08.12.12

Der rote Faden

Leidenschaft Fußball - Wie der Vater, so der Son

Der 20-jährige koreanische Jungstar des HSV, Heung Min Son, hat den Durchbruch geschafft: auf dem Fußballplatz - aber auch im Alltag.

Von Hans-Juergen Fink und Kai Schiller
Foto: Marcelo Hernandez
Roter Faden mit  HSV-Profi Heung-Min Son
Heung Min Son, hier in der Umkleidekabine des HSV, mag keine Interviews. Nett, dass er dem Abendblatt trotzdem eins gegeben hat

Der rote Faden zieht sich durch die Stadt: Er verbindet Menschen, die einander schätzen, bewundern, überraschend finden. Sie entscheiden, an wen sie ihn weiterreichen: an andere, die hier arbeiten, die Besonderes für diese Stadt leisten, die in Hamburg als Vorbilder gelten. Heung Min Son bekam den Faden von Nappa Weger und gibt ihn weiter an Dirk Rosenkranz.

Heung Min Son, 20, will Fußball. Dafür tut er alles. Einen Plan B hat er nicht, und läuft alles weiter so gut für ihn, wird er ihn in den nächsten Jahren kaum brauchen. Fußball ist sein Tor zur Welt, und Son hat es mutig durchschritten. Spätestens 2008, als ihn der Spielerberater Thies Bliemeister und U23-Trainer Soner Uysal in Seoul entdeckten. Und weil es ein Kooperationsprogramm zwischen dem HSV und dem südkoreanischen Fußballverband gibt, konnten sie ihn ins vereinseigene Fußball-Internat nach Hamburg holen. Da war Son 15. Und spielte schon für sein Land, holte mit der U16-Nationalmannschaft den zweiten Rang bei der Asienmeisterschaft in Usbekistan.

Schon im Alter von vier Jahren hatte er kleine Bälle herumgekickt. Mit acht Jahren dem Vater getrotzt, der selbst mal Profi und Nationalspieler war und ihn warnte: Fußball sei eine sehr schwierige und anstrengende Sache. "Aber davon hatte ich damals keine Ahnung", sagt er heute und lacht. "Ich hab geantwortet: Egal, ich schaff das." Der Vater war das erste Vorbild, "obwohl ich ihn nie spielen sah", er wurde Sons erster Lehrer und Trainer und ist heute ebenfalls in Hamburg, sein engster Beobachter, Kritiker und Berater.

Das war 2008 erst mal anders. In der Heimat träumte Son vom Aufbruch in andere Dimensionen. Als sie ihn fragten, ob er nach Hamburg wolle, sagte er nur: "Ja, sofort." Mit dem Vater hatte er schon darüber geredet: "Papa, was hab ich zu verlieren? Wenn ich Gas gebe und das schaffe, bleib ich da, wenn nicht, komme ich wieder zurück." Der Mutter sagte er: "Sorry, Mama, dass ich dich verlasse." Und im Kopf hatte er: "Ich will im Fußball richtig was erreichen - auch für meinen Papa, der das nicht konnte, weil er verletzt war."

Dann ist Sonny, wie der Youngster bald nur noch genannt wird, in Hamburg. Im Internat, Einzelzimmer, und sprachlos, "weder Englisch noch Deutsch", Buchstaben sagen ihm nichts. Zwei Stunden Sprachunterricht pro Tag helfen ihm, und bald kann er erkennen, wohin die Busse vom Leistungszentrum in Ochsenzoll fahren - Poppenbüttel, Garstedt oder Norderstedt. Er beißt sich durch, "es war eine sehr schwere Zeit". Heute versteht er alles und kann fließend Deutsch.

Damals lebte er in einer anderen Welt, in der überall kleine Abenteuer lauerten. Der Frühstücksschock: kalte Käsebrötchen, wo doch in Korea ohne warmen Reis und Suppe am Morgen gar nichts geht. Das ungewohnte Händeschütteln verwirrt ihn, in Korea senkt man zur Begrüßung den Kopf vor dem Älteren. Einen Älteren duzen? Unmöglich! Respekt ist wichtig, in Deutschland sieht er den nicht überall.

Im Internat fühlt er sich nicht selten allein, manchmal auch traurig. Der Fußball reißt ihn da heraus. Schon bald sieht er: Hier wird ganz anders gearbeitet: Individualtraining, Internatstraining, Mannschaftstraining, Trainingspläne, Ernährungspläne, Fitnesstests und vor allem Eigenverantwortung. Er bekommt schnell einen Eindruck davon, was Professionalität im Jugendbereich in Deutschland bedeutet. Und sagt damals dem Abendblatt: "Hier ist alles besser. Am liebsten würde ich für immer in Deutschland bleiben."

