Kirche

Der Smartphone-Knigge

Wenn Kinder und Jugendliche immer online sind, macht das Erwachsene ratlos. Tipps für einen bewussten Umgang damit

Jugendliche und ihre Smartphones scheinen häufig eine untrennbare Einheit zu bilden. Ob sie zur Geburtstagsfeier eingeladen sind oder mit der Familie am Abendbrottisch zusammensitzen, das Gerät wird höchst ungern beiseitegelegt. Und Aufforderungen seitens der Eltern enden nicht selten im Streit. Wie man einen angemessenen Umgang mit den modernen Medien finden kann und was auch die Eltern dafür tun können, erklärt Diplom-Psychologin Ulrike Peschau. Sie bietet zu diesem Thema Kurse in der Ev. Familienbildung Harburg an.

1Was sollten Eltern vor der Aufstellung von Smartphone-Regeln bedenken?

Ulrike Peschau: Zunächst sollten sich Eltern überlegen, wie sie sich den Umgang in der Familie vorstellen. Sich fragen: Wie kommunizieren wir eigentlich miteinander, schauen wir selbst auch immer auf einen Bildschirm, wenn wir mit den Kindern sprechen, welche Zeiten richten wir ein, um etwas gemeinsam zu machen? Das ist eine Frage der eigenen Familienkultur.

2Welche Grundregeln sollte es für den Gebrauch der Smartphones geben?

Erst nach der Beendigung der Grundschulzeit sollten Kinder überhaupt ein Smartphone bekommen. Zu einem früheren Zeitpunkt sind sie mit dem, was an Inhalten auf sie zukommt, noch überfordert. Und auch in der ersten Zeit sollten Eltern ihre Kinder beim Umgang mit dem Handy begleiten und ihnen Regeln mitgeben. Sie sollten ihrem Nachwuchs erklären: Wir wollen das Passwort wissen, denn wir müssen ab und zu nachsehen, was in den sozialen Medien los ist, bei denen du angemeldet bist. Das geschieht zu deinem Schutz. Wenn du Texte schreibst, dann so, als würdest du direkt mit jemanden sprechen. Das heißt, niemanden schlechtmachen oder andere beleidigen. Verschicke keine Fotos, auf denen jemand nackt ist. Es gab schon Fälle, da haben Kinder aus Spaß Fotos auf dem Schulklo gemacht und sie weiterverbreitet. Mit drastischen Folgen: Die Kinder mussten die Schule wechseln. Eine weitere wichtige Abmachung lautet: Bitte gehe immer ans Telefon, wenn wir dich anrufen.

3In welchen Situationen ist das Smartphone absolut tabu?

Zur Schlafenszeit sollten alle Medien ausgeschaltet sein, und bei Jüngeren sollte das Smartphone nicht im Kinderzimmer bleiben. Ein absolutes Handyverbot gilt auch für den Schulunterricht. Die Schulen haben das meist individuell geregelt. Kinder müssen auch vermittelt bekommen, dass in bestimmten Räumen wie im Theater, Restaurant und in der Kirche keine Handys benutzt werden, aus Höflichkeit und Respekt gegenüber anderen Menschen. Zum Schutz der Familienkommunikation sollte auch beim Essen in der Familie kein Handy benutzt werden. Das gilt sowohl für Kinder als auch für Erwachsene, es darf aber Ausnahmen geben, wenn sie vorher abgesprochen wurden.

4Sollte man Regeln schriftlich festlegen, eine Art Vertrag schließen?

Das nur im äußersten Notfall, denn solche Hilfsmittel sind schnell abgenutzt. Wenn der Vertrag nicht klappt, was soll dann folgen? Erziehung hat viel mit Vertrauen zu tun. Man sollte eher überlegen, was ich meinem Kind bereits zutrauen kann. Wenn Abmachungen nicht funktionieren, sollte man sich mit den Kindern zusammensetzen und gemeinsam auf Augenhöhe besprechen, was man ändern kann. Vorwürfe bringen nichts.

5 Welche Zeitbegrenzungen sollten für die Nutzung von digitalen Medien gelten?

Für Zwölfjährige sollte die Nutzung aller Medien, wie Smartphone, PC oder TV insgesamt nicht mehr als zwei Stunden betragen. 14-Jährigen kann man mehr Zeit gewähren, solange weder die Schule noch Freundschaften oder Hobbys darunter leiden. Bei 16-Jährigen kann man nur noch signalisieren: Ich bin da, wenn du mich brauchst. Und ansprechen, wenn etwas auffällig ist, so etwa, wenn der Jugendliche extrem viel Zeit mit den Medien verbringt.

6Nutzen Jugendliche das Smartphone anders als Erwachsene?

Vielen Erwachsenen dient es dazu, Alltagsdinge zu regeln. Jugendliche, besonders Mädchen, nutzen es mehr für die soziale Kommunikation. Doch je jünger sie sind, desto stressiger kann es werden. Denn weil sie nichts verpassen wollen, sind sie immer online. Zudem ist das Kontaktverhalten sehr einseitig. Kinder müssen aber auch lernen, wie finde ich Freunde, wie entwickelt man eine Beziehung. Viele Follower bedeuten nicht, echte Freunde zu haben. Das gilt auch für Erwachsene. Fragen Sie sich: Wann bin ich das letzte Mal mit Freunden ausgegangen?

7Wie können Eltern gute Vorbilder sein?

Wenn sie beispielsweise demonstrieren, dass auch sie nicht immer erreichbar sind, auch mal das Klingelzeichen abstellen und nicht auf jede SMS sofort reagieren. Wenn sie zeigen, jetzt ist mein Kind wichtiger, für es habe ich jetzt Zeit. Es sollte auch medienfreie Zeiten in der Familie geben. Stattdessen kann man Kinder anregen, mal einen echten Brief zu schreiben, etwas zu malen oder ein Spiel zu spielen. Auch Langeweile ist nützlich, denn sie weckt Kreativität.

Nächster Kurs: Mein Kind und sein Smartphone, 8.5., 18–19.30 Uhr, 6 Euro, Evangelische Familienbildung Harburg, Hölertwiete 5, Infos und Anmeldung: T. 519 00 09 61, info@fbs-harburg.de

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