26.01.13

Der rote Faden

Wenn Frau Senatorin Schiedek laut wird ...

... dann hat ihr FC St. Pauli ein Heimspiel. Jana Schiedek, Chefin der Justizbehörde, treibt aber auch im Regierungsamt die Leidenschaft.

Foto: HA/A.Laible
 Jana Schiedek
Jana Schiedek hat den roten Faden um ein Modell des Gefängnisses "Santa Fu" in ihrer Justizbehörde gelegt

Am Abend des 20. Februar 2011 hat Jana Schiedek mit ihren Parteifreunden in der Altonaer Fabrik den Wahlsieg der SPD gefeiert, "überwältigt und verblüfft". Und war mit sich und der Welt zufrieden, nach drei Jahren aus der Bürgerschaft auszusteigen, um wieder zur Hamburg Port Authority zurückzukehren. Doch die Wähler bescheren der SPD eine absolute Mehrheit, also kann der neue Erste Bürgermeister Olaf Scholz alle Senatorenposten besetzen. Weswegen bei Jana Schiedek plötzlich das Telefon klingelt. Scholz fragt ganz direkt: Ob sie seine Senatorin für Justiz und Gleichstellung werden will?

"Das ist ein Moment, wo man sich noch mal neu sortiert, eine riesige Ehre. So etwas hat man ja nicht in der Lebensplanung." Sie berät sich mit ihrem Lebensgefährten Jürgen Single, schläft einmal drüber. "Ich habe großen Respekt vor dieser Aufgabe, das ganze Leben verändert sich dadurch." Nach einem Gespräch mit Olaf Scholz weiß sie: "Das will ich, das kann ich."

Und so steht die Verwaltungsjuristin, 36 Jahre alt, am 17. März 2011 strahlend im Rathaus im Team von Scholz - als künftige Senatorin für Justiz und Gleichstellung, Präses einer Behörde von 246 Mitarbeitern, mit Staatsanwaltschaften, Gerichten und Strafvollzug ist sie für knapp 5000 Mitarbeiter verantwortlich.

Jana Schiedek stammt aus Rissen, die Mutter arbeitete im Ortsamt Blankenese, der Vater war Ortsamtsleiter in Billstedt. Sie besucht das Gymnasium und lebt ganz bodenständig in Rissen, bis sie 20 ist. "Ich hätte nie gedacht", sagt sie, "dass ich mal im Prinzip dasselbe mache wie meine Eltern, hab dann aber Jura studiert und schnell das Verwaltungsrecht für mich entdeckt."

Mit dem Journalismus liebäugelt sie auch, weil sie bei der Schülerzeitung "Das Faltblatt" mitarbeitet. Eine Staatsrechtsvorlesung zieht sie auf die Seite der Juristen. Bald entwickelt sie ein Faible fürs öffentliche Recht, für die Grundrechte, die Staatsorganisation und für das Verwaltungsrecht. Wobei ihr das Jahr als Austauschschülerin in den USA Impulse gibt: "Das prägt, gerade wenn man 16 ist. Danach war ich ein eigenständigerer Mensch, hab mich viel stärker engagiert, später auch als Semestersprecherin."

Im Studium lernt sie Andreas Dressel kennen, heute Fraktionsvorsitzender der SPD in der Bürgerschaft. "1999 hab ich den Sprung gemacht und bin in die SPD eingetreten." Erstes Staatsexamen, Beginn einer Promotion, zweites Staatsexamen. Dann stellt sie fest, dass ein anderer ihr Doktor-Thema inzwischen zum Abschluss geführt hat - "einer der unschöneren Momente".

Im Referendariat ist ihre prägende Station die Senatskanzlei, "eng an der Schnittstelle zur Politik". Sie wird Beamtin, Strom- und Hafenbau, kann am Anstaltserrichtungsgesetz für die Hamburg Port Authority mitwirken, wird dort 2005 Referentin für europäische Angelegenheiten.

