Kirche

Gebete helfen bei der Genesung

Die Religion ist ein Schutzfaktor,um Menschen widerstandfähiger zu machen, und der Dialog mit Gott hat Heilungskräfte, sagt die Theologin Maike Schult

Dr. Maike Schult ist Privatdozentin an der Theologischen Fakultät der Universität Kiel. Ihr Schwerpunkt ist der Bereich Seelsorge und Religionspsychologie.

Sie haben im Bereich Resilienz, der psychischen Widerstandskraft, geforscht. Wieweit kann der Glaube Menschen gesund halten?

Maike Schult: Zu den Schutzfaktoren von Menschen wird auch die Religion beziehungsweise die Bindung an ein Sinnsystem gezählt. Glauben kann die Widerstandskraft stärken, sodass eine Person dadurch zum Beispiel mit Schicksalsschlägen besser umgehen kann.

Sind gläubige Menschen psychisch stabiler?

Nein, das würde ich nicht generell sagen. Aber Glaube und vor allem eine Gemeinschaft kann stabilisieren und Halt und Geborgenheit geben. Eine religiöse Erziehung kann aber auch destruktive Folgen für eine Person haben und sie eher destabilisieren. Es gibt ja auch Neurosen, die durch kirchliche Vorstellungen ausgelöst werden.

Aber kann der feste Glaube an etwas, zum Beispiel auch an die nicht nachweisbare Wirkung von homöopathischen Mitteln, mich nicht auch heilen?

Selbstheilende Kräfte gibt es auf jeden Fall. Vor allem Optimismus und die Vorstellung, dass eine Krise zum Leben gehört, man sie jedoch bewältigen kann, hilft Menschen, widerstandsfähiger zu sein. Und es hilft auch, wenn sie sich von Allmachtsfantasien verabschieden, dass jeder gesund werden kann und es irgendwann keine Krankheiten mehr gibt. Es ist ein Geschenk, wenn man geheilt wird, aber ich kann es nicht herbeireden oder mir erkaufen.

Glauben Sie, dass Gebete bei der Genesung helfen können?

Ja, denn ein Gebet ist ein Dialog. Ich trete aus meinem Alleinsein heraus und rede mit einem Gegenüber, ob das nun real ist oder nicht. Und ein Gebet ist nicht nur mit Hoffnung verbunden, sondern kann auch einen Raum für Klage geben und damit Entlastung bieten. Ich glaube, wenn Menschen sich an eine dritte Größe, also Gott, wenden, dass ihnen das auch hilft, mit der eigenen Endlichkeit zurechtzukommen. Glaube ist in dem Sinne auch eine Bewältigungshilfe. Von Heilungsgottesdiensten halte ich persönlich allerdings nichts. Weil dort Versprechen gemacht werden, die nicht eingehalten werden können.

Jesus war ja laut Bibel ein Wunderheiler, er hat Blinde sehend gemacht und alle möglichen Gebrechen geheilt. Wie ist das zu verstehen?

Dass das Heilen von Gebrechen und psychischen Krankheiten zu Jesus gehört, ist klar. Wenn man sich die Geschichten dann im Einzelnen anschaut, geht es eher darum, dass die Menschen sich gesehen fühlen und in eine Gemeinschaft zurückgebracht werden. Es geht nicht immer um ein medizinisches Wunder. Manches ist sehr archaisch formuliert, zum Beispiel die Szene, in der Jesus einem Blinden Lehm und Spucke auf die Augen schmiert. Das hat sicher medizinische Zwecke, aber da geht es auch um Berührung und darum, jemanden aus der Tabuzone wieder in die Gesellschaft zu integrieren.

Mir gefällt auch die Heilung des besessenen Geraseners, der nicht mehr er selbst ist, sondern sich von einem Dämon besessen fühlt und durch die Begegnung mit Jesus wieder zur Vernunft kommt. Das ist zum Beispiel als Heilung eines Traumatisierten gedeutet worden. Er soll als einer der wenigen auch ausziehen und davon erzählen. Das ist selten, denn die meisten Wunder in der Bibel sind sehr zurückhaltend erzählt, sie sollen nicht zum Event hochstilisiert werden. In biblischen Geschichten geht es darum, die Beziehung zu Gott wieder in Ordnung zu bringen, und dadurch werden die Betroffenen dann gesund. Sie glauben aber nicht an Gott, um gesund zu werden. Das ist ein Unterschied.

Die Wunder der Bibel sind lange her, aber es gibt ja auch Wallfahrtsorte wie Lourdes, zu dem bis zu 50.000 Schwerkranke pro Jahr fahren. Die katholische Kirche hat 69 Heilungsberichte als Wunder anerkannt...

Als Lutheranerin bin ich, was das angeht und alles Magische, etwas nüchterner. Aber ich denke, dass die Wirkung schon dadurch entsteht, dass eine Projektion auf diese Orte vorhanden ist und dass die Reise dorthin und die Gemeinschaft, die die Menschen erleben, gewisse heilende Kräfte in ihnen mobilisieren.

In der Bibel gehören der Verkündungs- und Heilungsauftrag zusammen. Hat die Kirche die Hälfte ihres Jobs vergessen, wenn sie "nur" noch predigt, aber nicht mehr heilt?

Ich fände es ganz wichtig, dass die Kirchen der Seelsorge und dem gesamten religionspsychologischen Bereich mehr Aufmerksamkeit, Zeit und Geld widmen würden und diese Themen in der Gesellschaft mehr öffentlich machten. Sie leisten tatsächlich aber schon viel, oft eher im Verborgenen, sei es in der Notfall- oder Krankenhausseelsorge oder im Hospiz, und sorgen dafür, dass Menschen Zuwendung erfahren, ob das Kranke sind oder auch das Personal, das mit einer Situation überfordert ist.

Der Theologe Constantin Klein von der Uni Bielefeld findet das nicht so gut. Er plädiert für eine klare Trennung von Heilung und Seelenheil, für das eine seien Mediziner, für das andere Geistliche zuständig.

Das widerspricht aber einem boomenden Trend, der "Spiritual Care" genannt wird. Dort wird versucht, beide Bereiche ganzheitlich zu verbinden und sie interkulturell und interreligiös zu öffnen. Gerade in der Onkologie ist es sinnvoll, die spirituelle Ebene von Anfang an dabei zu haben, denn bei Krebs geht es ja oft um existenzielle Fragen. Und viele Menschen leiden darunter, dass sie mit ihrem Arzt nicht auch über die aus der Erkrankung resultierenden Zweifel und Verunsicherungen sprechen können. Da ist es wichtig, dass Kliniken Ansprechpartner dafür haben, denn auch Psychologen sind nur bedingt dafür ausgebildet. Das Erzählen ist oft eine heilsame Erfahrung. Ich kann medizinisch professionell versorgt sein, aber um mich besser zu fühlen, brauche ich vielleicht jemanden, der sich mir auch menschlich zuwendet und mit mir redet. Nur, das ist in den auf Effizienz getrimmten Kliniken oft nicht möglich und somit die Aufgabe von Seelsorgern. Und da gibt es zum Glück ein neues Bewusstsein dafür, dass Religion nicht überholt ist und manchmal auch hilft, gesund zu werden.

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