05.01.13

Hamburg

Abendblatt-Neujahrsempfang - Der erste Termin des Jahres

Ein Streifzug durch 24 Abendblatt-Neujahrsempfänge. Mit Erinnerungen der früheren Chefredakteure Peter Kruse und Menso Heyl.

Von Peter Kruse und Menso Heyl

Von Peter Kruse

Es ist ein schöner Anblick: Über dem Dach des Hotels Atlantic wird wieder die grüne Flagge des Hamburger Abendblatts wehen, wenn sich die Gäste zum 25. Neujahrsempfang dieser hanseatischsten aller Hamburger Zeitungen versammeln. Eberhard Möbius, Gründer vom Theater "Das Schiff", hat dieses Zusammenkommen einst komödiantisch und augenzwinkernd "Abendblatt-Befehlsempfang" genannt - alle, die in dieser weltläufigen Stadt etwas zu sagen haben, werden geladen. Und wenn sie nach ein paar Stunden wieder auseinandergehen, sind alle davon überzeugt, auch dem nächsten "Befehl" selbstverständlich zu folgen.

Der einstige Medienbeauftragte des Senats, Paul Otto Vogel, hatte es als Freund der gedruckten Presse auf den Punkt gebracht. Beim ersten Neujahrsempfang 1988 sagte er uns Redakteuren: "Zeitungen kommen meinem Informationsbedürfnis mehr entgegen als das Radio, denn: Schneid dir mal was aus dem Rundfunk aus ..." Ja, das ging uns schreibenden Journalisten wie warmer Honig runter.

Nur ein Jahr später begann eine Zeit, die alles örtliche Geschehen mit einem Male in den Hintergrund drängte. Das Gefüge der betonierten Teilung unserer Welt zwischen Ost und West bekam Risse, bis es endlich zusammenbrach. In meiner Eröffnungsrede appellierte ich, die Stadt, "die von Freiheit und selbst erwirtschaftetem Reichtum profitiert, trägt in dieser Zeit auch Mitverantwortung für das Wohlergehen unserer Nachbarn, die Jahrzehnte nicht das Glück hatten, Teilhaber einer Demokratie zu sein. Es ist unsere Pflicht, diesen Menschen zu helfen."

Obwohl die Welt von damals nur noch vom gewaltigen Umbruch zwischen Ost und West gebannt war, kam der lokalpolitische Kleinkram nicht zum Erliegen. Beim Neujahrsempfang 1991 trafen sich Bürgermeister Henning Voscherau und die schleswig-holsteinischen Stadt-Oberen von Quickborn, Wedel, Elmshorn und Henstedt-Ulzburg. Es war eine recht unterkühlte Zusammenkunft. Die Stadtväter aus den Nachbargemeinden verübelten Voscheraus Ansinnen, einen Teil des Umlandes der Hansestadt zuzuschlagen. Wedels Bürgermeister zum Beispiel verlangte im Gegenzug von Voscherau: "Und ich möchte gern Blankenese haben."

Beim Neujahrsempfang 1992 mischte sich der leitende Reporter von OK-Radio, Herbert Schalthoff, unter die politische Prominenz und fragte: "Haben Sie Angst vorm Abendblatt"? Als Erster antwortete recht launig SPD-Chef Helmuth Frahm: "Ich hab nur Angst vor meiner Frau." Der CDU-Bundestagsabgeordnete Dirk Fischer meinte: "Ich bin mir nicht sicher, ob ich überhaupt schon mal Angst gehabt habe." Henning Voscherau schüttelte den Kopf und sagte: "Nein. Aber manchmal steht etwas in der Zeitung, was nicht stimmt. Das ist beim Abendblatt natürlich ganz selten der Fall." Zuletzt wurde an mich die Frage gestellt, ob Politiker Angst vor dem Abendblatt haben müssten. Ich sagte dem Rundfunk-Kollegen: "Nein, das müssen sie nicht, aber manchmal sollten sie vielleicht doch zittern. Andererseits: Wir wissen doch alle, dass eine Rothaut keinen Schmerz kennt."