Und eröffnet sich ein zweites Feld - die Politik, als Bezirksabgeordnete in Hamburg-Mitte. Engagiert sich in Ausschüssen - Bau, öffentliche Ordnung und Sicherheit. Wird 2008 in die Bürgerschaft gewählt. Als rechtspolitische Sprecherin stellt sie 98 Anfragen an die Regierung. Ist sie eine Streberin? Ein herzliches, raues Lachen: "Nee, das würden meine Lehrer aus Schulzeiten nicht so sehen. Es gab einfach viele interessante Themen. Wenn man so ein parlamentarisches Recht hat, soll man es klug gebrauchen. Und wenn ich was mache, dann richtig."

2011 will sie hinwerfen. "Ich hatte einen Job als Europareferentin, der mir viel Spaß gebracht hat und viele Reisen. Dazu das Feierabendparlament und rechtspolitische Sprecherin - das war schwer unter einen Hut zu bringen." Sie entscheidet sich für den Beruf. Politik? Vielleicht später mal wieder.

Hamburgs Justizsenatorin erzählt ihre aus Fleiß, präzise ergriffenen Chancen und Glück geknüpfte Biografie ohne Schnörkel und Tabus, sie macht kaum Umwege im Denken. Dass sie jetzt das Nesthäkchen im Senat ist? Sie lacht: "Dass ich die Jüngste sein würde, war relativ schnell klar, aber Till Steffen (ihr Vorgänger von der GAL) war noch jünger, als er das Amt antrat. Ganz ehrlich: Das spielt vielleicht in den Medien eine Rolle, ich hab's nicht sonderlich gemerkt. Ich bin ja auch keine 20 mehr, und mein Patensohn findet mich, glaube ich, steinalt. Alles eine Frage der Perspektive."

So pariert sie auch die gern geäußerte Vermutung, sie sei nur ins Amt gerutscht, um die Männer-Frauen-Parität unter den Senatoren herzustellen. "Quotenfrau?" Zwischen ihren Lippen macht es hörbar "bfffffff". "Ja und? Ich fand das nie so negativ, wie es manchmal gemeint ist. Dann sind eben Herr Rabe, Herr Tschentscher, Herr Neumann Quotenmänner. Wenn's dazu führt, dass man einen gleichmäßig mit Frauen und Männern besetzten Senat hat, was ich für absolut vorteilhaft erachte, ist es das wert." Klare Ansagen liegen ihr.

Zwei Tage lang besucht sie am Anfang ihre Mitarbeiter in deren Büros, um sie kennenzulernen. "Ein Handbuch fürs Senatorin-Sein gibt es nicht, aber die Menschen hier haben mich sehr unterstützt. Man ist nicht alleine, das hier ist ja eine Mannschaftsleistung. Ich diskutiere meine Entscheidungen intensiv in verschiedenen Runden. Ich habe eine Meinung, bin aber nicht beratungsresistent. Am Ende entscheide ich die Richtung."

Schnell setzt sie Themen, die überregional beachtet werden, gewinnt für ihre Initiative einer Frauenquote für die Top-Etagen der Wirtschaft im Bundesrat eine Mehrheit, tritt für die zielgerichtete Bestrafung von Wirtschaftskriminellen ein, will eine bessere Härtefallregelung für Verurteilte, die Geldstrafen nicht abstottern können, fördert eine anonyme Ansprechstelle für Pädophile, die sich behandeln lassen wollen. Spürt Widerstand auch aus der SPD beim geplanten Umzug weiblicher Gefangener von Hahnöfersand nach Billwerder. Noch ein "bfffffff", etwas schmallippiger: "Wir haben uns das nicht leicht gemacht. Wenn man sich einmal vor Ort umgesehen hat, sieht man den Umzug mit anderen Augen."

Ob sie selbst schon mal, zuständig für das Strafsystem in Hamburg, eine Nacht im Gefängnis verbracht hat - probehalber? Da ist Jana Schiedek ganz pragmatisch - sie redet bei ihren Besuchen manchmal mit Inhaftierten, mehr muss nicht sein.

