12.01.13

Nach den Feiertagen

So wird das Fasten zum fröhlichen Verzicht

Millionen üben sich derzeit in Enthaltsamkeit. Dabei ist Fasten nur bedingt zum raschen Abnehmen geeignet - es befreit vor allem den Kopf.

Von Alexander Schuller
Foto: pa/chromorange
Plate and Silverware
Der leere Teller allein macht leider nicht glücklich. Aber: Verzicht kann befreiend wirken und die Gedanken zur Ruhe kommen lassen

Das Darben beginnt für gewöhnlich mit Glaubersalz. Oder einem Klistier. Jedenfalls mit einigen anstrengenden Sitzungen in der Keramikabteilung. Zwar ist die werbewirksame Behauptung wissenschaftlich längst widerlegt, aber Millionen Menschen glauben trotzdem hartnäckig daran, dass sie "Schlacken" im Körper angesammelt haben, die sie mal eben so mit medizinischer Hilfe, gefolgt von Tees oder Säften sowie literweise Mineralwasser rausspülen können. Sie glauben fest daran, dass sie ihre kulinarischen Sünden eines ganzen Jahres binnen weniger Tage büßen können, indem sie fasten.

Dabei erneuert sich die Darmschleimhaut ständig. An oder in ihr kann sich nichts absetzen. Und auch Leber und Nieren scheiden ununterbrochen Gifte und andere unerwünschte Stoffe aus. Es wäre ja auch schlimm, wenn es nicht so wäre.

Der Hype ums vermeintliche Gesundhungern begann erst Mitte der 1970er-Jahre, als sich die positiven Folgen des Wirtschaftswunders zunehmend auf den Hüften und an den Bäuchen der Deutschen abzeichneten und Übergewicht zur Volkskrankheit mutierte. Dieses sogenannte Heilfasten wurde gleichgesetzt mit Diätkuren. Viele wohlgenährte Bundesbürger fuhren fortan regelmäßig einmal im Jahr in private Kurkliniken und zahlten viel Geld, um ein, zwei und sogar drei Wochen lang unter medizinischer Aufsicht (praktisch) nichts zu essen, bis auf ein Dinkelbrötchen, eingeweicht in Buttermilch, oder ein salzarmes, dünnes Gemüsesüppchen vielleicht. Der Erfolg konnte sich tatsächlich sehen lassen, aber häufig hielt er nicht lange an. Im Gegenteil: Viele Menschen setzen nach ihrer Fastenzeit dickere Fettpolster an als vor ihrer Fastenzeit.

"Das Gehirn ist ja auch nicht doof", erklärt Claas-Hinrich Lammers, Ärztlicher Direktor der Psychiatrie an der Asklepios Klinik in Ochsenzoll. "Es empfindet die Fastenzeit als Hungersnot, und wenn der Mensch wieder normal essen möchte, befiehlt es: 'Iss bloß, was du kriegen kannst - du bist schließlich gerade einer großen Gefahr entronnen!'" Die Folgen sind bekannt - wenn sich der Mensch nicht beherrscht und sein Ernährungsverhalten dauerhaft ändert. Dabei hat das Fasten einen gänzlich anderen Hintergrund, einen religiösen nämlich: Für die Christen beginnt am Aschermittwoch eine 40-tägige Fastenzeit. Diese Tage bis zur Osternacht dienen der Buße, der Besinnung und der Umkehr. Muslime üben sich während des Fastenmonats Ramadan von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang in Enthaltsamkeit, buddhistische Mönche und Nonnen dagegen fasten täglich ab zwölf Uhr mittags, und auch im Hinduismus spielt die kontrollierte und reduzierte Nahrungszufuhr eine große Rolle. Vom absichtlichen Darben versprechen sich alle Gläubigen vor allem eins: innere Einkehr, Stärke und eine engere Nähe zu (ihrem jeweiligen) Gott. Doch etwa drei Millionen Menschen, schätzen die Krankenkassen, die hierzulande regelmäßig mindestens einmal im Jahr fasten, tun dies nicht aus religiösen Motiven. Sie warten auch nicht bis zum Aschermittwoch, sondern beginnen gleich im Januar - und verwechseln das Fasten dann häufig mit einer Bikini-Notfall-Diät. Doch sie sagen beinahe unisono, dass sie beim Fasten in Euphorie ausbrächen - eben wegen der "Entschlackung", die es ja eigentlich gar nicht gibt. "So eine Art Säuberungsmechanismus bei gleichzeitiger Gewichtsabnahme ist nun einmal eine sehr starke und sehr reizvolle Vorstellung", meint der Experte. Das Hochgefühl, das sich zumeist am dritten Tag einstelle, wenn die Leber ihren Kohlenhydratspeicher entleert hat und der Körper damit beginnt, Eiweiß aus den Muskeln und vor allem aus dem Fett der Depots an Bauch und Hüfte zu verbrennen, und damit an seine Reserven geht, so Lammers, lasse sich sehr einfach durch die körpereigene Ausschüttung von Dopamin und Serotonin erklären: "Magersüchtige fühlen sich auch so." Nur fühlen sie sich leider nie besonders lange gut. "Denn wenn das Hungern über einen längeren Zeitraum erfolgt, dann wechselt der Körper für gewöhnlich seine Reaktion. Man denkt ständig nur noch ans Essen und kann dann schnell in eine Depression abgleiten."

Überhaupt sollte man ohne medizinische Begleitung besser höchstens eine Woche lang fasten. Da sich der Körper zu Beginn der Fastenkur umstellen muss, empfinden die Fastenden in der Regel die ersten drei Tage als "die schlimmsten". Schwindel oder Kopfschmerzen können auftreten, manche Menschen fangen plötzlich an zu frieren oder werden unerklärlich müde. Gerade chronisch Kranke sollten unter medizinischer Aufsicht stehen, denn Fasten kann den Blutdruck verändern, Medikamente können in ihrer Wirkung verstärkt oder abgeschwächt werden - vor allem empfängnisverhütende Mittel. Auch die Elektrolyte können aus dem Gleichgewicht geraten.

Im Idealfall überwiegen jedoch die positiven Gefühle. Das Leben verlangsamt sich, wird intensiver und innere Ruhe kehrt ein. "Im Grunde dient das Fasten daher vor allem der psychischen Reinigung", sagt Claas-Hinrich Lammers, der empfiehlt, während des Fastens möglichst nicht zu arbeiten. "Und wer dann sein neues, geringeres Körpergewicht kultivieren möchte, dem würde ich FdH (Friss die Hälfte), weniger Alkohol und mehr Bewegung empfehlen." Er sei zwar kein ausgewiesener Ernährungswissenschaftler, aber aus medizinischer Sicht sei das im Grunde der einfachste Weg, um sich eine quälende Diät zu ersparen.

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