Kirche

Kolumne

Pröpstin Astrid Kleist über eine individuelle Art Lotto zu spielen und besondere Lebensmomente

Ich war doch verblüfft, als eine Freundin am Ende eines gemeinsamen Wochenendes einen Lottoschein zückte. Auf meine Nachfrage erzählte sie, das habe sie von ihrer italienischen Schwiegermutter gelernt. Diese nämlich habe die Gewohnheit, nach besonders prägenden Erlebnissen Lotto zu spielen. Und zwar stets mithilfe von Zahlen, in denen sich für sie etwas von dem Erlebten ausdrückt. Das können Geburtstagsdaten sein, eine Hausnummer, die PIN der EC-Karte oder eine Telefonnummer. Manchmal sogar noch abstrakter: Dann wählt sie Zahlen, deren tiefere emotionale Bedeutung sich nur ihr erschließt.

Meine Freundin glaubt, für ihre Schwiegermutter sei das mittlerweile ritualisierte Lottospiel "danach" so etwas wie eine Bewältigungsstrategie geworden. Dass ihr das Spiel mit den Zahlen und dem Zufall hilft, einschneidende Erlebnisse bewusster zu verarbeiten und – nicht zu unterschätzen – möglicherweise sogar noch ganz konkret Gewinn aus ihnen zu ziehen. Wofür stünde für sie wohl die Erfahrung, den Jackpot zu knacken? Dass sich ihr Leben dann auch für alle Öffentlichkeit sichtbar verändert hätte, wie sie es bereits nach den Erlebnissen selbst empfunden hat? Dass aus den Zahlen für die Höhepunkte wie Schicksalsschläge mithilfe einer Portion Zufall ein Hauptgewinn werden kann?

Auch wenn ich selber ratlos bleibe, wie ich mein letztes einprägsames Erlebnis in Zahlen fassen sollte, und skeptisch, was mir das bringen könnte, so leuchtet mir ein Gedanke an der kuriosen Lottospiel-Methode sofort ein: dass uns jedes einschneidende Erlebnis die Chance eröffnet, auch noch später, über den Moment hinaus, Gewinn daraus zu ziehen. Und dass es gut ist, intensive Momente kreativ zu verarbeiten – sei es, indem ich Worte, Farben oder zur Abwechslung Zahlen dafür finde.

© Hamburger Abendblatt 2017 – Alle Rechte vorbehalten.