Was treibt sie an in ihrer Arbeit? "Es ist gut fürs Lebensglück, wenn man auf Menschen trifft, die sich in unterschiedlichsten Bereichen auf unterschiedlichste Weise engagieren. Alleine dafür, dass man sich um sie kümmert - finanziell oder wertschätzend -, bekommt man ganz viel zurück. Aber auch, wenn man sich in der Bezirksversammlung für eine Jugendeinrichtung eingesetzt hat und die dann plötzlich da ist. Wenn im Stadtteil an der einen oder anderen Ecke etwas besser ist als vorher. Oder heute, wenn eine Initiative im Bundesrat eine Mehrheit bekommt. Das motiviert ungemein und bringt ganz viel Freude."

Ausgleich für Abstriche an anderer Stelle. Zur Behörde kommt die passionierte Radfahrerin mit dem Dienstwagen. "Auf dem Fahrrad mit Kostümchen oder Anzug - das ist eben nicht mehr so einfach möglich." Ihr Arbeitstag hat zwölf, 13 Stunden, die Hoheit über den Terminkalender hat sie nach zwei Tagen verloren. Das Zeitfenster fürs Privatleben ist kleiner. Ob ihr Amt so familienfreundlich ist, dass sie sich auch eine Justizsenatorin mit Kind vorstellen kann? Diplomatische Antwort: "Auf jeden Fall. Wir müssen dahinkommen, dass es selbstverständlich ist, Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren. Und das auf allen Ebenen. Da haben wir allerdings noch einiges vor uns."

Sport findet nun auf dem Laufband in der Wohnung statt. Nur die Heimspiele von St. Pauli, die sind gesetzt. Nicht im Kuchenblock, "Nordkurve früher, jetzt Gegengerade". Wer Jana Schiedek reden hört, mit ihrer leicht angeschmirgelten Stimme in solider Mezzo-Lage, der ahnt: Das ist stadiontauglich. Sie nickt: "Das war immer etwas, wofür ich mich begeistern konnte. Leidenschaft, mitfiebern, mitfeiern. Das ist fast wie in einer Ehe: In guten wie in schlechten Zeiten zollt man seinem Verein, seinen Spielern immer Respekt und Applaus." Früher stand sie noch von ihrem Freund getrennt, heute gehen sie gemeinsam ins Stadion.

Wo hat sie ihn kennengelernt? "Jetzt wird's lustig." Sie lacht, ihre Grübchen werden noch etwas tiefer als sonst. "Wieder der Fußball. Er spielte vor zwölf Jahren in der Kneipenmannschaft vom Silbersack." 2012 haben sie geheiratet. Natürlich nicht nur des Fußballs wegen: "Mein Mann macht den besten Käsekuchen der Welt." Den bringt sie gern auch mal in die Behörde mit. "Ich habe das große Glück, dass er hervorragend kochen und backen kann." Jana Schiedek pflegt ihre Rückzugsräume. Und freut sich, dass sie auf St. Pauli, in ihrem Stadtteil, ihren Restaurants und ihren Kneipen, immer noch "Jana" ist.

Dabei sehen erste Medienorakel die schlanke, klare Blonde aus Hamburg schon mit einem Fuß in Berlin. Sie lacht trocken: "Die kenn ich auch, da schreibt einer vom anderen ab. Der Herr Steinbrück hat kein Schattenkabinett. Und ich bin hier sehr glücklich. Es ist aber doch wichtig, dass Hamburg sich in Berlin einmischt, weil viele Entscheidungen dort auch große Bedeutung für Hamburg haben."

Der rote Faden zieht sich durch die Stadt: Er verbindet Menschen, die einander schätzen, bewundern, überraschend finden. Sie entscheiden, an wen sie ihn weiterreichen: an andere, die hier arbeiten, Besonderes für die Stadt leisten, als Vorbildgelten. Jana Schiedek bekam den Faden von Hermann Rauhe und gibt ihn an Dörte Inselmann weiter.

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