Kirche

Hält der Glaube uns gesund?

Es gibt Studien, die einen Zusammenhang zwischen Religion und guter Gesundheit aufzeigen. Was ist dran an solchen Untersuchungen?

Religiöse Menschen seien psychisch stabiler. Regelmäßige Gottesdienstbesucher lebten länger – immer wieder gibt es religionsmedizinische Studien, die einen Zusammenhang zwischen Glaube und guter Gesundheit behaupten, und ebenso Kritiker, die das anzweifeln.

Die meisten dieser Studien stammen aus den USA, vor allem von Professor Harold G. Koenig und seinem Team. Der Psychiater leitet an der Duke-Universität in Durham das Center for Spirituality, Theology and Health und erforscht die Zusammenhänge zwischen Religion und Gesundheit. Sein Ergebnis: Gläubige sind von Suchterkrankungen oder auch Depressionen weniger stark betroffen und seltener suizidgefährdet. Außerdem bescheinigt er religiösen Menschen auch ein gesünderes Herz und ein besseres Immunsystem. Der Wiener Psychiater Raphael Bonelli, der gemeinsam mit Koenig geforscht hat und die Forschungsgruppe Neuropsychiatrie an der privaten Sigmund-Freud-Universität Wien leitet, fasste es gegenüber dem "Spiegel" einmal so zusammen: "Wenn Religion eine Pille wäre, dann wäre sie heute wohl als Medikament zugelassen."

Genau dagegen allerdings verwahren sich andere Forscher und weisen darauf hin, dass sich Religion oder Glaube eben nicht überprüfen lassen wie ein Medikament, das in Testreihen im Vergleich mit einem Placebo auf seine Wirkung hin untersucht werden kann. "Will man wissen, ob Religion an sich – und nicht der ­Lebensstil, den sie mit sich bringt – gut für einen ist, dann wird die Datenlage sehr dünn", sagt der Psychologe Michael King, Professor am University College in London. Manche unterstellen Harold G. Koenig ein interessegeleitetes Forschen mit dem Hinweis darauf, dass die private Duke-Universität der Kirche nahesteht und im amerikanischen Bible Belt, einem stark evangelikal geprägtem Gebiet, liege.

Aber auch Koenig und Bonelli beschreiben, dass die Gründe für ihre positiven Ergebnisse nicht eindeutig sind. Es ist nicht automatisch der Glaube an sich, der gesund macht, sondern häufig einfach die gesündere Lebensweise gläubiger Menschen.

Sehr anschaulich wird das am Beispiel der Mönche vom Heiligen Berg Athos in Griechenland. Eine Studie der Universität von Thessaloniki belegte die robuste Gesundheit der Ordensbrüder: Sie zeigten sich deutlich weniger anfällig für Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Alzheimer. Die Forscher selbst vermuteten dahinter allerdings ganz profane Ursachen: ein stressfreies Leben mit durchweg gesunder Ernährung, viele der Nahrungsmittel sind aus eigenem Anbau.

Religiöse Menschen können Krisen oft besser bewältigen

Was auf Mönche in ganz besonderer Weise zutrifft, gilt abgeschwächt auch für gläubige "Normalos". Nachgewiesen werden kann, dass Meditationen helfen, Puls und Muskelspannung zu senken – genauso übrigens wie säkulare Entspannungstechniken.

Neben dieser Verhaltenshypothese werden zudem die Beziehungs- und die Bewältigungshypothese (Kohäsions- und Kohärenz­hypothese) angeführt, sprich: Religiöse Menschen sind besser in Gemein­schafts­strukturen eingebunden, und sie haben ein gutes Potenzial zur Bewältigung des Alltags, auch von Krisensituationen.

Alles Faktoren, die eine stärkende und heilende Wirkung entfalten können und sich positiv auf das gesamte Wohlbefinden auswirken. Insofern hat die Frage nach der Religiosität bzw. der Verwurzelung in einem festen Wertekanon auch in der Resilienzforschung ihren festen Platz.

Bonelli verweist aber auch ­darauf, dass Glaube nicht nur ­gesund, sondern auch krank ­machen kann: Dann nämlich, wenn die religiöse Praxis nicht aus eigener Überzeugung, sozusagen von innen heraus (intrinsische Religiosität), sondern durch äußeren Druck entsteht (extrinsische Religiosität) – also zum Beispiel aus Angst vor Konse­quenzen oder aus dem Gefühl, sich Liebe verdienen zu müssen. Solche krank machenden Auswirkungen sind allerdings deutlich seltener zu beobachten.

Dass Glaube per se gesund macht, kann mit Studien also nicht wirklich überzeugend überprüft werden. Generell aber hat sich auch in unserem Kulturkreis die Erkenntnis durchgesetzt, dass psychische und soziale Faktoren beim Thema Gesundheit und Heilung eine Rolle spielen.

Auch wenn es "nur" die von Religionsausübung bestimmten Verhaltensweisen sein sollten, die – übrigens religionsübergreifend – dem Körper und der Seele wohltun, ist ja auch das ein durchaus vielversprechendes Ergebnis.

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