Zwei Jahre später spielt er zum ersten Mal bei den HSV-Profis mit. Bekommt zum 18. Geburtstag einen Vertrag für zwei Jahre. Der nach nur wenigen Wochen gleich um zwei weitere Jahre verlängert wird - bis 2014. Plötzlich ist er Millionär. Denn er kann genau das, was nach Spielende zählt: Tore schießen. Eines gleich in seinem ersten Bundesligaspiel im Oktober 2010 gegen Köln. Im November, gegen Hannover 96, sind es schon zwei. Und in der laufenden Saison ist er mit bisher sechs Treffern der erfolgreichste HSV-Torschütze.

Der Star, der unter seiner Pilzkopf-Frisur deutlich jünger aussieht als die 20, die er ist, wird erwachsen. Eigene Wohnung in Eppendorf. Den Führerschein hat er seit Kurzem, und einen schmucken Audi TTS, mit dem er - wird berichtet - anfangs sehr kreativ gefahren sei. Er pflegt aber auch seine koreanischen Wurzeln. Freut sich, wenn Mama koreanisch kocht. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht, wenn er davon erzählt. Am liebsten mag er die scharfe Suppe mit Gemüse und Fleisch und mit Kimchi, dem scharf eingelegten Chinakohl. Son geht gern und oft essen, durchaus international. "Zum Döner-Laden um die Ecke, zum Italiener, zum Griechen." Natürlich kennt er die koreanischen Restaurants der Hansestadt, am liebsten geht er ins Han-Mi an der Rentzelstraße. Er ist gern mal unterwegs, geht ins Kino mit Kumpeln aus der Mannschaft wie Tolgay Arslan, Robert Tesche, Ivo Ilicevic.

In Hamburg geht das locker, Kreisch-Alarm der Fans muss er hier nicht fürchten. In Korea schon eher, da ist er längst ein Superstar. Als er im Sommer mit dem HSV zum Peace-Cup nach Seoul flog, warteten am Flughafen 50 Reporter auf den jungenhaften Profi. Liebesbriefe und Päckchen mit Süßigkeiten bekommt er nicht nur dort zuhauf, sie werden ihm auch nach Hamburg geschickt, "jeden Tag bekomm ich ein paar davon", sagt er und möchte sich bedanken bei seinen Fans.

Auch indiskrete Reporterfragen beantwortet er geduldig: War unter den Briefen schon ein Heiratsantrag? Er lacht: "Nein, noch nicht." Wird er in Deutschland manchmal auf der Straße angesprochen? "Ja, von Mädchen." Gibt es auch mal private Kontakte? "Ehrlich, ich kenn hier keine Frau, weil ich ja meistens mit den Jungs unterwegs bin." Hat er Vorbilder? Da greift Heung Min Son ganz locker in die oberste Schublade: Cristiano Ronaldo, den mag er mehr als Messi. Er hat gehört, dass Ronaldo der härtere Arbeiter sei, das mag er.

Die großen Namen sind näher gerückt, auch wenn er sich noch an die Zeit erinnert, als er das Nesthäkchen unter den HSV-Profis war. Ruud van Nistelrooy, 16 Jahre älter als Son, hatte ihn da unter seine Fittiche genommen, "er hat mir sehr viel geholfen, war manchmal bei mir, hat SMS geschrieben und mir etliche Male guten Rat gegeben". Trotzdem habe er immer noch großen Respekt gegenüber den älteren Kollegen. "Manchmal traue ich mich kaum, die was zu fragen oder ihnen etwas zu sagen."

Das HSV-Idol Uwe Seeler hat er schon mal getroffen, den würde er gern mal in seiner Glanzzeit als Spieler erlebt haben. Als er erfährt, dass die Zuneigung der Fans auch daher rührt, dass Seeler dem Verein über 19 Jahre treu geblieben ist, rutscht ihm heraus: "Ist ja krass!"

Für Son sind größere Aufgaben längst Teil seines Traums: die europäischen Wettbewerbe, um auch gegen Mannschaften mit ganz großen Namen zu spielen. Der Fußball-Himmel wird für ihn immer greifbarer. Einen Ritterschlag hat er in Korea bekommen, als er Bum-Kun Cha traf, der 1978 nach Deutschland kam, erst zu Darmstadt 98, dann zur Eintracht Frankfurt. Cha machte in 127 Länderspielen 55 Tore und wurde "Asiens Fußballer des 20. Jahrhunderts". Son hat kaum ein Wort herausgebracht, als er ihm gegenüberstand und Cha sagte: "Ich bin sehr stolz auf dich." Bis auch er Legendenstatus hat - das weiß er -, muss er noch hart arbeiten. "Diese Saison ist bislang ganz gut für die Mannschaft und auch für mich." Nach seinen sechs Toren sind aber auch die Erwartungen enorm gestiegen, "ich versuch da einfach ruhig zu bleiben. Auf dem Platz vergess ich sowieso alles." Die Unruhe kommt nach dem Spiel zurück, wenn er nur schwer abschalten und einschlafen kann.

Gibt es bei seinem Traumjob irgendetwas, was er so gar nicht mag? Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: "Interviews." Aber er kann sich arrangieren; Gespräche mit Journalisten gehören eben dazu. Wie Händeschütteln oder Frühstück mit kalten Brötchen.

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