Kirche

"Ich mag Leute, die mich erden"

Andreas Bartmann ist konfessionslos. Doch man merkt dem Geschäftsführer des Outdoor-Ausrüsters Globetrotter an, dass er ein Suchender ist. Er möchte die Nähe zur Kirche, ohne sich jedoch zu ihr zu bekennen

ielstrebig geht Andreas Bartmann durch die Hauptkirche St. Jacobi und betritt durch eine Tür im hinteren Teil des Gotteshauses die kleine Pilgerkapelle. Dort sitzt Pastor Bernd Lohse und entwickelt gerade eine neue Pilgertour. Lohse und Bartmann kennen sich schon seit drei Jahrzehnten. "Ich habe Herrn Bartmann in den 80ern um Unterstützung bei der Ausrüstung für eine Pfadfinder-Abenteuerreise gebeten", erzählt Lohse. Die Idee, dass Stadtjugendliche aus sozial schwachen Familien die Natur entdecken, fand der Globetrotter-Geschäftsführer so gut, dass er gern Schlafsäcke und Rucksäcke spendete. Seither arbeiten der Pilgerpastor und der Outdoor-Ausrüster gern zusammen: So haben sie zum Beispiel gemeinsam einen speziellen Pilgerschuh entwickelt, "mit einer besonderen Sohle und etwas breiteren Leisten", sagt Bartmann.

Wirtschaft und Kirche lassen sich gut verbinden. Das hat auch schon Bischöfin Kirsten Fehrs festgestellt, die seit zwei Jahren alle paar Monate christlich orientierte Unternehmer zum Dialog einlädt und mit ihnen über Themen wie den Umgang mit Flüchtlingen, Werte oder Digitalisierung spricht. Andreas Bartmann ist von Anfang an aktiv dabei, er mag den intensiven Austausch mit Kirchenvertretern. "Die schauen von außen auf die Unternehmen und bringen einen auch mal wieder auf den Boden zurück."

Unternehmerische Höhenflüge hatte Andreas Bartmann einige, vor allem in der Zeit, als sein Unternehmen Globetrotter stark expandierte, bis das Geschäft 2012 mit den Outdoor-Artikeln zurückging und Bartmann angesichts der Verluste in den letzten fünf Jahren hart in der Realität landete. Vor zwei Jahren ist der Mitgeschäftsführer Thomas Lipke ausgestiegen, die Firma haben sie an ein skandinavisches Unternehmen verkauft. Bartmann ist zurzeit der einzige verbliebene deutsche Geschäftsführer des Unternehmens, das 1979 in Wandsbek gegründet wurde. "Ich habe mit dem Wachstum viele Existenzen geschaffen, und wenn du dann im Rückgang 100 Mitarbeitern mitteilen musst, dass sie entlassen werden, trifft das hart. Das ging mir wirklich an die Substanz. Ich war nicht demütig genug, sondern habe teils zu Arroganz und Überheblichkeit geneigt", so Bartmann. Die Entwicklung seiner Firma schmerzt den Unternehmer sichtlich, offen spricht er über Management-Fehler und die drückende Verantwortung.

Aufgewachsen ist er in Bramfeld, der Vater ist Polizist, die Mutter Hausfrau, die Schwester zwei Jahre jünger. Er wird getauft, doch Religion ist kein großes Thema in der Familie. "Meine Eltern haben mir das ganz überlassen, ob ich mich der Religion zuwende oder nicht", sagt Bartmann. Er liebt die Kindergottesdienste, den Religionsunterricht, doch als es darum geht, sich konfirmieren zu lassen, geht er lieber klettern und auf Abenteuerreisen – seither seine Hobbys.

"Schulisch habe ich zunächst versagt. Ich war auf einem ehemaligen Mädchengymnasium, das ging gar nicht", sagt er und muss grinsen. Also macht er zunächst den Realschulabschluss und eine Ausbildung als Mess- und Regeltechniker. Über diesen Berufsweg bekommt er einen Studienplatz an der Fachhochschule in Bergedorf und macht einen Abschluss als Produktionstechniker. "Meine eigene Erfahrung zeigt mir, dass man nicht immer Abitur machen muss, um erfolgreich seinen Weg zu gehen." So passt es auch, dass Bartmann privat und mit seiner Stiftung Globetrotter Ausrüstung das Projekt "Big Point" auf St. Pauli unterstützt. Ziel ist es, die oft schwierigen Jugendlichen in ihrer Persönlichkeit und ihren sozialen Kompetenzen unter anderem durch Abenteuerprojekte so zu stärken, dass sie einen Ausbildungsplatz bekommen.

Lebenswege müssen nicht gerade sein, das zeigt sein Weg. Statt nämlich als Ingenieur zu arbeiten, zieht Bartmann es vor, zunächst bei Globetrotter zu beraten und zu verkaufen, bis er 1982 ganz ins Outdoor-Geschäft einsteigt, dort bleibt "und zwischendurch die Bodenhaftung verlor. Ich war euphorisiert, dachte, es geht nur nach oben. Beruflicher Erfolg ist eine gefährliche Droge", sagt der zwei Meter große Familienvater. In diesen Zeiten hätte er sich jemanden gewünscht, der ihn mehr erdet. Einen wie Pastor Lohse, mit dem er in letzter Zeit immer wieder das intensive Gespräch sucht.

Andreas Bartmann ist kein religiöser Mensch. Dennoch gibt es für ihn eine Art religiöses Schlüsselerlebnis. "Als ich neun Jahre alt war, wurde mein Vater schwer krank. Er lag auf der Intensivstation, und ich bin in eine Kirche gegangen und habe für seine Heilung gebetet. Mein Vater wurde wieder gesund ...", sagt er und fügt hinzu, dass er in ähnlichen Krisen wieder in eine Kirche gehen würde. Diese Einkehr, diese Stille, die er gerade auch häufiger in der Hauptkirche St. Jacobi erlebe, während in der Innenstadt der Konsum tobe, berühre ihn immer wieder. "Ich spüre etwas, aber ich kann es nicht benennen", sagt er. Das Gleiche erlebe er in der Natur, die er immer wieder aufsucht – meist in ihrer extremen Form. Andreas Bartmann liebt die Kälte der Polarregionen, die Schroffheit des Himalajas, die Abgeschiedenheit der mongolischen Steppen. "Dieser unendliche Sternenhimmel an den Polkappen oder in den Bergen ist einfach berauschend." Jedes Jahr ist er mit Freunden auf einer mehrwöchigen Tour, die ihm wieder Energie und Kraft für den Alltag gibt. Er erzählt von den Bergvölkern im Pamir, wo er letztes Jahr war. "Diese Menschen leben so bescheiden, aber sind so zufrieden. Mich begeistert diese Aura des Glücks und der Einfachheit, die auch Pastor Lohse und Bischöfin Fehrs für mich ausstrahlen", sagt Bartmann und man merkt ihm an, dass er ein Suchender ist. Er möchte die Nähe zur Kirche, ohne sich zu ihr zu bekennen. "Ich werde auch älter, der Himmel rückt langsam näher", versucht der Großvater einer Enkelin diese unbestimmte Sehnsucht zu beschreiben. Vielleicht sei Pilgern ein Anfang, überlegt er. Aber natürlich nur mit Pastor Lohse.

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