Hügel und Heide, Wälder und Wasser ziehen großstadtmüde Hamburger magisch an. Harburg ist ein klassischer Einwanderungslandkreis.

Harburg ist nicht gleich Harburg. So viel ist schon mal klar. Zum einen ist da der Bezirk, der zu Hamburg gehört, zum anderen der Landkreis, der ein Teil Niedersachsens ist und von der Elbe bis hinunter zur Heide reicht. Dennoch ist die Verwirrung bei Fremden häufig groß, wenn von Harburg die Rede ist. Was ist denn jetzt gemeint, Bezirk oder Landkreis? Harburger müssen dann immer ganz tief Luft holen und erst einmal die seltsamen Wendungen der Geschichte bemühen.

Es war das Groß-Hamburg-Gesetz aus dem Jahr 1937, das dem fünf Jahre zuvor aus den Altkreisen Harburg und Winsen gebildeten Landkreis Harburg das Kuriosum bescherte, zu einem kopflosen Gebilde zu werden. Die bis dato selbstständige Stadt Harburg-Wilhelmsburg, die zugleich Landratssitz des Landkreises Harburg war, ging an die große Hansestadt nördlich der Elbe, das Landratsamt aber blieb am Harburger Ring, etwa dort, wo heute das Finanzamt steht. Fortan lag der Kreissitz also nicht mehr in den eigenen Kreisgrenzen, sondern auf Hamburger Gebiet.

Auch wenn diese kopflose Zeit nur bis 1958 währte, als Winsen offizieller Kreissitz wurde, ist der Verlust allein aufgrund des gleichen Namens, den Bezirk und Landkreis tragen, noch allgegenwärtig. Eine große Rolle spielt das Thema im Alltagsleben der Einheimischen dennoch nicht. Was vielleicht auch daran liegt, dass sich viele von ihnen sowieso nicht als Harburger, sondern als Hamburger fühlen - weil sie von dort in die Region südlich der Elbe gezogen sind.

Ein klassischer Einwanderungslandkreis

Man kann den Landkreis Harburg somit getrost als klassischen Einwanderungslandkreis bezeichnen. Lag die Einwohnerzahl im Jahr 1975 noch bei 170 000, ist sie bis heute auf mehr als 240 000 gewachsen. Zuvor hatte es bereits nach dem Zweiten Weltkrieg einen großen Zustrom an Flüchtlingen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten und dem ausgebombten Hamburg gegeben, der für die Kommunen nicht immer einfach zu bewältigen war.

Heute zieht der Landkreis vor allem junge Familien aus der Hansestadt magisch an, denn hier hoffen sie, das zu finden, was ihnen die Großstadt nicht bieten kann: Natur, Ruhe, Sicherheit für die Kinder und günstiges Bauland. Die alte Eisenbahnerstadt Buchholz und die Gemeinde Seevetal - die mit rund 42 000 Bürgern einwohnerstärkste deutsche Kommune ohne Stadtrecht - sind Paradebeispiele für diese Entwicklung. Sie haben ihre Einwohnerzahl seit den 70er-Jahren nahezu verdoppelt und müssen seither mit allen Vor- und Nachteilen des schnellen Wachstums leben, von der altersmäßig gut durchmischten Bevölkerungsstruktur bis hin zu den immer wieder verstopften Straßen.

Vor allem Letztere sind es, die den vielen Pendlern nach Hamburg regelmäßig die Nerven rauben. Auf den zwei zentralen Lebensadern des Kreises, der A 7 und der A 1, sowie ihren kleinen Schwestern B 75 und L 213 reiht sich im Berufsverkehr Stoßstange an Stoßstange, sodass Staumeldungen wie die fast schon obligatorischen "vier Kilometer ab Maschener Kreuz in Richtung Norden" die Region weit über ihre Grenzen hinaus berühmt gemacht haben.

