Harburg & Umland
16.11.12

Cranz

Heiko Tietze ist der einsamste Polizist der Stadt

Wie er in seiner Ein-Mann-Wache arbeitet, wie er dort lebt und wie er das alles aushält: ein Besuch zum zehnten Dienstjubiläum.

Von Nico Binde
Foto: Bertold Fabricius/Pressebild.de
Heiko Tietze und sein neuer Polizei-Passat
Dienstherr und "Peter 47/92": Heiko Tietze und sein neuer Polizei-Passat. Der alte Cranzer Wagen habe noch nach Hund gerochen. Ein Andenken an den Vorgänger, Hundehalter Derk Hedden

Hamburg. Neulich war mal wieder richtig was los. Ein Mann stand vor der Tür, es muss kurz vor Mitternacht gewesen sein, und wollte Anzeige erstatten. 13 000 Euro würden ihm fehlen, sagte der Geschädigte. K.-o.-Tropfen auf dem Kiez, das Konto leer, die Bescherung groß - der übliche Wahnsinn in der Großstadt. "Wie er ausgerechnet zu mir gekommen ist, weiß ich bis heute nicht", sagt Heiko Tietze. Aber nun stand er da, am Estedeich 95, dem Polizeiposten von Cranz, suchte Hilfe und fand: Hauptkommissar Heiko Tietze, Spitzname "Körper".

Körper wird von Kollegen Körper genannt, weil er früher ein beeindruckend muskulöser Zivilfahnder war. Und Zivilfahnder haben eben Decknamen. Manchmal auch welche, die zu ihnen passen. Heute ist der 53-Jährige immer noch gut trainiert, aber vor allem ist er der einzige Polizist in Cranz. Seine Arbeit beginnt dort, wo Hamburg aufhört. Am südwestlichen Zipfel der Stadt, gleich hinter dem Estesperrwerk. 2000 Leute wohnen in Cranz und dem Teil von Neuenfelde, den der Kommissar auch betreut. Es ist ein Großstadtrevier ohne Großstadt.

Heiko Tietze ist sein eigener Chef, schreibt seine eigenen Dienstpläne und "manchmal", sagt er, "das gebe ich offen zu, führe ich auch Selbstgespräche". Denn wenn er sich nicht lobe, lobe ihn niemand. Wenn er keine Entscheidungen träfe, träfe keiner welche. "Ich habe inzwischen Routine im Alleinsein."

Klar, sagt er, hin und wieder fühle er sich ganz schön einsam. Und vielleicht sei er auch ein bisschen seltsam geworden in der Zeit. Denn seit zehn Jahren arbeitet und lebt er nun schon in seiner Ein-Mann-Wache, im Kommissariat 47/92. Unten die Diensträume, oben seine Wohnung, etwa 400 Euro Miete im Monat. Er hat sich eingerichtet. Mit Fitnessraum, Fernseher, terrakottafarbener Sitzgarnitur, Bügelbrett, Hunderten Biergläsern, zehn Bratpfannen und den zwei südamerikanischen Landschildkröten Stuntman und Schlafmütze. "Das sind aber nicht meine, sondern die meiner Freundin", sagt Tietze. Auf ihn gehe nur die Biergläser- und Bratpfannensammlung.

Irgendwas muss man ja nach Feierabend machen, Tietze sammelt nun mal. Oder kocht Brombeermarmelade ein, die "Cranzer Polizeibrombeere". Cranz ist eben kein Ausbund an Kriminalität. 48 Straftaten wurden im Jahr 2011 im Stadtteil verübt, zwei mehr als im Jahr davor. Die Diebstahlquote stieg um 35 Prozent, von 17 auf 23 Fälle, die Aufklärungsrate bei Ladendiebstählen lag bei 100 Prozent: acht Fälle, acht Überführungen. Die Verdunkelungsgefahr ist gering. Es gibt einen Schuhladen, drei Lokale und einen Imbiss.

"Man muss aber nicht denken, dass ich mich hier den ganzen Tag langweile", sagt Tietze. Die Hälfte seiner Arbeit sei Krieg, Papierkrieg. "Was ich mir hier zurechtschreibe, glaubt kein Mensch", sagt er. In seinem kleinen Büro hängt ein Wappen seiner Heimatstadt Scheeßel. "Sie wissen schon, die mit dem Rockfestival." 80 bis 100 Haftbefehle vollstrecke er pro Jahr, besucht also säumige Zahler von Bußgeldern oder andere Kleinkriminelle in seinem Revier. Zweimal in der Woche begleitet er einen Schwertransport ins nahe Airbus-Werk, und wenn sich mal wieder ein künftiger Insasse der Jugendstrafanstalt Hahnöfersand nach Cranz verirrt, fährt Tietze ihn hin.

