Schlüsselbegriffe des christlichen Glaubens

War Jesus nur scheintot?

Erbsünde, Trinität, Sakrament oder auch Jungfrauengeburt – was bedeuten diese Worte und wer versteht sie heute noch? In dieser Folge erklärt Jörg Hermann, welche Theorien es zur Auferstehung gibt

or einigen Jahren schrieb Sabine Rückert, heute stellvertretende Chefredakteurin der Wochenzeitung "Die Zeit", einen Text über ihre Herkunft aus einem Pfarrhaus. Von allen Zumutungen sei die Behauptung der Auferstehung das stärkste Stück gewesen. "Und doch", fährt sie fort, "gerade die Auferstehungsgeschichte ist mir heute, da ich erwachsen bin, die liebste von allen. Ich finde sie großartig, so unverschämt zuversichtlich." Ja, die Auferstehung ist zunächst eine Zumutung. Was soll man sich darunter vorstellen? Wie kann man die Auferstehungsgeschichten der Evangelien verstehen? Soll man glauben, dass Gott den Leichnam Jesu auferweckt hat? Seit der Aufklärung wird darum gestritten.

Der Hamburger Professor Hermann Samuel Reimarus vertrat vor mehr als 200 Jahren die These, die Jünger Jesu hätten den Leichnam Jesu aus dem Grab gestohlen, um anschließend den auferstandenen Messias verkündigen zu können. Andere – wie der Theologe Friedrich Schleiermacher und zuletzt der Buchautor Franz Alt – gingen davon aus, Jesus sei nur scheintot gewesen, als er bestattet wurde, und sei anschließend kurzzeitig ins Leben zurückgekehrt. Solche Akrobatik war dem Theologen Rudolf Bultmann fremd. Er verstand die Auferstehung schlicht symbolisch. Für die Jünger und in ihrem Bewusstsein sei Jesus auferstanden, nicht in der physischen Wirklichkeit. Ähnlich sieht es Sabine Rückert. Sie schreibt: "Die Auferstehung ist für mich ein Sinnbild für die Befreiung aus den lähmenden Gesetzmäßigkeiten – denen der Welt und meinen eigenen. Und vielleicht auch für die Liebe, die über den Tod hinausgeht." Ich fand in diesem Zusammenhang immer den Gedanken hilfreich, dass mit der Auferstehung keine Rückkehr in dieses Leben gemeint ist, das den Tod noch vor sich hat. Es geht vielmehr um den Eintritt in ein Leben, das den Tod überwunden hat. Das Leben des Auferstandenen muss von anderer Qualität sein als das irdische Leben. Es ist also selbst innerhalb der Logik des Glaubens unsinnig, sich die Auferstehung als Wiederbelebung der Leiche Jesu vorzustellen. Dass es darum nicht gehen kann, machen auch die Erscheinungsgeschichten der Evangelien deutlich: Die Jünger erkennen Jesus darin zunächst nicht.

So geht es auch den zwei Jüngern im Lukasevangelium. Sie sind auf dem Weg nach Emmaus, ihrem Wohnort zehn Kilometer von Jerusalem entfernt. Es ist der Nachmittag des ersten Ostertages – in der Chronologie unseres Osterfestes also Ostersonntag. Sie kommen von der Kreuzigung ihres Hoffnungsträgers. Sie sind traurig. Auf einmal begegnet ihnen ein Mann, mit dem sie ins Gespräch kommen. Sie berichten von dem, was sie in Jerusalem erlebt haben, und der Unbekannte deutet ihre Erfahrungen vor den Hintergrund der heiligen Schriften. Die Jünger laden den Mann in ihr Haus ein. Sie sind offenbar schon wieder etwas offener geworden für das, was außerhalb ihrer selbst und ihrer Trauer geschieht. Sonst hätten sie ihn wahrscheinlich nicht eingeladen. Bei Lukas heißt es dann: "Und es geschah, als er mit ihnen zu Tisch saß, nahm er das Brot, dankte, brach's und gab's ihnen. Da wurden ihre Augen geöffnet, und sie erkannten ihn. Und er verschwand vor ihnen. Und sie sprachen untereinander: Brannte nicht unser Herz in uns, als er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift öffnete?" Sie erkennen Jesus an der Geste des Brotbrechens. Jesu Geste des Brotbrechens ist eine Ermutigung zum Leben. Sie lässt die Jünger teilhaben an seiner Kraft, die Todesmächte zu überwinden. Ostern feiert ja den Sieg des Lebens über den Tod, als Erfahrung und als Hoffnung.

Den Hoffnungspotenzialen und Möglichkeiten des Lebens auf die Spur kommen

Wenn der Blick verengt ist, ist es schwer, sich von Ostern inspirieren zu lassen. Wenn der Blick getrübt ist von Trauer und nach innen gerichtet, kann es einem passieren, dass man den Auferstandenen nicht erkennt. Selbst wenn er neben einem steht. Wie bei den Emmaus-Jüngern. Im Nachhinein erinnern sie sich: "Brannte uns nicht das Herz, da er mit uns redete?" Wo brennt unser Herz? In welchen Beziehungen, bei welchen Visionen, in welchen Begegnungen, in welchen Momenten des Alltags, in welchen Umgebungen, bei welchen Geschichten? Die Frage kann uns helfen, den Hoffnungspotenzialen und Möglichkeiten unseres Lebens auf die Spur zu kommen. Mir geht es in Gesprächen mit Freunden manchmal so. Wenn eine gemeinsame Erkenntnis aufblitzt oder eine tiefe Verbundenheit spürbar wird. Wo brennt Ihr Herz? Dem nachzugehen, kann Trauer in Freude verwandeln und die von der Angst verengte Perspektive für die Weite neuer Horizonte öffnen. Für die Begegnung mit österlicher Kraft, mit Gott im Anderen.

Der Autor ist Pastor und Direktor der Evangelischen Akademie der Nordkirche.

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