden Zeiten zwischen Kaiserreich, Weltkriegen, Wirtschaftswunder und der Berliner Republik des wieder vereinten Deutschlands erzählt. "Als die Mauer fiel", berichtet sie, "stand ich in Ahrenshoop auf der Düne und konnte mein Glück kaum fassen."

Was hat diese Frau alles erlebt! "Unruhige Zeiten in unserem Land", heißt der Titel eines der drei von ihr verfassten Bücher. Am 23. November anno 1912 als Marianne Ziel in Leipzig geboren, musste sie nach dem Abitur in Chemnitz auf das so sehr gewünschte Studium verzichten. Als liberaler Landgerichtspräsident war ihr Vater den Nazis später ebenso wenig geheuer wie die jüdische Großmutter, eine gebildete und kunstbewanderte Persönlichkeit. In Ahrenshoop, weit weg vom Schuss, überlebte die Familie immer wieder wirre Zeiten.

Das private Glück folgte für Marianne Clemens, als sie einen Referendar ihres Vaters kennen- und schätzen lernte: "Dieses Herzklopfen von damals habe ich mein Leben lang nicht vergessen." Mit Walter Clemens, "meiner großen Liebe", später selbst Landgerichtspräsident in Hamburg, zog sie nach der Hochzeit in Ahrenshoop 1933 in die Hansestadt. Erst an die Alster, später "aufs Land". Im damals preußischen Lokstedt lebten Ziegen und Schafe in der Nachbarschaft. Im ersten Stock eines gediegenen Bürgerhauses nahe dem Lokstedter Steindamm fanden Marianne und Walter Clemens eine kommode Vierzimmerwohnung. Dort kam 1938 der erste Sohn zur Welt. Drei weitere folgten. 1953 wechselte die Familie im Dienste des Auswärtigen Amtes für vier Jahre nach New York. Die Wohnung blieb erhalten - über den Tod des Ehemanns 1974 hinaus, bis zum heutigen Tage. Und noch lange hoffentlich.

"Hier ist meine Heimat", sagt Frau Clemens mit geröteten Wangen. "Hier fühle ich mich geborgen." Seit fast einem Dreivierteljahrhundert ist das so. Ein koketter Augenaufschlag, der auch eine heute 100-Jährige durchaus ziert, dann aber klagt sie doch noch. Ein wenig. "Die Zeit ist das Problem. Ich habe zu wenig davon." Erstaunlich, denkt sich der gut halb so alte Besucher, und lauscht weiter den Erzählungen dieser faszinierenden Dame.

Selig berichtet sie von ihren bestens geratenen Söhnen und der großen Verwandtschaft, von ihren Besuchen in Schwerin, Kassel, Köln und Braunschweig. Bis 2011 mit einem betagten VW Golf, den heute eine Enkelin fährt. Schließlich erhörte sie das Flehen der Kinder und gab den Führerschein zurück. Mit 98 Jahren. Mit Tennisspielen ist erst seit diesem Sommer Schluss. Frau Clemens stürzte auf dem Platz des SC Victoria, dem sie seit 1948 angehört. Der gebrochene Oberschenkel wurde mit einer Schiene aus Titan verstärkt. "Das macht mich noch wertvoller", meint sie mit erneut keckem Blick. Jetzt sei sie wieder recht gut zu Fuß, und vielleicht wird es mit dem Tennis ja doch noch was. Wenn die Familie bloß nicht immer quengeln würde, den Schläger endgültig ruhen zu lassen.

Denn auch ohne aktiven Sport gibt es reichlich zu tun. Der Freundeskreis ist groß und vielseitig. "Leider sind die meisten jünger", stellt sie fest, "aber das ist nun einmal so." Frau Clemens schildert ihren Einsatz für den Deutsch-Amerikanischen Frauen-Club, dem sie vor 55 Jahren beitrat und den sie lange als Präsidentin leitete. Am vergangenen Sonntag, mithin fünf Tage vor ihrem 100. Geburtstag, stand sie während eines Wohltätigkeitsbasars mehr als sechs Stunden an einem Stand mit Entenangeln. Wohlgemerkt: stand sie. Anlässlich des 58. Deutsch-Amerikanischen Freundschaftstages im Juni dieses Jahres im US-Generalkonsulat hielt die agile 99-Jährige einen Vortrag.

Natürlich werden die Club-Ladys heute ihre Aufwartung in der Wohnstraße abseits des Universitätsklinikums machen. Ebenso wie die zehn Damen und ein Herr des literarischen Zirkels. Sonst trifft man sich im Stavenhagenhaus in Groß Borstel. Hinzu kommen diverse weitere Aktivitäten. So hilft sie wissenschaftlich arbeitenden Familienmitgliedern als Korrektorin, Rezensentin und Briefeschreiberin. In der Regel auf einem Computer, der auf dem antiken Schreibtisch steht und in diesem altehrwürdigen Umfeld ein bisschen fremd wirkt.

Weihnachten wird sie einen ihrer Söhne besuchen. Den Jahreswechsel verbringt Marianne Clemens am liebsten in aller Ruhe in Ahrenshoop. Um Kraft zu tanken. "Denn es gibt noch sehr viel zu tun", sagt sie zum Abschied.

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