Hamburg ist eine reiche Stadt mit einem ungeschriebenen Gesetz: Man redet nicht vom Geld, man hat es. Beim Abendblatt-Empfang 1993 habe ich mit dieser Tradition gebrochen; denn es ging um die Not auf dieser Welt und das Kinderhilfswerk Unicef. Ich appellierte an unsere Gäste: "Ich spreche von dem Geld, das immer vorhanden sein muss, um auch ideelle und humanitäre Werte zu fördern Wir müssen unsere Augen auf die Not jener jungen Menschen richten, die einmal den Platz einnehmen, auf dem unsere und vergangene Generationen manches Unheil angerichtet haben. Wir vom Abendblatt machen heute den Anfang. Wir stellen für die ärztliche Betreuung von kriegsverletzten Kindern in Bosnien aus unserem Fonds 'Von Mensch zu Mensch' 30.000 Mark zur Verfügung." Der Aufruf war ein großer Erfolg. Am Ende unseres Neujahrsempfangs standen die Gäste Schlange und spendeten. Es kamen mehr als 400.000 Mark an Hilfsgeldern zusammen.

Die 90er-Jahre werden wohl - jedenfalls vom Gefühl her - als die schnellsten unserer Zeit in die jüngere Geschichte eingegangen sein. Unsere Gäste von 1994 konnten wir mit dieser Schlagzeile empfangen: "Rot und Grau gleich Voscherau!" Mein Fazit hieß: Unter uns sind die STATTianer, aber bitte nicht verwechseln mit Stadt-Indianern. Denn: Rothäute sind sie nicht, obwohl sie mit Rot kooperieren. Sie haben sich die Farbe Grau gegeben. Graue Panther sind sie allerdings auch nicht, dafür sind sie nicht alt genug. Aber mit Panthern haben sie schon etwas gemein: Plötzlich waren sie da aus dem politischen Unterholz kommend. Doch so schnell, wie sie gekommen waren, verschwanden sie wieder - eine lokalpolitische Episode.

Stolz konnten wir in jener Zeit sein auf ein Projekt, das wir auf die Beine gestellt haben und das in unserem Grundsatz von Anfang gestanden hat, die Heimat im Herzen zu haben. Wir haben mitgeholfen, die 20 überlebensgroßen Kaiser aus Bronze an der Rathaus-Fassade vor weiterem Verfall zu retten. Innerhalb von fünf Tagen fand unsere Redakteurin Susanne von Bargen Hamburger Paten, die viel Geld gaben für die Restaurierung der alten Herren.

Beim Neujahrsempfang unserer Zeitung im Jahr 2000 zitierte ich in der Begrüßung aus einem gerade erschienenen Buch: "Diese Stadt, also Hamburg, wird von der Sozialdemokratie gemeinsam mit dem Hamburger Abendblatt regiert." Schmunzelnd kommentierte ich diese Behauptung mit dem Satz: "Sehr geehrter Herr Erster Bürgermeister, lieber Herr Ortwin Runde, wäre es so wie in dem Buch behauptet, würden wir Ihnen erhebliche Schwierigkeiten bereiten können. Denn uns wählen täglich 300.000 Hamburger, rund 5000 mehr, als die SPD bei der letzten Bürgerschaftswahl erhalten hat."

Das Hamburger Abendblatt wird in diesem Jahr 65 Jahre alt. Besser gesagt: jung. Als der Gründer dieser Zeitung, Axel Springer, um die Genehmigung zur Herausgabe einer Zeitung bat, fragte ihn der damalige Bürgermeister Max Brauer: "Axel, wie viel Geld hast du eigentlich?" Der Jungverleger antwortete: "Ich habe 40 Mark, wie alle anderen Menschen in unserem Land." Damals sammelten die Leser das Abendblatt, stapelten es zu Paketen, brachten diese zu einer Papierfirma, die daraus Koffer presste. Mit diesen Koffern gingen die Hamburger zu den britischen Besatzungssoldaten und tauschten sie gegen Zigaretten und Lebensmittel ein.