Vielfalt, die alles bietet

Dabei lohnt sich doch ein Blick über die Leitplanken der Autobahnen hinaus! Wer abseits der großen Verkehrsströme die Region erkundet, erlebt einen Landkreis, auf den der oftmals abgenutzte Begriff Vielfalt tatsächlich zutrifft. Hügel, Heide, Wälder und Wasser, all das ist hier zu finden. Zwar ist der Elbdeich bei Bullenhausen oder Stöckte nicht so zauberhaft blütenumrankt wie sein Altländer Pendant. Die Winsener Marsch ist schon immer viel zu nass für Obstbau gewesen, weshalb sich die Landwirte traditionell eher der Viehzucht zuwandten. Dennoch ist der raue Charme sehenswert und der Himmel überm Deich nicht minder blau.

Über die Hoopter Straße ist es von der Elbe nur ein Katzensprung in die Kreisstadt Winsen, die altehrwürdige Konkurrentin des städtischen Emporkömmlings Buchholz im westlichen Teil des Kreises. Sie besitzt bereits seit dem frühen 13. Jahrhundert Stadtrechte und kann mit ihrem Schloss und dem Marstall punkten.

Hier hatte die legendäre Herzogin Dorothea von Braunschweig-Lüneburg 1592 ihren Witwensitz bezogen, das Gebäude aber als baufällig und ihrer unwürdig eingestuft. Von ihren Söhnen bekam sie schließlich das notwendige Geld, um es nach ihrem Geschmack zu verschönern. Ein Glücksfall für die Winsener und die Touristen der heutigen Zeit, die sich gern vom schicken Aussehen beeindrucken lassen. Buchholz, das erst 1958 zur Stadt wurde, hat im Vergleich dazu zwar "nur" das Veranstaltungszentrum Empore zu bieten, aber dafür die dynamischere Bevölkerungsentwicklung.

Sowieso die Kultur. In der Samtgemeinde Jesteburg, die man, zumindest was die soziale Struktur ihrer Einwohner angeht, als das Blankenese des Landkreises bezeichnen könnte, steht mit der Kunststätte Bossard eines der Glanzlichter der gesamten Metropolregion Hamburg. Bossard selbst wirbt für sich sogar mit dem Titel "außergewöhnlichstes Gesamtkunstwerk Europas". Beeindruckend ist der Ort, der von einer idyllischen Parklandschaft umrahmt wird und etwas abseits im Ortsteil Lüllau liegt, zweifelsohne.

Wer es kulturell etwas bodenständiger mag, ist im Freilichtmuseum am Kiekeberg in Ehestorf, dem Wildpark Schwarze Berge in Vahrendorf oder dem Wildpark Lüneburger Heide in Nindorf gut aufgehoben, die vor allem für Familien mit Kindern und Schulklassen beliebte Ausflugsziele sind.

Geheimnisvolle Natur

Und dann sind da noch die tiefen Wälder und allgegenwärtigen Hügel, die man auf den ersten Blick gar nicht im Landkreis vermuten würde. Auf der Rosengartenstraße von Sieversen aus in Richtung Moisburg erlebt man die Tiefe der Buchenwälder hautnah. Dunkel und geheimnisvoll zeigt sich die Natur hier. Dass man sich direkt vor den Toren Hamburgs befindet, rückt völlig in Vergessenheit. Ein ähnliches Erlebnis ist zwischen Sprötze und Holm-Seppensen auf der im Volksmund als Schwarzwaldhochstraße bezeichneten Verbindungsstraße Lohbergen möglich, die tatsächlich einen Hauch Schwarzwald-Atmosphäre verbreitet.

Die vielen historischen Wassermühlen wie die in Moisburg oder Horst und die zahlreichen Reiterhöfe in der Samtgemeinde Tostedt tun ihr Übriges, dem Landkreis bei aller Nähe zu den omnipräsenten Autobahnen oder Bahnlinien einen hohen Freizeitwert zu verschaffen, der ihn zu einem Fluchtpunkt für großstadtmüde Hamburger werden lässt.

In der nächsten Folge am 17.12.: Kreis Stormarn

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