Harburg & Umland
19.01.13

Pflegenotstand

Pilotprojekt: Die Hilfe kommt aus Serbien

15 qualifizierte Frauen und Männer werden in einem neuen Pilotprojekt beschäftigt, um dem Pflegenotstand entgegen zu wirken.

Von Ines van Rahden
Foto: dpa/DPA

Eine Mitarbeiterin mit einem Patienten in einem Pflegeheim in Schwerin.

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Neu Wulmstorf. Suzana Vidra war 18 Jahre alt, als sie mit gepackten Koffern in Hamburg ankam - "als importierte Krankenschwester", wie sie sagt. Die gebürtige Serbin ließ sich für eine Stelle in der Hansestadt anwerben und blieb. Seit 2011 leitet sie das Seniorenpflegeheim Pro Vita "An den Moorlanden" in Neu Wulmstorf. Nun will sie anderen Menschen aus ihrer Heimat eine verlässliche Jobperspektive bieten. Gemeinsam mit den Elbe-Kliniken Stade-Buxtehude startete sie im Mai 2012 ein Pilotprojekt und holte 15 qualifizierte Männer und Frauen aus Serbien in die Region, die nun auf ihre Arbeit im Krankenhaus und im Seniorenheim vorbereitet werden.

Mit ihrem Engagement bietet Suzana Vidra dem Pflegenotstand in Deutschland die Stirn. Denn die Prognosen sind düster: Das Statistische Bundesamt geht davon aus, dass sich die Zahl der Pflegebedürftigen bis 2030 um fast die Hälfte auf knapp dreieinhalb Millionen erhöht. Einer Studie der Bertelsmann-Stiftung zufolge könnten dann eine halbe Million Vollzeit-Pflegekräfte in Deutschland fehlen.

Schon heute gibt es viel zu wenig Fachkäfte. Besetzungsverfahren offener Stellen dauern im Schnitt vier bis fünf Monate. Auf 100 offene Stellen kommen etwa 35 Bewerbungen. Um den Bedarf der nächsten Jahre zu decken, müsste sich nahezu jeder zweite Schulabgänger in Deutschland für einen Pflegeberuf entscheiden. "Das ist aber völlig unrealistisch, obwohl die Arbeit in der Pflege eine qualifizierte, anspruchsvolle und vor allem sinnstiftende Aufgabe ist", sagt Ulrich Hemel, Vorsitzender der Geschäftsführung der Casa Reha-Unternehmensgruppe, zu der auch das Pro Vita in Neu Wulmstorf gehört.

Um handlungsfähig zu bleiben und den Bewohnern ihres Heimes weiter eine gute Pflege bieten zu können, schlug Vidra einen unkonventionellen Weg ein. Ihre Idee: das vorhandene Potenzial an gut ausgebildeten, aber arbeitslosen Pflegekräften in Serbien künftig für Deutschland zu nutzen. Mit Bernd Lambrecht, Pflegedirektor der Elbe-Kliniken Stade-Buxtehude, wusste sie einen engagierten Mitstreiter an ihrer Seite, der das Projekt von Anfang an unterstützte. "Viele sagten, dass das kaum möglich ist, da Serbien kein EU-Land ist - und kurzfristig schon gar nicht", erinnert sich Vidra.

Doch davon ließ sie sich nicht entmutigen. Stattdessen arbeitete sie sich in die geltenden Gesetze und Vorschriften ein und suchte den Schulterschluss mit dem Niedersächsischen Sozialministerium in Hannover. Als sie im Juli Urlaub in Serbien machte, schrieb sie die zu besetzenden Stellen aus. 125 Männer und Frauen reichten innerhalb kürzester Zeit ihre Bewerbung ein. Mit 68 von ihnen führten Vidra und Lambrecht dann an zwei Tagen im September jeweils ein persönliches Bewerbungsgespräch. "Und zwar auf Deutsch", betont Vidra. "Denn dass sie unsere Sprache sprechen, ist für den Pflegeberuf sehr wichtig."

Kurz vor Weihnachten lagen dann alle Genehmigungen und Aufenthaltstitel vor; am 2. Januar reisten die ausgewählten 15 Männer und Frauen an. In den kommenden Wochen werden sie geschult und auf ihre Aufgaben vorbereitet. Die Pflegekräfte werden an verschiedenen Arbeitsplätzen in Buxtehude, Stade und Neu Wulmstorf eingesetzt. Sprachunterricht gehört ebenfalls zum Programm. Denn spätestens im Juni wird ein Kenntnisstand- sowie eine vom Ministerium neu aufgelegte, fachspezifische Sprachprüfung darüber entscheiden, ob die Serben in Deutschland weiterarbeiten können. "Wir sind zuversichtlich, dass es in dieser Hinsicht keine Probleme geben wird", sagt Unternehmenssprecher Ralf Krenzin.

Immerhin besitzen alle angeworbenen Pflegekräfte bereits eine fachspezifische Ausbildung - und einige von ihnen sind sogar mit der deutschen Kultur und Sprache groß geworden. Monika Katanic aus Sremska Mitrovica beispielsweise kam mit fünf Jahren nach Deutschland, wuchs in der Nähe von Frankfurt auf. Nach dem Abschluss an einer Gesamtschule folgte sie ihrer Mutter nach Serbien. "Ich wollte aber immer zurück nach Deutschland. Und ich bin sehr froh, dass ich wieder hier sein kann", sagt die 27-jährige gelernte Krankenschwester.

Danijela Ivanovic aus Jagodina lebte und arbeitete bis 2011 in der Schweiz, reiste dann zurück in ihre Heimat. Mit ihren beiden Kindern und ihrer Familie bleibt sie über das Internet in Kontakt. "Sie dazulassen, ist mir sehr schwer gefallen. Aber ich freue mich auf die neue Aufgabe in Deutschland." Auch Miroslav Miskovic hat sich schweren Herzens von seiner Familie verabschiedet. "Ich versuche schon seit Jahren, einen Arbeitsplatz in Deutschland zu bekommen, weil es in Serbien keine Perspektive gibt. Jetzt hat es endlich geklappt. Noch schöner wäre es, wenn meine Frau und meine drei Töchter jetzt bei mir sein könnten."

Ulrich Hemel ist sicher, dass künftig noch mehr Pflegekräfte aus dem Ausland ihren Weg nach Deutschland finden werden. "Wir freuen uns, dass ein geplantes bilaterales Abkommen zwischen Deutschland und Serbien den Prozess weiter verstetigen und vereinfachen soll", sagt der Casa Reha-Geschäftsführer. "Jetzt ist es an der Politik, die Erfahrungen dieses Pilotprojektes schnell auf weitere Drittstaaten zu übertragen."

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