Als ich diese kleine Episode beim Neujahrsempfang im Jahre 2000 unseren Gästen erzählte, bekamen manche feuchte Augen.

Peter Kruse war Abendblatt-Chefredakteur von 1989 bis 2001

Von Menso Heyl

Was ein Hamburger Jung empfindet, der auf seine erste Neujahrsansprache als Chefredakteur des Hamburger Abendblatts zusteuert, das vergisst er nie. Wie er mit heißem Herzen gehofft hat, der Zeitungsgott möge ihm gnädig sein. Den brennenden Wunsch, das Besondere seines Blattes weiterentwickeln zu können. Dessen Erfolg - den andere bauten, auf deren Schultern er steht - erhalten zu können. Und er wünscht sich natürlich, dass die See ruhig bleibt, damit die Reise nicht so ruppig wird.

Mancher Wunsch platzt schnell. So hören fast 1000 Menschen auf dem Neujahrsempfang vor elf Jahren als Erstes: "Hinter uns liegt das Jahr, in dem ein Septembertag zum historischen Datum wird, das Jahr, in dem wirtschaftliche Hochstimmung der Ernüchterung weicht und der Blick auf Börsennachrichten schmerzt. Das Jahr, in dem im Hamburger Rathaus eine Epoche endet und in dem eine neue Senatsmannschaft startet, die von der Hoffnung auf eine andere Politik getragen wird. Es war eine den Atem raubende Achterbahnfahrt der Ereignisse." Der 11. September, an dem Terroristen in New York auf einen Schlag 3000 Menschen töteten: ein neues Pearl Harbor. Nichts ist mehr wie vorher. Börsen gehen in die Knie, stürzen später noch tiefer, der "double dip" entkräftet Anlageweisheiten, vernichtet Ersparnisse. Und was Hoffnung in der Politik betrifft, ist man hinterher sowieso klüger.

Schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten - für die Auflage manchmal ja. Aber das Nachrichtengeschäft kann abhärten, wie es will, so cool darf doch keiner werden, dass er nicht mehr empfindet, was die Nachrichten wirklich bedeuten.

Was ist dieser Neujahrsempfang eigentlich? Anachronistisch vielleicht. Jedenfalls aufwendig, teuer. Noch ganz analog. Wer 1000 Hände schüttelt, der spürt nach der Hälfte die eigene Hand taub werden. Blicke gehen direkt in die Augen des Gegenübers. Nur eine Rolle ist allen gemeinsam - die des Abendblatt-Lesers. Ansonsten spielt jeder Gast eine besondere Rolle, die eigene. Jeder Lebensbereich ist vertreten. Wenn's gut läuft, wird der Saal des Hotels Atlantic, wo bis 2008 der Empfang fast immer stattfand, zu einer Hamburger Agora, einem Marktplatz des Austauschs, dem antiken Geburtshelfer der Demokratie.

Die Rede, die der Chefredakteur hält, dient der Darstellung des Blattes, auch dessen Positionierung. Die Stadt erwartet vom Chefredakteur ihrer größten und wichtigsten Tageszeitung Wegmarkierung, ob es um Weltgeschehen geht oder um das Wohl Hamburgs. So jedenfalls war meine Auffassung.

Dort sind für zwei, drei Stunden alle vor allem Hamburger Gemeinde. Eine Chance für den Redner? Im Januar 2003, einem von Krisenstimmung geprägten Jahr, in dem später der Irak-Krieg beginnt, wagt das Feuilleton der "Frankfurter Allgemeinen" einen Blick auf diesen Schauplatz von Hamburger Psychologie. Das ist für Nicht-Hamburger exotisch wie eine Flussfahrt ins Herz von Afrika. "Pessimismus ist Verrat" lautet ihre Überschrift, und die Frankfurter wundern sich, dass hier Optimismus eingefordert wird als "Bürgerpflicht". Ja, "die Hamburgische Bürgergesellschaft ist quicklebendig" (Helmut Schmidt), aber andererseits ist ihr "Beharrungsmoment oft größer als der Fortschrittsdrang". Und weil es auf den Neujahrsempfängen eben darum geht, landen Zitate von dort manchmal auf Buchseiten (Theo Sommer: "Hamburg"): "Der Adler ist unser Wappentier, nicht der Wachtelkönig."