Der vierfache Vater ist bewaffnet wie jeder andere Polizist: Schlagstock, Pfefferspray, Dienstpistole - "und das gesprochene Wort". Er sei ein kommunikativer Typ, habe sich in Cranz etwas aufgebaut, die Leute vertrauen ihm. Er sei Schutzmann, Ermittler und Psychologe in Personalunion. Sein Vorgänger Derk Hedden hat den Job 22 Jahre gemacht. "Ich mache noch sechs, dann geh ich in Rente", sagt Tietze. Irgendwann müsse auch mal Schluss sein mit der dauernden Erreichbarkeit.

Angefangen hat er ganz normal bei der Hamburger Bereitschaftspolizei, arbeitete in Kommissariaten in Harvestehude, Rotherbaum und am Großneumarkt. "Heute wäre das nicht mehr mein Ding. Viel zu unpersönlich", sagt er. Später ging er für zwei Jahre nach Bosnien und in den Kosovo. "Dort habe ich so viele Leute eingesperrt wie in meiner ganzen Laufbahn in Hamburg nicht." Danach war die Stelle als Wachhabender in Cranz ausgeschrieben. "Und ich hatte wohl einen guten Tag beim Vorstellungsgespräch." Seine vier Mitbewerber mussten passen. Er wurde der neue Bulle von Cranz.

Seitdem sei er nie krank gewesen. "Nur zweimal verletzt." Einmal habe ihm ein renitenter Radfahrer bei einer Überprüfung derart gemein den Mittelfinger umgedreht, dass ein Handknochen brach und Tietze auf ihm liegend Verstärkung anfordern musste. Ein anderes Mal habe ihn ein Obstbauer mit einem Messer attackiert. "Den hätte ich fast angeschossen, dann aber doch nur die ganze Pfefferspraydose leer gemacht." Ernsthaft abdrücken musste Tietze noch nie. Nur die Kinder, denen er im Dorf regelmäßig den sicheren Schulweg erklärt, fordern dauernd: Schieß doch mal in die Luft!

Drogenkontrolle gestern, illegal entsorgte Fässer heute, ein toter Schweinswal am Elbufer morgen. Das sind die Fälle, die Heiko Tietze in Cranz erwarten. Einen Mord habe es schon seit Jahren nicht mehr gegeben. "Aber einer meiner Vorgänger wurde umgebracht", sagt er. "Den hat man dann in der Este gefunden. Das muss so 1911 gewesen sein." Aktuell ist die Lage weit harmloser. Mit seinem neuen Streifenwagen "Peter 47/92" rauscht er zum örtlichen Parkplatz. Ihn hätten Hinweise auf illegale Müllentsorgung erreicht. Und jetzt kniet er da unter einem Strauch und begutachtet drei Fässer Frostschutzmittel. "Eine Unverschämtheit ist das", schimpft der Hauptkommissar, holt Absperrband aus dem Kofferraum und markiert den Fund. "Dann sehen die Leute wenigstens, dass ich hier war", sagt er, steigt in den Wagen und fährt weiter. Nach ein paar Metern taucht ein alter Sessel am Straßenrand auf, eingewickelt in Polizeiband.

So läuft das in seinem Revier. Er kann sich nicht um alles kümmern, aber er versucht es. Ein Polizist ist eben auch nur ein Mensch. In Tietzes Fall ein Mensch, dessen Jahr sich in "außerhalb" und "innerhalb" der Blütezeit im Alten Land teilt. "Wenn ringsum alles blüht, ist hier der Teufel los", sagt Tietze. Dann kommen die Ausflügler, und der Ort ist voll. Dann schippert Tietze nach Feierabend mit seinem Motorboot auf die nahe Elbinsel Schweinesand. Jetzt, im Herbst, ziehen sich die Tage manchmal wie Gummi. Nach Feierabend stemme er Gewichte oder laufe, fern sehe er thematisch passend. Allerdings nicht "Tatort" oder "Polizeiruf", sondern "Alarm für Cobra 11". Früher habe er gern "Bonanza" geguckt, seine Zwillinge heißen Jeff und Joe.

Ein Einzelgänger sei er nicht, noch nie gewesen. Es gefalle ihm aber, sein eigener Herr zu sein. Und sei es als Dorfpolizist. Der hämische Kollegenspruch "In Cranz kannst du schön die Hühnerdiebstähle aufnehmen" war ihm schon bei seinem Amtsantritt egal. Dafür hat er eine eigene Zelle in seinem Kommissariat. Allerdings darf er die nicht mehr nutzen. "Denn wenn ich umfalle, kommt hier keiner mehr raus."

Wobei: Ab und an besuchen ihn ja doch noch Kollegen. Heute sind es "Eiche" und "Paula" aus Finkenwerder. Mal wieder Decknamen. Wo "Koma" sei, will "Körper" wissen. Keine Ahnung, antwortet "Eiche". Aber man könne mal wieder zusammen laufen gehen. Dann schnacken sie noch ein bisschen, bevor sich die Wege wieder trennen und Heiko Tietze einmal mehr allein ist. Sechs Jahre noch, dann will er als Sicherheitsbeauftragter auf einem Kreuzfahrtschiff anheuern. Übers Meer fahren und frei statt allein sein.

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