Harburg
Fahrradstadt

Eine Garderobe für Fahrräder

Michael Kellenbenz hängt beim FlohZinn-Markt in Wilhelmsburg Fahräder an die Stange

Foto: Thomas Sulzyc

Michael Kellenbenz hängt beim FlohZinn-Markt in Wilhelmsburg Fahräder an die Stange

Ein verleihbares Fahrradparksystem aus Wilhelmsburg garantiert bei Großveranstaltungen einen bewachten Abstellplatz.

Wilhelmsburg.  Wenn die Freie und Hansestadt Fahrradstadt sein möchte, muss sie sagen, wohin mit den Rädern. Mit seinem platzsparenden mobilen Parksystem bei Großveranstaltungen macht das Hamburger Start-up FahrradGarderobe auf sich aufmerksam. Der FC St. Pauli nutzt es, das Open-Air-Festival Dockville auch. Das Unternehmen mit Potenzial hat seit Neuestem im Kreativzentrum Wilhelmsburger Zinnwerke seinen Sitz. Auf den Elbinseln ist die Idee eines schnell auf- und abbaubaren Fahrradparkplatzes auch geboren worden.

"Ich bin kein Fahrrad-Nerd", sagt Gründer und Geschäftsführer Michael Kellenbenz (49) von sich. Auch wenn er sich in Erinnerung an seine Kindheit als "geisteskranken Bonanzaradfahrer" beschreibt. Als kleiner Junge verlangte er von seinen Eltern, die Stützräder wegzukippen, was einen frühen Hang zur Eigenständigkeit zum Ausdruck bringt.

Eigentlich wollte der gelernte Krankenpfleger nie selbstständig sein – heute ist er Kreativunternehmer und sein eigener Chef. Seit zehn Jahren lebt der gebürtige Lübecker in Hamburg, mittlerweile im quirligen Reiherstiegviertel in Wilhelmsburg, dem Fahrrad-Modellstadtteil der Hansestadt.

Die Genialität eines Produktes liegt in ihrer Simplizität, also dem Zustand, dass nur wenige Faktoren zu seinem Entstehen und Bestehen beitragen. Wie Jacken an der Garderobe hängt Kellenbenz Fahrräder an die Stange. Damit begegnet die FahrradGarderobe dem Problem, dass, wo viele Tausend Menschen zusammenkommen, schnell die freien Plätze an Laternenpfählen und Zäunen besetzt sind, die üblicherweise zum Abstellen von Fahrrädern in Großstädten taugen.

Drei Meter des Aufhängesystems tragen 120 Kilo, das ist der Platz für acht Räder. Das Fahrrad bringt seinen Garderobenbügel mit sich, denn es hängt an seinem Sattel. Ein Prinzip, das nahezu bei jedem Modell funktioniert. "Nur einer von 300 Satteln passt nicht", sagt Michael Kellenbenz.

Die Garderobe für Fahrräder haben er und seine Lebensgefährtin Helen Schepers, eine Umweltwissenschaftlerin, geplant und konzipiert. Entscheidend beteiligt war noch Jean Rehders, heute Mitarbeiter der Hamburg Kreativgesellschaft und zum damaligen Zeitpunkt im Jahr 2012 noch Sprecher des Musikfestivals Dockville in Wilhelmsburg.

Mit der zunehmenden Besucherzahl am abseits gelegenen Festivalgelände am Reiherstieg hatten damals die Fahrraddiebstähle zugenommen. Kellenbenz, Schepers und Rehders brüteten deshalb einen mobilen und bewachten Fahrradparkplatz für insgesamt 500 Räder aus. Das war die Geburtsstunde der Garderobe für Fahrräder. Dass sie bewacht ist, bringt den Nutzern einen Mehrwert. Gerade in Zeiten, in denen Edelräder und E-Bikes den Wert eines Gebrauchtwagens haben.

Wichtiges Merkmal der Geschäftsidee ist, dass die Garderobe für den Radfahrer kostenlos ist. Wie im Theater erhält er eine Marke. Michael Kellenbenz engagiert Helfer, die beim Aufhängen des Rades helfen. Die Kosten der Garderobe trägt der Veranstalter.

Der FC St. Pauli mietet das verleihbare Fahrradparksystem regelmäßig zu seinen Heimspielen am Millerntor. Beim Kulturspektakel Altonale kommt es ebenso zum Einsatz wie bei Konzerten in der Alsterdorfer Sporthalle. In beiden Fällen tritt die Freie und Hansestadt als Auftraggeber auf, bei der Altonale die Behörde für Umwelt, bei Großveranstaltungen in der Sporthalle das Bezirksamt.

Die Garderobe für Fahrräder verhindert, dass Fluchtwege verstellt werden und ist damit von öffentlichem Interesse. Dass die Räder nicht kreuz und quer im Stadtbild stehen, sondern ordentlich aufgehängt, erzeugt ein positives Bild. "Das ist ein Benefit für den Veranstalter", sagt Michael Kellenbenz. Hinzu kommt: Der Veranstalter verpasst sich mit dem Fahrradparkplatz ein grünes Image.

In 2014 ist die FahrradGarderobe mit dem Deutschen Fahrradpreis in der Kategorie "Freizeit/Tourismus" ausgezeichnet worden. Für Unternehmen ist es mittlerweile in, mit der FahrradGarderobe in Verbindung gebracht zu werden. Zur Premiere des Fahrradparksystems bei dem "FlohZinn"-Markt in den Wilhelmsburger Zinnwerken hat Hamburg Energie die Kosten übernommen.

Nach dem Test bei dem kulturellen Flohmarkt zeigte sich Michael Kellenbenz zufrieden: Mit der kleinen Kapazität von 80 Stellplätzen habe er am Ende des Tages 500 Fahrräder geparkt.

Gutachten

Welche Abstellmöglichkeiten für Fahrräder und Lastenräder wo am besten geeignet sind, lässt die rot-grüne Koalition im Bezirk Hamburg Nord zurzeit im hochverdichteten Komponistenviertel zwischen Hamburger Straße und Osterbekkanal untersuchen. 50.000 Euro soll das Gutachten kosten.

Vor dem Hintergrund des anvisierten Ausbaus des städtischen Radverkehrs müsse auch an Abstellmöglichkeiten beliebter Quartiere gedacht werden, heißt es in der Begründung.

Ein Handtaschen-Fahrrad verkauft der englische Hersteller Brompton. Zusammengefaltet darf es nahezu überall mit rein. In der Bahn gilt es als Gepäckstück. Der Preis für das Rad liegt bei 1500 Euro.

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