Der Vogel nistet auf Feldern südlich der Elbe, zu seinem Schutz wurde vor Jahren der Neubau von 3000 Wohnungen gestoppt. Und auch noch eine Autobahn musste um sein Dasein herumgeführt werden. So wurde er zum Synonym für Hamburger Beharrungsvermögen. Für den Vogel von damals Verständnis aufzubringen fällt immerhin noch leichter, als heute darüber zur Tagesordnung überzugehen, dass sich demnächst im Hamburger Hafen weniger Kräne drehen. Umweltverbände haben die Elbvertiefung per Gerichtsbeschluss gestoppt. Und davon hängt dessen Zukunft ab. Schon fragen Hamburger per Lesermail nach der juristischen Legitimation der Klageführer: "Die Einführung des Verbandsklagerechtes 2002 hat ganz offenbar Tür und Tor der Gerichte für Positionen hoch spezialisierter Organisationen geöffnet, die mit ihren völlig einseitig auf Umweltbelange ausgerichteten Klagen die Gewichte vor Gericht so verschoben haben, dass die Interessen der Mehrheit der tatsächlich betroffenen Bürger in den Hintergrund geraten sind."

Reflexion über das vergangene Jahr, Wegweisung für das kommende - einmal war alle Vorbereitung Makulatur. Am zweiten Weihnachtsfeiertag 2004 löste ein Erdbeben im Indischen Ozean gewaltige Flutwellen aus. Durch das Beben und seine Folgen starben 230.000 Menschen. Der Tsunami brach auch über die Küsten von Touristen-Gebieten herein, wo viele Urlauber eine Kamera zur Hand hatten. Die Bilder erschütterten die ganze Welt. Diesmal musste die Neujahrsansprache der Aktualität dienen. Es wurde ein Aufruf zur Aktion "Hamburg hilft". "Die Bilder, die wir Weihnachten im Fernsehen sahen, waren so erschreckend, ich wollte nicht nur dasitzen und zusehen", erinnert sich der damalige Geschäftsführer vom Arbeiter-Samariter-Bund, Knut Fleckenstein, "und die Aktion ,Hamburg hilft' hatte ja bei der Elbeflut 2002 schon gut geklappt. Warum nicht noch einmal?" Die Hamburger machten ihr Herz und ihre Taschen auf. Senat, ASB, Deutsches Rotes Kreuz, Johanniter, HH1-Fernsehen, NDR und Abendblatt arbeiteten eng zusammen und kontrollierten über drei Jahre die Verwendung der Gelder vor Ort. 1,3 Millionen Euro wurden an 20 Hilfsprojekte gegeben.

2008 begann die Rede auf dem Neujahrsempfang mit einem Traum: Angela Merkel und Kurt Beck kommen gemeinsam in den Himmel, der voller Uhren hängt. "Was sind denn das für Uhren hier?", fragt Merkel. Petrus antwortet: "Jede dieser Uhren gehört zu einer Regierung. Und wenn die einen Fehler macht, rücken die Zeiger vor." "Wo ist denn die deutsche Uhr?", fragen Merkel und Beck im Chor. Petrus antwortet: "Die hängt in der Küche - als Ventilator." Die Rede handelt dann von der Welle an Vorschriften, Verordnungen und Gesetzen, die auf Land und Bürger niedergehen, und von der Einschränkung der Freiheit, die das zur Folge hat.

Es wurde meine letzte Neujahrsrede als Chefredakteur. Was ich damals noch nicht wusste. Aber das ... "is'n Klacks för so'n Hamborger Jung".

Menso Heyl war Abendblatt-Chefredakteur von 2001 bis 2008

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